Russisches Model-Business: Schönheit - ein schmieriges Geschäft - DER SPIEGEL
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Russisches Model-Business Schönheit - ein schmieriges Geschäft

In Russland boomt das Model-Geschäft. 150 Agenturen allein in Moskau locken junge Frauen mit dem Traum von Reichtum und Prominenz. Doch der Weg auf den Laufsteg ist gefährlich: Viele Mädchen aus der Provinz landen in den Fängen der organisierten Kriminalität.
Von André Ballin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - Nastja ist eine der wenigen, die Glück gehabt haben: Ein paar Jahre lang hat sie erfolgreich als Model gearbeitet, sie machte Karriere, sogar im Westen. Sechs Jahre lang lebte sie in Frankreich und war dort bei der Modelagentur Major beschäftigt. Natürlich, auch dort sei nicht alles großartig gewesen, sagt sie heute. Gerade einmal 35 Prozent der Einnahmen seien ihr geblieben. Den Rest zogen ihr Agentur und Staat als Anteil und Steuern ab.

Aber besser als in Russland war es allemal, sagt Nastja.

Model-Auftritt bei der Russian Fashion Week: Immer auf der Suche nach hübschen Gesichtern und schlanken Körpern, um Kosmetik, Mode oder Diäten anzupreisen

Model-Auftritt bei der Russian Fashion Week: Immer auf der Suche nach hübschen Gesichtern und schlanken Körpern, um Kosmetik, Mode oder Diäten anzupreisen

Foto: Getty Images

In Moskau jedenfalls habe sie deutlich weniger verdient – auch wenn die Agenturen ihr dort nur 20 bis 30 Prozent von ihren Gagen abzogen. Selbst erfahrene Models bekommen hier lediglich zwischen 100 und 150 Dollar für eine Fotosession, abzüglich der Vermittlungsgebühren – ein karger Lohn für die anstrengende Arbeit, denn natürlich gibt es solche Termine nicht jeden Tag.

Dennoch - viele junge Frauen in Russland träumen davon, zum Supermodel im Range einer Wlada Roslijakowa oder Elena Rosenkowa aufzusteigen. Rund 150 Model-Agenturen gibt es inzwischen allein in Moskau. Viele bieten "Model-Schulen" an, auf denen die jungen Frauen das Defilieren, Rhythmusgefühl, Schminken und sogar das Einmaleins der Schauspielkunst lernen sollen. Ein solcher zwei- bis dreimonatiger Kurs kostet zwischen 400 und 700 Dollar - und ist in der Regel einfach nur ein Mittel, um die hoffnungsfrohen Bewerberinnen abzukassieren.

Die Model-Branche profitiert vom rasanten Wirtschaftswachstum Russlands, das auch der Werbeindustrie einen beachtlichen Umsatz beschert. Zwischen 4 und 4,5 Milliarden Dollar nimmt die Reklame-Branche inzwischen im Jahr ein. Der größte Teil davon kursiert in Moskau, und so ist die Hauptstadt zum Zentrum der Model-Agenturen geworden – sie dienen den Reklame-Machern quasi als Zulieferer.

Gesicht mit konzentrierter Schwefelsäure übergossen

Ein weiterer Kunde für die Branche sind die Hochglanz-Magazine, die wachsenden Absatz unter den Frauen der neuen Mittelklasse finden. Ob "Glamour", "Cosmopolitan" oder die rein russischen Blätter wie "Krestjanka" ("Bäuerin") und "Krasota i sdorowje" ("Schönheit und Gesundheit") - sie alle sind auf der Suche nach hübschen Gesichtern und schlanken Körpern, um Kosmetik, Mode oder Diäten anzupreisen. "Nur etwa ein Drittel unserer Seiten besteht aus der Übersetzung des amerikanischen Originals, den Rest machen wir selbst", verrät Igor Kompaniets, Redakteur bei der russischsprachigen Ausgabe von "Glamour".

Die Konkurrenz auf dem Markt ist groß - Jahr für Jahr kommen Tausende junger Frauen aus der Provinz nach Moskau und träumen von einer Fotomodel-Karriere. Doch der Weg auf den Laufsteg ist gefährlich. Das Business befreit sich nur langsam aus den Fängen der organisierten Kriminalität, die es in der Ära Jelzin fest im Griff hatte. 1997 wurde zum Beispiel die Finalistin des "Miss Russia 1996"-Wettbewerbs, Swetlana Kotowa, in Griechenland getötet. Ihr Freund, selbst ein berüchtigter Killer aus der Ural-Region, kam bei dem Anschlag ebenfalls ums Leben.

Die Siegerin des Wettbewerbs, Alexandra Petrowa aus Tschuwaschien, überlebte ihre Model-Kollegin nur um drei Jahre. Vor ihrer Wohnung wurde die damals 20-Jährige gemeinsam mit ihrem 37-jährigen Verlobten erschossen. Auch ihr Partner war Bandit, er galt als lokale Größe in der Unterwelt.

"Nicht groß verheimlicht, dass es um Prostitution geht"

So manches Model musste dafür bezahlen, sich nicht mit der Unterwelt eingelassen zu haben. Eleanora Kondratjuk aus Sotschi muss bis heute mit den Folgen eines brutalen Anschlags aus dem Jahr 1999 leben, den ein verschmähter Verehrer in Auftrag gab. Das Gesicht der damals 18-Jährigen wurde mit konzentrierter Schwefelsäure übergossen.

Solche Fälle brutaler Gewalt sind in der jüngsten Vergangenheit seltener geworden. Doch immer noch sind Prostitution und Drogenkonsum in der Branche weit verbreitet. "90 Prozent der 'Models' sind Prostituierte", behauptet Swetlana, die früher einmal als Scout für eine österreichische Model-Agentur gearbeitet hat. Ganz so hoch sei der Prozentsatz nicht, widerspricht "Glamour"-Redakteur Kompaniets – aber auch er sagt, dass die Branche nach wie vor von Prostitution, Drogen und Kriminalität durchsetzt sei.

Viele der sogenannten Model-Agenturen trügen Mitschuld daran, sagt er. "Da kommt ein 16-jähriges naives Mädchen in eine Agentur und ihr wird gesagt: Wir haben im Moment keinen Platz hier, aber Sie können in einem Club in Hainan auftreten", sagt der Redakteur. "Das Mädchen, das glaubt, nur so eine Chance zu haben, später genommen zu werden, stimmt zu. Dabei wurde noch nicht einmal groß verheimlicht, dass es sich um Prostitution handelt."

Andere Agenturen haben sich mehr oder weniger offen auf Kuppelei verlegt. Die Mädchen würden in einen Club geführt, wo sie sich dann mit älteren wohlhabenden Männern - oft aus dem Ausland - bekannt machen könnten, berichtet Kompaniets. Nach Angaben der Tageszeitung "Nowije Iswestija" ist der Umsatz, der in den sogenannten Export-Dienstleistungen erzielt wird, bis heute um ein Vielfaches höher als im legalen Model-Business.

Nastja ist inzwischen aus Frankreich zurück nach Moskau gekommen - aus Heimweh, wie sie sagt. Als Model will sie nicht mehr arbeiten. "In Russland gibt es zu wenig echte Profis in dem Geschäft. Es gibt keine Producer und auch gute Fotografen sind eine Seltenheit." Nun will sie sich selbständig machen – als Fotografin.

Wenn das gelingt, wäre es ein großer Karrieresprung. Ein guter Fotograf kann bei einem Shooting für ein Hochglanzjournal auch in Russland auf mehrere Tausend Dollar kommen – mindestens das zehnfache dessen, was ein Model verdient.