Salesforce-Börsengang Der Partymeister räumt ab
New York - Zwischenzeitlich sah es so aus, als ob der Börsengang von Salesforce.com ein Desaster würde, weil sich Marc Benioff wieder einmal um Kopf und Kragen quatschen musste. Der redefreudige Vorstandschef von Salesforce.com hatte vor dem Börsendebüt am vergangenen Mittwoch gegen die ihm von der US-Börsenaufsicht SEC aufgelegte Schweigepflicht (quiet period) verstoßen und war seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen: Er hatte einem Reporter erzählt, was für ein großartiges Unternehmen Salesforce.com ist. Der Börsengang musste daraufhin um einige Wochen verschoben werden
Jetzt hat Benioff definitiv wieder Oberwasser. Am ersten Handelstag schoss die Aktie mit dem Kürzel CRM um 56 Prozent in die Höhe. Das ist der beste Start, den eine Erstemission (IPO) in den USA in diesem Jahr hingelegt hat. Zwar gilt Salesforce.com bereits seit Monaten nach Google als das wohl heißeste Unternehmen des Silicon Valley, angesichts der Probleme im Vorfeld war der hervorragende Start allerdings eine Überraschung.
Laut den von Salesforce.com bei der SEC eingereichten Unterlagen wollte das Unternehmen zunächst einen Preis von 7,50 bis 8,50 Dollar je Aktie erzielen. Wegen der hohen Nachfrage konnte das Software-Unternehmen seine Anteilsscheine jedoch für elf Dollar losschlagen. Die Aktie ging an der New York Stock Exchange (NYSE) am Mittwochabend mit 17,20 Dollar aus dem Handel.
Software, die keine sein will
Die 1999 von Benioff gegründete Firma verkauft Software für das Management von Kundenbeziehungen (Customer Relationship Management, kurz CRM). Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Salesforce.com einen Umsatz von 96 Millionen Dollar und ein Nettoergebnis von 3,5 Millionen Dollar. Die Besonderheit an Benioffs Software ist, dass sie nicht wie normalerweise üblich auf die Rechner der Kunden aufgespielt werden muss. Stattdessen liegen Software und Daten auf einem Salesforce-Server, der Kunde ruft die Anwendung über einen herkömmlichen Webbrowser auf.
Mit diesem Modell hat Salesforce.com andere CRM-Anbieter wie Marktführer Siebel Systems arg in Bedrängnis gebracht. Viele Unternehmen sind es leid, neue Software in einem mehrwöchigen oder gar mehrmonatigen Prozess installieren und von Beratern und EDV-Spezialisten konfigurieren zu lassen. Das Salesforce-Produkt kommt ohne Installation aus und ist zudem deutlich kostengünstiger als die meisten anderen verfügbaren Lösungen. Kritiker dieses im Techie-Jargon ASP (Application Service Providing) genannten Modells weisen allerdings darauf hin, dass sich Benioffs Browser-Software nicht für komplexe Systeme in großen Konzernen eignet.
Benioff ist es gelungen, sein an und für sich langweiliges Produkt mit cleverer PR-Arbeit über die Branche hinaus bekannt zu machen. Mal heuert er Statisten an, die bei einer Veranstaltung der Konkurrenz eine Demonstration inszenieren und "No Software"-Schilder in die Luft halten. Mal mietet er das Baseball-Stadion der San Francisco Giants und engagiert David Bowie für die musikalische Untermalung. Oder er ernennt pressewirksam seinen Golden Retriever Koa zum "Chief Love Officer" der Firma.
Wohnsitz auf Hawaii
Gelernt hat er diese Marketing-Masche beim großen Zampano der Branche: Larry Ellison, dem Chef von Oracle. Nach einer frühen Programmierer-Karriere an der High School, wo er für die Atari-Spielekonsole Titel wie "Crypt of the Undead" zusammenstoppelte, arbeitete Benioff 13 Jahre lang für Ellison. Dort galt er als Verkaufstalent und wurde ziemlich schnell ziemlich reich. Mit 31 konnte Benioff sich eine Auszeit in Indien und einen Zweitwohnsitz auf Hawaii leisten. Dort geht er heute samt Management mit Delfinen plantschen.
Nach dem furiosen Debüt des "letzten Dotcoms" (Benioff) hofft die Wall Street nun auf gute Stimmung für die weiteren in diesem Jahr anstehenden Börsengänge. Vor allem die Tatsache, dass man am ersten Handelstag mit IPO-Aktien wieder einen Gewinn von mehr als 50 Prozent einfahren kann, könnte die Phantasie der Anleger anregen, so das Kalkül. Skepsis ist allerdings angebracht. Gerade hat Google, der andere Hoffnungsträger der Branche, in einem veränderten IPO-Prospekt darauf hingewiesen, dass nach der Erstemission nicht mit einem explosionsartigen Anstieg der Aktie zu rechnen sei.
Benioff, für den immer noch die Regeln der quiet period gelten, hat sich bisher noch nicht geäußert. Seine Angestellten können sich nach dem erfolgreichen Börsengang aber wohl auf eine der berüchtigten Salesforce-Partys freuen. Ihr CEO gilt als der größte Partymeister des Valley und wird sich diesmal garantiert nicht lumpen lassen.