Sanierungsfall Telekom "Wir werden uns nicht kaputt sparen"
Hannover - Der Tag hatte für Ricke mit einem schweren Gang vor die Presse begonnen. Er hatte einen Verlust in Höhe von 24,6 Milliarden Euro Verlust bekannt zu geben - der höchste, den ein Unternehmen in der europäischen Wirtschaftsgeschichte je präsentiert hat.
Natürlich kamen die Zahlen für die Öffentlichkeit nicht vollkommen überraschend, zu viel war im Vorfeld an Eckdaten durchgesickert. Außerdem hatten erst in der vergangenen Woche France Télécom und Vivendi Universal Verluste in Höhe von 20 und 22 Milliarden Euro gemeldet. Nun hat die Telekom die Franzosen in der Negativ-Wertung übertrumpft. "Wir sind uns der Dimension dieser Zahl bewusst", sagte Ricke dazu in Hannover. "Da gibt es nichts zu beschönigen".
Im Jahr davor hatte der Verlust nach Steuern noch 3,5 Milliarden Euro betragen. Der immense Buchverlust ergab sich vor allem aus Wertberichtigungen auf Mobilfunklizenzen und Unternehmenswerte in Höhe von 19,3 Milliarden Euro.
Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) und vor Sonderposten habe sich aber auf 16,3 Milliarden Euro verbessert - nach 15,1 Milliarden Euro vor Jahresfrist. Von Reuters befragte Analysten hatten für das Gesamtjahr mit einem bereinigten Ebitda von 16,2 Milliarden Euro gerechnet.
Den Konzernumsatz 2002 bezifferte die Telekom mit 53,7 Milliarden Euro, nach 48,3 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Free-Cash-Flow, eine wichtige Kennzahl für die Liquidität, sei zugleich auf 4,8 Milliarden gestiegen. Im Vorjahr hatte er noch 1,1 Milliarden Euro betragen.
Bei Umsatz und operativem Ergebnis erfüllte die Telekom ihre bereits reduzierten Geschäftserwartungen. Vor allem im vierten Quartal konnte die Telekom beim Umsatz sogar überraschend stark zulegen. Was die Geschäftsaussichten für 2003 betrifft, wollte Ricke sich allerdings zunächst nicht festlegen. Auch 2003 werde aber ein schwieriges Jahr werden.
Entscheidend für den hohen Verlust aber sei der Kehraus in der Bilanz gewesen, sagte Ricke. Es sei notwendig gewesen, die Bilanz in einem strategischen Großreinemachen aufzuräumen. Trotz des eisernen Sparkurses aber werde die Telekom 2003 weiter wachsen.
Die Gesamtverschuldung habe zum Jahresende 61,1 Milliarden Euro Milliarden Euro betragen. 62,8 Milliarden hatten noch im Vorjahr in den Büchern gestanden. Das Geld spülte der Verkauf von Aktien der Internet-Tochter T-Online und weiterer Beteiligungen in die Kassen.
Der Schuldenabbau wird für Beobachter und Aktionäre weiter im Fokus stehen. Bis zum Jahresende wollen die Bonner ihre Verbindlichkeiten auf nur noch 50 bis 53 Milliarden Euro reduziert haben. Nur damit dürfte sie ihr Bonitätsrating kurz über den Niveau von "Ramsch"-Anleihen halten können. Nun allerdings erscheint das Ziel angesichts der gemeldeten Zahlen äußert ehrgeizig.
Mit dem Großreinemachen kann für den Telekom-Vorstand die Lage nur noch besser werden. Zugleich sind die Voraussetzungen geschaffen, um den Kurs der T-Aktie wieder auf Trab zu bringen. Derzeit dümpelt das Papier zwischen zehn und zwölf Euro deutlich unter dem Ausgabekurs von 1996. Für 2002 gibt es für T-Aktionäre noch einmal eine Enttäuschung: Erstmals seit dem Börsengang werden sie bei der Dividende leer ausgehen. Sie file dem harten Sparkurs zum opfer, den Ricke dem Unternehmen verordnet hat.
Um das Schuldenziel zu erreichen, sollen in den kommenden Jahren auch zahlreiche Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig aber soll der Konzern in den vier Divisionen Mobilfunk, Online, Festnetz und Systemgeschäft weiter wachsen. Offiziell sind Akquisitionen zurzeit zwar tabu. Doch auf eine gute Akquisition, die die Zukunft der Telekom sichern hilft, wird Ricke wohl kaum verzichten. "Bei allem Druck, mit dem wir den Schuldenabbau vorantreiben, werden wir einen Fehler nicht begehen: "Uns kurzfristig gesund sparen und mittelfristig zu Tode schrumpfen", sagte Ricke.