Russland: Ein Lebensabend im Altersheim - undenkbar - DER SPIEGEL
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Russland Ein Lebensabend im Altersheim - undenkbar

Eigentlich könnte Walentina Ljusaj sich von einer Krankenschwester helfen lassen - der Staat würde das zahlen. Doch wie viele alte Menschen will die 83-Jährige nur von der Familie gepflegt werden, so lange es irgendwie geht.
Von Olga Zasukhina
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Walentina Ljusaj ist eine eigenwillige alte Dame. Sie geht nur ungern zum Arzt und fühlt sich unter ihren Vertrauten im engsten Familienkreis am wohlsten. Vor einigen Jahren hat sie den Krebs besiegt. Aber sie ist seitdem auf fremde Hilfe angewiesen.

In Russland war das bis vor einigen Jahren zumindest theoretisch kein Problem. Pflegebedürftige hatten einen Anspruch auf die regelmäßige Hilfe einer Pflegerin. Doch spätestens seit der Staat dieses Recht durch Geldzahlungen ersetzte, ist der Leidensdruck der Betroffenen immens. Denn die tatsächlichen Pflegekosten übersteigen die staatlichen Leistungen bei weitem.

So ist die 83-jährige Ljusaj auf ihre Familie angewiesen. Sie selbst bemüht sich, das Positive zu sehen. Ein fremder Mensch bei ihr zu Hause, der Ordnung mache oder Geschirr abwasche, verursache ihr sowieso Unbehagen, sagt sie. Und sich selbst von Fremden waschen oder anziehen lassen - für die alte Dame ist das undenkbar. Eine Krankenschwester kommt nur im Notfall ins Haus.

Vielleicht liegt es an der Mentalität von Menschen wie Ljusaj, dass das staatliche System noch nicht zusammengebrochen ist. Die größte Last schultern immer noch die Familien. Den Lebensabend in einem Altenheim zu verbringen, gilt als das Schlimmste, was einem passieren kann. Auch ältere Menschen, die nicht mehr alleine zurechtkommen, bleiben deshalb lieber im Kreis der Angehörigen zu Hause und werden dort gepflegt - das Engagement wird von staatlicher Seite allerdings nicht belohnt. Finanzielle Unterstützung für die pflegenden Angehörigen gibt es nicht.

Bislang kommt die alte Dame trotzdem gut zurecht. Sie lebt mit ihrer 62-jährigen Tochter zusammen, die genau wie sie eine kleine Rente bezieht. Auf die Betreuungshilfe vom staatlichen Krankenhaus will sie so lange wie möglich verzichten. Einige Male schon war sie wegen Herzproblemen oder anderer Beschwerden dorthin gebracht worden - jedes Mal flehte sie ihre Verwandten an, sie wieder nach Hause zu bringen. Dann unterschrieb die eigenwillige Dame die erforderliche Erklärung und verließ die fremde ungemütliche Atmosphäre, die in den meisten Krankenhäusern herrscht.

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