Ryanair-Chef auf Büßertour: "Man wird einfach gierig" - DER SPIEGEL
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Ryanair-Chef auf Büßertour "Man wird einfach gierig"

Ryanair-Chef Michael O'Leary jagt im Privatjet durch Deutschland. Seine Botschaft: Je schlechter es der Branche geht, umso besser für ihn. Doch so großspurig sich der Ire gibt - die Krise hat auch den Vorzeige-Billigflieger erfasst.
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Es ist früh am Morgen, doch Michael O'Leary strotzt vor Energie. Federnden Schrittes ist der Ryanair-Chef zur ersten von drei Pressekonferenzen an diesem Tag in die altehrwürdige Bremer Industrie- und Handelskammer geeilt. Jetzt schleppt er das mehr als mannshohe Modell einer Boeing 737 persönlich um den Tisch herum - die Fotografen sollen schließlich gute Bilder haben. Der für seine Großspurigkeit bekannte Ryanair-Chef macht neuerdings auf Bescheidenheit. "Es ist sicher selten, dass jemand in Jeans und billigem Hemd hier in diese erlesenen Räumlichkeiten eingelassen wird – aber ich kann mir keinen Schlips und kein Jackett leisten", eröffnet der 47-Jährige seine kurze Ansprache.

Ein Witz, sicherlich, O'Learys geschätztes Vermögen liegt bei über einer halben Milliarde Euro. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt darin.

Der Flugbranche geht es schlecht - und erstmals bekommt das auch Ryanair zu spüren. Europas größter Billigflieger, der sich mit angepeilten 60 Millionen Passagieren dieses Jahr bereits als die größte internationale Linienfluggesellschaft der Welt bezeichnet, hat im ersten Quartal 2008 Verluste geschrieben. Zum ersten Mal seit vier Jahren.

Nun ist O'Leary unterwegs auf Deutschlandtour. Zur Schadensbegrenzung. "Nach Gewinnen von 480 Millionen Euro letztes Jahr werden wir dieses Jahr wegen der hohen Ölpreise wahrscheinlich auf null Profit absinken – na und? Da werden wir drüber hinwegkommen", erklärt der Ire stoisch. Sicher, der Aktienkurs sei in den letzten zwölf Monaten um 70 Prozent gesunken, gesteht er ein. "Ich selber habe dabei mehr verloren als sonst irgendwer – schließlich bin ich mit gut fünf Prozent größter Einzelaktionär", grinst der jugendlich wirkende Airlinechef.

"We fucked up", bringt es der Billigflug-Guru auf den Punkt. Der größte Fehler: Dass Ryanair dieses Jahr so gut wie kein Fuel Hedging betrieben hat - also keine Ölpreis-Absicherungsgeschäfte. Gerade mal zehn Prozent des Bedarfs seien zu 70 Dollar je Barrel abgesichert, während 2007 der Gesamtbedarf zu 65 Dollar abgesichert worden war. "Wir haben einfach nicht erkannt, dass das gesamte Ölpreis-Plateau sich auf ein anderes Level bewegen würde, man wird einfach gierig", sagt O’Leary offenherzig.

"Im Winter wird es jede Menge Pleiten geben"

Umso wichtiger seine Botschaft, die er an diesem Tag noch in Düsseldorf und Frankfurt mantraartig wiederholen wird: "Bei uns wird es keine Kerosinzuschläge geben, niemals, auch wenn das Barrel über 200 Dollar kosten sollte." Die Lufthansa, darauf verweist der Ire stets, hat etwa 85 Prozent ihres Spritbedarfs abgesichert, "aber warum heben die dann zum zwölften Mal ihren Kerosinzuschlag an?"

Unterdessen ist Ryanair freilich nicht zimperlich, seinen Kunden auch für bisherige Selbstverständlichkeiten wie etwa die Benutzung des Check-in-Schalters extra Gebühren abzuknöpfen, die zuletzt stetig anstiegen. Ist das nicht eine Preiserhöhung mit anderen Mitteln? O’Leary zieht eine Grimasse. Es ginge dabei ja nicht ums Geld, mault er: "Wir wollen nur möglichst verhindern, dass unsere Kunden Gepäck aufgeben, immerhin 45 Prozent tun das auch nicht."

