SAP Erster Entlassungsschub in der Konzerngeschichte
Walldorf - Bei der amerikanischen SAP-Landesgesellschaft würden kurzfristig insgesamt rund 300 der 4200 Stellen wegfallen, bestätigte ein SAP-Firmensprecher auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Stellen würden einerseits durch die Ausnutzung natürlicher Fluktuation wegfallen, andererseits werde "sicherlich ein größerer Teil (der Abbaus) über Kündigungen" erfolgen. Bei SAP hatte es noch nie Entlassungen in nennenswerter Zahl gegeben.
Der Stellenabbau sei ein "laufender Prozess", der in diesen Tagen begonnen habe und noch im vierten Quartal abgeschlossen sein werde. Betroffen seien sämtliche SAP-Büros in den USA und alle Bereiche wie Administration, Vertrieb und Beratung. "Das geht quer über die Organisation hinweg", so der Sprecher. Er gehe davon aus, dass mit dem Abbau der Jobs alle Maßnahmen getroffen seien, die zur "Refokussierung" von SAP USA nötig seien. Die Notwendigkeit, in den USA auf die Kostenbremse zu treten, sei bereits bei der Vorlage der letzten Quartalszahlen im Oktober bekannt gegeben worden, jetzt aber gingen "die Schreiben (an die Mitarbeiter) raus" und die Größenordnung des Stellenabbaus sei bekannt.
Begonnen habe der Job-Abbau "schon vor drei oder vier Wochen" im SAP-Büro in Austin, Texas, in dem unter anderem eine Vertriebsabteilung angesiedelt ist. Hier sei das Callcenter, das SAP-Kunden bei der Problembewältigung hilft, aufgelöst worden. Von den zuvor 125 Mitarbeitern hätten 50 ein Angebot angenommen, in die amerikanische SAP-Zentrale in Newtown Square zu wechseln. Die übrigen 75 Service-Mitarbeiter hätten ihren Job verloren, unter anderem durch "Lay-offs", also Entlassungen. In der Zahl von 300 abzubauenden Stellen seien diese 75 Jobs schon inbegriffen.
Der Sprecher betonte, in den USA sei das Lizenzgeschäft im dritten Quartal um 34 Prozent eingebrochen, während es in Europa gewachsen sei. Über den bisherigen Geschäftsverlauf auf dem amerikanischen Markt im laufenden Quartal sei man aber angenehm überrascht. Zugleich verwies der Sprecher aber auf eine Interview-Aussage von SAP-Chef Plattner von diesem Dienstag, wonach SAP den Einbruch, der im Software-Neugeschäft nach dem 11. September zu verzeichnen war, im vierten Quartal noch nicht wieder aufholen werde.
Einen Bericht der "Financial Times Deutschland" ("FTD"), wonach SAP die bereits beim Bericht über das dritte Quartal nach unten revidierte Gesamtjahresplanung verfehlen könnte, bezeichnete der Sprecher jedoch als Spekulation. Die Mitte Oktober veröffentlichten Planzahlen sehen ein Umsatzplus von 15 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro sowie eine Marge beim operativen Ergebnis von rund 20 Prozent vor. "Solange es hierzu kein aktuelles Statement gibt, behalten diese Prognosen ihre Gültigkeit", so der Sprecher.
Ebenfalls nicht kommentieren wollte der Sprecher die Information der "FTD", SAP-Finanzvorstand Werner Brandt habe in einer internen E-Mail gewarnt, "dass Unternehmen ihre Entscheidungen für den Kauf von Software deutlich nach hinten in das Jahr 2002 hinein verschieben." Zugleich schloss der Sprecher nicht aus, dass der "FTD" diese Mail vorliegt.
In dieser Mail hat der Finanzvorstand dem Bericht zufolge einen härteren Sparkurs auch außerhalb der USA angekündigt: "Alle Länder und alle Unternehmensfunktionen müssen Maßnahmen einführen, um die variablen Ausgaben im vierten Quartal 2001 um 50 Prozent zu kürzen", heiße es in dem Schreiben. Zugleich habe Brandt mitgeteilt, dass "sämtliche Personalrekrutierungen, darunter auch Replacement", verschoben werden müssten.
Der SAP-Sprecher vermied das Wort "Einstellungsstopp" und betonte, dass es in den "strategischen Zukunftsfeldern" nach wie vor möglich sei, Mitarbeiter zu ersetzen, die ihre Stelle aufgeben. Allerdings: Für diese Neueinstellungen bedürfe es einer Zustimmung des Vorstands.
Von Matthias Streitz