SARS: Niemand traut sich mehr nach Chinatown - DER SPIEGEL
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SARS Niemand traut sich mehr nach Chinatown

Die aggressive Lungenkrankheit SARS droht für die chinesischen Viertel der nordamerikanischen Metropolen zur Katastrophe zu werden. Besonders schwer ist Chinatown im kanadischen Toronto betroffen.
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Toronto/New York - In den Straßen des einst quirligen Viertels ist es ruhig geworden. Selbst die Einheimischen verlassen nur noch das Haus, um die notwendigsten Besorgungen zu erledigen, Touristen lassen sich schon lange nicht mehr blicken. Um die schlimmsten Ängste der asiatischen Gemeinde zu mindern, sah sich Kanadas Premierminister Jean Chrétien kürzlich zu einer besonderen Maßnahme gezwungen. Vor großem Presseaufgebot nahm er sein Mittagessen in einem Restaurant in Chinatown zu sich.

Die verbreitete Angst wird Chrétien damit nicht überwinden können, denn keine andere Stadt außerhalb Asiens ist so schwer von der Lungenkrankheit betroffen wie Toronto. Alle 15 SARS-Todesopfer in Kanada stammten von dort, und die meisten der 324 bestätigten oder vermuteten Infektionsfälle nahmen ebendort ihren Ursprung. Die amerikanische Seuchenbehörde CDC in Atlanta sprach am Dienstag eine offizielle Reisewarnung aus.

Wer einen Besuch Torontos nicht vermeiden könne, solle zur Sicherheit eine Erste-Hilfe-Ausrüstung mitnehmen, um Krankenhäuser meiden und kleinere Verletzungen selbst verarzten zu können. Ein Viertel der Infizierten in Kanada ist Krankenhauspersonal. CDC-Direktorin Julie Gerberding legt US-Bürgern auch nahe, vor Reiseantritt mit ihrer Versicherung die Übernahme eventueller Rücktransportkosten aus Kanada wegen SARS zu klären.

"Das heißt mit anderen Worten, das Reiseziel Toronto ist tabu", klagt der Reisebusunternehmer Mark Hannah. Wie andere Geschäftsleute in Toronto, die durch SARS insgesamt Millionenverluste hinnehmen müssen, vergleicht er die Krise mit der in New York nach den Terroranschlägen des 11. September. Ein führender Wirtschaftler, Ted Carmichael von J.P. Morgan Securities Canada, rechnet allein im Frühjahrsquartal mit Einbußen in Höhe von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro. Insgesamt, so der Experte, werde das Wirtschaftswachstum für Kanada nur noch ein Prozent betragen - statt der erwarteten 2,0 bis 2,5 Prozent.

Die Vorsicht der US-Behörden hat bewirkt, dass bislang nur 38 Menschen mit dem gefährlichen Virus infiziert sind, SARS-Todesopfer gab es noch keine. Die meisten Berichte über Neu-Infektionen entlang der US-Westküste erwiesen sich nachträglich als Gerüchte, berichtete der "San Francisco Chronicle".

Trotzdem macht sich auch in US-Metropolen wie New York, San Francisco, Los Angeles oder Seattle allmählich eine Panik breit, die sich auf das Wirtschaftsleben auszuwirken beginnt. Und davon sind wieder besonders die chinesischen Viertel betroffen.

So musste etwa ein Veranstalter für Reisen zur Kanton-Messe, einer der größten Fachmessen für chinesische Exportgüter, in diesem Jahr bei den Buchungen aus San Francisco und Umgebung einen Einbruch von rund 80 Prozent hinnehmen. Ein Restaurantbesitzer in San Francisco bat die Gesundheitsbehörde der Stadt um einen Mitarbeiter, der die Passanten vor seinem Eingang aufklärt, dass sie bei ihm ohne Angst vor SARS einkehren können.

Nach Meinung des Geschäftsmannes Raymond Chao kommen die Kunden überhaupt nur noch für ein Produkt nach Chinatown: eine Wurzel namens Galanga, die angeblich vor SARS schützen soll.

Chao, der das World Ginseng Center in San Francisco betreibt, hat seine Vorräte komplett verkauft und bekommt von seinem Lieferanten in Chinas Guangdong-Provinz, die als SARS-Ursprung gilt, keinen Nachschub mehr. Sein Umsatz sei um 90 Prozent geschrumpft, sagte Chao gegenüber der "New York Times".

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