SARS "Nagel am Sarg der Weltwirtschaft"
New York/Hongkong - Zunächst war es nur eine kleine Meldung auf einer Internet-Seite, doch das Gerücht verbreitete sich in Hongkong in Windeseile. Die Stadt würde zur "SARS-infizierten Zone" erklärt, hieß es dort. Alle Bewohner würden unter Quarantäne gestellt.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten und sie erfolgte mit ungewöhnlicher Heftigkeit. In heller Panik plünderten die Hongkonger die Supermärkte regelrecht aus. Auch die Börse konnte sich dem Sog nicht entziehen. Die Kurse brachen ein, der Hongkong-Dollar geriet unter Druck. Die Stimmung beruhigte sich erst wieder, als ein Vertreter der Regierung vor die Kameras trat und erklärte, dass alles nur ein Gerücht sei, das jeder Grundlage entbehre - ein schlechter Scherz zum ersten April.
Für Aprilscherze dieser Art haben die Hongkonger zurzeit allerdings sehr wenig Verständnis. Zu groß ist die verbreitete Angst vor der geheimnisvollen Lungenseuche SARS. Allein in Hongkong starben bislang 17 Menschen, 743 Krankheitsfälle wurden bekannt, weltweit erkrankten mehr als 2000. Niemand weiß, wie groß die Gefahr einer Ansteckung wirklich ist und wie man sich schützen kann.
Märkt sind wie ausgestorben
Kaum einer lässt sich mehr in den großen Einkaufzentren und auf den Märkten blicken, weil die Nähe von Menschen die Ansteckungsgefahr erhöht. Auch Restaurants, in denen vor einigen Wochen noch Reservierungen nur mit langen Vorlaufzeiten entgegengenommen wurden, haben in diesen Tagen etliche Tische frei.
So beginnt SARS sich allmählich - gleichsam wie ein Nervengift - auf die Wirtschaft auszuwirken. Und das trifft Hongkong am härtesten. Denn den Wohlstand hat die Metropole ihrer Funktion als Drehkreuz für den gesamten asiatischen Raum zu verdanken. Tausende internationaler Konzerne wickeln von hier aus ihre Geschäfte ab. Im Hafen von Hongkong werden mehr Waren umgeschlagen als in jedem anderen der Welt. Der Chek Lap Kok-Airport verzeichnet den größten Umsatz an Frachtgut, die größte Zahl an Fluggästen in ganz Asien. Aus Sorge, dass sich die SARS-Erreger über diese Kanäle in alle Welt verbreiten, haben die Gesundheitsbehörden Reisen und Güterumschlag mit strengen Auflagen belegt und auf das unbedingt Notwendige reduziert.
Die beiden Fluglinien der Sonderzone, Cathay Pacific Airways und Dragonair, fliegen nur noch sporadisch. British Airways stellte vorübergehend den direkten Flugverkehr zwischen London und Hongkong ein. Insgesamt hat sich die Zahl der Flugausfälle gegenüber der Woche zuvor verdreifacht, wie Flughafensprecherin Chris Donnolley mitteilte. Von den 550 Flügen, die normalerweise täglich in Hongkong starten und landen, nach Angaben allein am Donnerstag 98 gestrichen. Am Freitag standen zunächst 72 Passagierflüge auf der Streichliste, bis zum Abend könnten es aber noch mehr werden.
Volkswirte befürchten Rezession
Unter den Einschränkungen leiden nicht zuletzt auch die Manager der Finanzbranche. Investment-Banker und Anlage-Berater, die für Abschlüsse auf das persönliche Gespräch mit ihren Kunden angewiesen sind, müssen zurzeit auf einen großen Teil ihrer Besuche verzichten. Das Risiko haben die Investment-Häuser erst erkannt, seit einzelne Geschichten in der Branche kursieren. Etwa die von dem Berater von Lehman Brothers, der in einem der Flugzeuge saß, in dem die Behörden einen infizierten Passagier vermuten. Der Finanzmanager wird seitdem einer Untersuchung nach der anderen unterzogen, weil man sicher gehen will, dass er sich nicht angesteckt hat.
Folgen hat das natürlich auch für die Hotels, die einen Einbruch ihrer Übernachtungen um teilweise mehr als dreißig Prozent verzeichnen. In dieser Zahl sind allerdings auch die Stornierungen enthalten, die Touristen aus Angst vor einer Ansteckung durch SARS vorgenommen haben.
Ökonomen fassen die wirtschaftlichen Folgen inzwischen in Zahlen: "Wir glauben, dass das Virus 0,2 bis 0,5 Prozentpunkte an realer Wirtschaftsleistung kosten wird, wenn die Phase der Unsicherheit einen ganzen Monat anhält", erklärte etwa Ben Simpfendorfer von J. P. Morgan Chase gegenüber dem "Wall Street Journal".
Morgan Stanleys Chef-Volkswirt Stephen Roach ist noch wesentlich pessimistischer. Er glaubt, dass SARS sich massiv auf die Weltwirtschaft auswirken wird. "SARS ist ein weiterer Nagel für den Sarg der Weltwirtschaft", sagte er in einer Finanz-Sendung auf CNN. Roach kassierte kurzer Hand seine Prognose, 2003 sei noch ein wirtschaftliches Wachstum in Höhe von 2,5 Prozent zu erwarten. Jetzt so glaubt der Wirtschaftsexperte, bestehe die Gefahr, dass die Weltwirtschaft in eine Rezession abgleite.