Russische TV-Show: Ausflug ins All zu gewinnen - DER SPIEGEL
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Russische TV-Show Ausflug ins All zu gewinnen

Hoffnungsschimmer für eine siechende Branche: Russlands Raumfahrtindustrie will die Erdumlaufbahn touristisch erschließen - die Reise in den Weltraum gibt es jetzt gar als Hauptpreis einer Spielshow im russischen Fernsehen.
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Moskau - An einem Herbsttag im nächsten Jahr werden selbst die Hollywood-verwöhnten amerikanischen TV-Stationen live das Programm des Moskauer Senders ORT auf ihre Kanäle legen. Denn dann wird der Gewinner einer weltweit einzigartigen TV-Show seinen Preis erhalten: Einen Flug ins All zur Internationalen Raumstation ISS.

Jeder Zuschauer soll an der Show teilnehmen können. Mit Hilfe strenger Tests wollen die Raumfahrtexperten dann 15 bis 20 Kandidaten heraussieben, die im russischen Kosmonauten-Trainingscenter für den Aufenthalt in Weltraumfähre und Raumstation getrimmt werden. Auch ein umfassender Medizin-Check steht auf dem Programm. Wer am Ende der Show in Training und Test die besten Noten erhält, fliegt.

Die Show stellt nichts anderes als einen verzweifelten Versuch der russischen Raumfahrtindustrie dar, möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen - ohne externe Gelder wie von ORT droht die Branche den Anschluss an die ISS zu verlieren. Für Russlands Raumfahrtunternehmen könnte das den Kollaps bedeuten, denn sie würden ihre teure Technik nicht mehr verkaufen können.

Ende September hatte der Chef des russischen Raumfahrtkonzerns Energija bereits gefordert, die ISS vorübergehend einzumotten, da sowohl ihr weiterer Aufbau als auch ihr Betrieb nicht mehr zu finanzieren sei. Energija hat für die ISS zum Beispiel einen Raumtransporter gebaut, "Sojus"-Fahrzeuge, die die Astronauten zur "ISS" bringen und unbemannte Nachschubtransporter für die Raumstation.

Doch die russische Regierung scheint nicht mehr an der ISS interessiert zu sein, die von 14 Nationen getragen wird, berichtet die "Welt". Im vergangenen Jahr verletzte Russland seine Vertragspflichten und zahlte nicht mehr für die ISS - die Folge: Energija hat umgerechnet 32 Millionen Euro Schulden und kann nur noch wenige Raumfahrzeuge liefern. Jetzt steuert das russische Unternehmen auf den Bankrott zu - und mit ihm die gesamte Raumfahrtbranche Russlands.

Doch die Show soll weitergehen, und das meinen die Russen wörtlich. Mit der Sendung auf ORT wollen die Raumfahrer eine vermeintliche Marktlücke stopfen: Tourismus in der Umlaufbahn. "Marktführer" im All will die russische Raumfahrtindustrie laut der Fachzeitschrift "Flugrevue" werden - dabei ist sie es längst, Konkurrenten gibt es nicht.

20 Millionen Dollar haben sich die russischen Raumfahrer jeweils von dem kalifornischen Milliardär Dennis Tito und dem Südafrikaner und Internet-Tycoon Mark Shuttleworth für deren Ausflüge in russischen Weltraumfähren zur ISS kassiert und bald sollen es noch viel mehr werden. Supermodel Cindy Crawford soll angeblich auf einen Ausflug ins All warten, ebenso die Ex-NASA-Mitarbeiterin Laurie Garver und ein reicher polnischer Geschäftsmann.

Die russischen Firmen betteln bereits bei der Regierung um Gelder für den Bau des kommerziellen "Enterprise"-Moduls, das insgesamt drei Weltraumtouristen für vier Wochen als überirdisches Hotelzimmer dienen soll. Weiter sind Touristenshuttles in Planung, kleine Raumfähren, die zwei Passagieren und dem Piloten Platz bieten. Sieben Shuttles wollen die Russen bauen und mit jedem Flug pro Passagier 150.000 Dollar Gewinn einfahren. 100 Frühbucher sollen schon gezahlt haben, weitere 150 Interessenten soll es geben.

Was der Fernsehsender ORT für seinen Hauptgewinn zahlt, ist nicht bekannt. Über Geld redet man nicht - es geht schließlich um das Wohlergehen der russischen Nation: "Das Projekt wird die Raumfahrt-Erfolge unseres Landes demonstrieren", sagte ORT-Direktor Konstantin Ernst - Worte, die den Firmen der Raumfahrtindustrie gefallen dürften. "Attraktiv und vielversprechend" sei die TV-Show für das nationale Raumfahrtprogramm, versicherte Yuri Koptjev, Chef der Russischen Raumfahrtagentur Rosviakosmos. Der Mann spricht schon ganz im Stil eines Ministers - für Tourismus.

Hendrik Ankenbrand