Am Ende wird er als Sieger aus der Krise hervorgehen, da ist sich O'Leary sicher. "Die Zukunft für Ryanair ist rosig, für uns wird’s jetzt erst richtig interessant", flötet er. "Im Winter wird es jede Menge Airline-Pleiten geben, keine andere Gesellschaft kann im Ticketpreis mit uns mithalten." Eine Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) hatte tatsächlich kürzlich ergeben, dass das Ryanair-Ticket ab Deutschland im Schnitt 18,97 Euro kostet, während Germanwings (31,17 Euro), TUIfly (38,41 Euro), easyJet (43,44 Euro) und Air Berlin (62,01 Euro) deutlich darüber liegen. "Nur Lufthansa, Air France-KLM, British Airways und Ryanair werden in Europa überleben, für mittelpreisige Airlines wie Air Berlin wird es ganz eng", erklärt O’Leary.

Sicher - auch Ryanair werde am unteren Ende des Markts Passagiere verlieren, vor allem Freizeitreisende. Dafür würden aber noch viel mehr solche Kunden neu dazustoßen, die bisher mit Lufthansa und anderen Linienfliegern unterwegs waren.

Alles wie vorher - nur eben ein Schloss als Wohnung

Noch schnell ein paar Faxen für die Fotografen – schon geht es in der schwarzen Mercedes S-Klasse zum Flughafen. Auf zum nächsten Termin. Und ab jetzt ist Fotografieren tabu. Denn die Presse-Ochsentour des heutigen Tages erledigt der Airlinechef im Privatjet. Innen empfangen sechs weich gepolsterte Ledersitze die Passagiere, hinter O’Learys Lehne steht eine eingepackte Flasche "Veuve Cliquot"-Champagner. Michael O’Leary ist sich des krassen Gegensatzes zum Billigfluggeschäft durchaus bewusst.

"Das ist doch eine vollkommene Geldverschwendung", schimpft er deshalb über die Privatfliegerei, als er sich angeschnallt hat. Mit seiner Frau und den beiden Kindern, ein und zwei Jahre alt, sei er letztes Jahr in den Portugal-Urlaub mit Ryanair geflogen. "Man will doch, dass seine Kinder normal aufwachsen und ihr eigenes Gepäck tragen", sagt er. Dabei hat er ansonsten kein Problem mit seinem Geld. "Reich zu sein ist sehr angenehm", philosophiert er fröhlich. "Aber du wachst nicht jeden Tag auf und denkst: Wow, du bist reich. Du bist immer noch derselbe Typ wie zu der Zeit, als du noch nicht reich warst." Außer dass Familie O’Leary heute eben in einem denkmalgeschützten georgianischen Schloss nahe Dublin lebt.

"Wenn eine Rezession ausbräche, würden wir zuschlagen"

O'Leary ist der lebende Gegenbeweis des beliebten Branchenwitzes: "Wie wird man in der Luftfahrtbranche Millionär? Indem man als Milliardär anfängt." Der Ire hat mit Ryanair das große Geschäft gemacht. Und er ist überzeugt, dass er auch die aktuelle Krise bestens meistern wird. Für die nächsten Jahre rechnet Ryanair weiter mit jeweils einem Passagierzuwachs von zehn Millionen Kunden, 2012 soll die Hundert-Millionen-Grenze durchbrochen werden.

In zwei bis drei Jahren will O'Leary dann den Chefposten abgeben. "Ryanair ist jetzt groß und überall bekannt, die brauchen die billige Publicity nicht mehr, die ich ihnen verschafft habe", sinniert er. "Wenn ich gehe, sind wir die größte Fluggesellschaft in Europa, und es ist Zeit für einen Imagewechsel. Weniger aggressiv und dafür professioneller soll es werden."

Doch schon jetzt hat Michael O’Leary ein neues Projekt, das ihn reizt, obwohl er bisher bestreitet, sich dort persönlich engagieren zu wollen: Billige Langstreckenflüge einer neuen Airline von zehn bis zwölf europäischen Ryanair-Basen wie Hahn im Hunsrück zu Sekundärflughäfen an die US-Ostküste. "Doch dafür brauchen wir 30 bis 50 Langstreckenflugzeuge, und die sind nicht billig zu haben derzeit. Dafür müsste schon eine große Krise oder Rezession ausbrechen, dann würden wir sofort zuschlagen."