SARS-Panik: Gefährlicher als ein Erdbeben - DER SPIEGEL
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SARS-Panik Gefährlicher als ein Erdbeben

Milliardendeals werden verschoben, Märkte abgesagt, Fluglinien droht der Bankrott: Die SARS-Seuche gefährdet auf dramatische Weise das fragile Netzwerk der globalen Wirtschaft, droht das ohnehin magere Wachstum abzuwürgen. Existenzbedrohend könnte es für die Börsen und Banken werden: Sollten Händler erkranken, müssten die Handelssäle sofort geschlossen werden.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Little Village Backpackers in Rotorua, Neuseeland ist eigentlich ein Treffpunkt für junge Leute aus aller Welt. Seit dieser Woche hat sich das geändert. Rucksackreisende aus Honkong, China und Kanada werden per Türschild gebeten, das Haus am Redwood Forest nicht zu betreten. Ein ähnliches Generalverbot hat laut "Arab News" die Regierung von Saudi-Arabien erlassen. Mekka-Pilger aus China, Singapur, Hongkong und den Philippinen werden nicht mehr ins Land gelassen.

Auch ohne solche Verbote kommen überall auf der Welt Geschäfte zum Erliegen, weil die Angst vor dem mysteriösen Lungenvirus grassiert. "Seit SARS macht keiner mehr eine Party" sagt John Yuen, Manager des Hongkonger Edelrestaurants Chuk Yuen Seafood. Deshalb hat er - wie die meisten seiner Kollegen - aufgehört, frischen Fisch zu bestellen. Dies wiederum gefährdet die Existenz von Fischern des australischen Great Barrier Reefs. Weil die Kunden aus Hongkong und China nicht mehr kaufen, ist der Pfund-Preis für lebende Korallen-Forellen von 14 Dollar auf 4,50 Dollar gefallen.

SARS werde die ostasiatische Wirtschaft etwa 15 Milliarden Dollar kosten, schätzt die Weltbank. Doch die Zahlen werden voraussichtlich bald nach oben korrigiert werden müssen. Ein Indikator dafür ist die Canton Trade Fair, die wichtigste chinesische Exportmesse. Im vergangenen Jahr wurden dort Aufträge mit einem Gesamtvolumen von rund 17 Milliarden Dollar ausgehandelt. In diesem Jahr, so die ersten Schätzungen der Veranstalter, wird es nicht einmal mehr die Hälfte sein.

Keine Besuche, keine Geschäfte

In der Luftfahrt- und Tourismus-Industrie ist das Ausmaß des Schreckens noch gar nicht absehbar. Der internationale Verband IATA rechnet derzeit für 2003 mit Einbußen in Höhe von etwa zehn Milliarden Dollar in diesem Jahr. Doch die Fluggesellschaften kommen mit immer neuen Horrormeldungen: Die in Hongkong ansässige Cathay Pacific hatte in den ersten Tagen nach dem Ausbruch etwa zwei Fünftel ihrer Flüge gestrichen, mittlerweile liegt die Quote bei 45 Prozent. Die Zahl der Passagiere ist auf ein Drittel der bisherigen April-Zahlen gesunken. Jeden Tag, so ein Sprecher, verliere das Unternehmen rund viereinhalb Millionen Dollar. Ähnlich drastisch sind die Rückgänge der Hotels. In Hongkong, wo jeder zehnte Arbeitsplatz am Tourismus hängt, wurden zu Ostern rund 80 Prozent weniger Gäste registriert, fünf Hotels stehen bereits zum Verkauf.

Hinter den erschreckend geringen Besucher- und Passagierzahlen verbirgt sich eine dramatische Entwicklung. Geschäftsleute haben ihre sonst so rege Aktivität in den Ländern auf ein Minimum zurückgefahren. Der weltgrößte Einzelhändler Wal Mart wollte eigentlich in naher Zukunft 150 neue Märkte in China eröffnen - bis auf weiteres ist es aber allen Managern der Konzernleitung untersagt, dorthin zu fliegen. Der japanische Elektronikhersteller Oki, der eigentlich noch in diesem Monat die Druckerproduktion in China beginnen wollte, lässt die Geräteproduktion vorerst in Thailand. Auch das Großprojekt von Toyota, in einer neuen Fabrik in China ab 2005 rund 50.000 Neuwagen fertigen zu lassen, ist vorerst auf Eis gelegt. "Was wir jetzt tun werden, haben wir noch nicht entschieden", sagt Toyota-Sprecherin Sun Tuoya.

Die Lieferkette reißt

Dass die Lähmung des Wirtschaftslebens in Asien in kürzester Zeit weltweit wirkt, ist leicht nachvollziehbar. In Ostasien werden 85 Prozent aller PC's zusammengebaut, außerdem spielt sich ein Großteil der weltweiten Textilproduktion in diesen Ländern ab. Der weltgrößte Sportschuh-Hersteller Nike beispielsweise hat mittlerweile vier Fünftel seiner Produktion nach Asien ausgelagert. Damit die billige Ware von den Konsumenten auch als Markenprodukt akzeptiert wird, müssen Teams ständig in Asien unterwegs sein und vor Ort die Qualität kontrollieren. Nach Ansicht des US-Arbeitsmarktexperten John Challenger wird SARS deshalb auch in den USA viel Schaden anrichten. "Viele Geschäftsbeziehungen funktionieren nur mit regelmäßigen Treffen. SARS hat das Potenzial, eine größere Wirkung zu entfachen als alles, was wir bisher erlebt haben."

Auch dort, wo die Besuche aus dem Ausland nicht notwendig sind, kann die SARS-Angst die Lieferkette plötzlich abreißen lassen. So wollen beispielsweise die Piloten von Frachtflugzeugen der israelischen El Al nicht mehr in den Fernen Osten fliegen. Nach den bisherigen Bestimmungen der Fluggesellschaft müssen die Flugzeugführer nämlich bis zum Rückflug fünf Tage lang in Hongkong oder China bleiben, bevor sie zurückfliegen dürfen.

Gefährlich als ein Erdbeben

Besonders gefährlich ist das Virus für Branchen, die auf eine permanente Präsenz ihres Personals angewiesen sind. So kann es sich kaum eine Bank leisten, auch nur für kurze Zeit auf ihre Börsenhändler zu verzichten. Würde aber ein SARS-Fall festgestellt, müsste die Belegschaft eines ganzen Handelssaals sofort für zehn Tage von der Außenwelt ferngehalten werden. In der Zentrale der HSBC in Singapur werden deshalb für den Ernsfall so genannte Backup-Handelssäle eingerichtet, bisher war dieses kostspielige Unterfangen nur für Feuer, Terror oder Erdbeben vorgesehen.

Wie schnell der Ernsfall eintreten kann, zeigt das Beispiel Pasir Panjang, der größte Gemüsemarkt von Singapur. Als dort bei drei Händlern die Infektion mit SARS festgestellt wurde, wurde der Markt sofort gesperrt, 2400 Arbeiter und Angestellte kamen in Quarantäne.

Angesichts solcher Risiken könnten sich die Investoren von der einstigen Boomregion abwenden. Nach Ansicht von Dong Tao, Chefökonom von Credit Suisse First Boston wird SARS nicht nur die aktuelle Produktion in den Ländern bremsen. "Die SARS-Angst wird den Entscheidungsprozess von denjenigen beeinflussen, die sich in China noch nicht auskennen". Ähnliche Risiken sieht Andy Xie von Morgan Stanley: "Die SARS-Krise zeigt international operierenden Unternehmen, dass sie ihre Zulieferketten auf mehrere Länder verteilen müssen". Yiping Huang, Analyst bei Salomon Smith Barney, rechnet bereits mit einem Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen in China von 30 Prozent in diesem Quartal. Zum Vergleich: Im ersten Quartal war diese Zahl noch um 56,7 Prozent angestiegen.

Ein bisschen Luxus

Der einzige Boom, den SARS gebracht hat, ist das florierende Geschäft mit Mundschutz-Masken. Auf Modenschauen in Peking werden mittlerweile die Virenfilter auf die dazu getragene Kleidung abgestimmt. Im chinesischen Shenzen werden Masken mit den nachgemachten Logos von Edelmarken für etwas mehr als einen Euro verkauft. Der Hongkonger Designer Peter Lau verlangt für seine Kreationen mit Brüsseler Spitze schon 299 Hongkong-Dollar (knapp 40 Euro) und Lois Vuitton hat eine limitierte Edition von 88 Edel-Masken für umgerechnet rund 230 Euro das Stück problemlos an einem Vormittag verkauft. So richtig freuen will man sich bei dem Luxushersteller über diesen Verkaufserfolg allerdings nicht, weitere Masken mit dem LV-Logo wird es nicht geben - man befürchtet offenbar einen negativen Imagetransfer auf die Marke. Für den Mutterkonzern Moet Hennessy Louis Vuitton (LMVH) ist SARS schon jetzt ein Desaster. Asiatische Kunden kaufen weltweit etwa die Hälfte aller Luxusartikel. Wie stark die Verkaufzahlen einbrechen, hat LVMH noch nicht bekannt gegeben. Nach Angaben der indischen Zeitung "Financial Express" soll sich der Umsatz mit Uhren und Juwelen der LVMH-Tocher Christian Dior etwa halbiert haben.

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