Spekulation Schämt euch
Der Jude Hans Frankenthal hat in Auschwitz für die I.G. Farben gearbeitet, zwangsweise und unter schrecklichen Bedingungen. Auf seinem Oberarm ist die KZ-Nummer 104.920 eintätowiert.
Heute ist Frankenthal Kleinaktionär der I.G. Farben - um für die Rechte der Zwangsarbeiter zu kämpfen. Seine Mitaktionäre aber wollen von der Nazi-Zeit nichts wissen. »Aufhören«, schallte es aus den hinteren Reihen, als Frankenthal am Freitag vergangener Woche auf der Hauptversammlung der Gesellschaft in Frankfurt über Auschwitz reden wollte. »Raus mit dem Kerl«, schrie eine Kleinaktionärin.
Für die meisten Aktionäre sind die Scheine der I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft in Abwicklung nur ein Spekulationspapier. Was schert die Vergangenheit, wenn die Zukunft glänzende Gewinne verspricht?
Eigentlich wollte sich die Nachfolgegesellschaft des 1945 von den Alliierten zerschlagenen Chemiekonzerns I.G.F. in diesem Jahr auflösen. Das Restvermögen sollte unter ihren Aktionären verteilt werden. Die Wiedervereinigung hat dies verhindert. Durch den Einigungsvertrag aber sieht die I.G. Farben i. A. nun die Chance, an ihr beträchtliches Vermögen in der ehemaligen DDR _(* Auf der Hauptversammlung am Freitag ) _(vergangener Woche. ) zu kommen. Ihre Firmen und Grundstücke in Ostdeutschland waren in der Firmenbilanz als »Erinnerungsposten« mit einer Mark bewertet.
Nun hat die Gesellschaft mit einem Abwicklungskapital von knapp 140 Millionen Mark Ansprüche angemeldet: auf die Chemiewerke Leuna und Buna, die Filmfabrik Wolfen, auf Braunkohlegruben und insgesamt 151 Millionen Quadratmeter Land. Die Vorstandsmitglieder Ernst-Joachim Bartels und Günter Vollmann, Liquidatoren genannt, haben richtig Arbeit gefunden.
Zuvor hatten sie jahrelang mit mäßigem Erfolg versucht, das Auslandsvermögen der zerschlagenen I.G. Farben zu verwerten. Weil sie damit nicht ausgelastet waren, haben sie ein wenig mit Wertpapieren spekuliert. Wenn das Geld nicht reichte, haben sie Aktien und Optionsscheine auf Kredit gekauft.
Den Aktionären brachte dies wenig ein. Ihre Liquidationsanteilscheine, an der Börse kurz »Liquis« genannt, lagen Ende der achtziger Jahre bei 11, 12 Mark - bis sich die deutsche Einheit ankündigte. Da schoß der Kurs bis auf 32 Mark hoch, derzeit liegt er bei 24 Mark. Das Papier ist etwas für Spekulanten.
Nur wenn die Nachfolgegesellschaft der I.G. Farben zumindest an einen Teil ihres ostdeutschen Vermögens kommt, können die Aktionäre mit einem ordentlichen Profit rechnen. Doch dies ist höchst ungewiß, und selbst der Aufsichtsratsvorsitzende, Ernst Krienke, weiß nicht, »ob wir je einen Pfennig aus dem Osten sehen werden«.
Allein die vage Aussicht, daß Spekulanten einen Reibach mit dem Nachlaßvermögen der I.G. Farben machen könnten, empört viele. Denn diese Gesellschaft, einst der mächtigste Chemiekonzern der Welt, hatte eine üble Rolle im Dritten Reich gespielt.
Zwar bewahrte kein deutscher Konzern, von Daimler bis zur Deutschen Bank, in der NS-Zeit Anstand. Aber die I.G. Farben wurde zum Symbol für eine geradezu mörderische Zusammenarbeit von Wirtschaftsführern und Nazi-Größen. Bei Auschwitz ließ die I.G. Farben von KZ-Häftlingen ein Werk errichten. 25 000 Zwangsarbeiter schufteten sich dort für den Konzern zu Tode.
Ohne die I.G. Farben, so befand die US-Militärregierung 1945 in ihren Ermittlungen gegen den Konzern, »wäre Deutschlands Kriegführung unmöglich und undenkbar gewesen«. Die Produktpalette reichte von Reifen für die Stukas bis zum Zyklon B für die Gaskammern.
»Nazi gas firm« nennt die britische Sunday Times auch die Nachfolgegesellschaft der I.G. Farben. Die Firma hat bisher 30 Millionen Mark als Entschädigung an jüdische Gruppen gezahlt. Viel zu wenig, sagen Juden, Grüne, Gewerkschafter und evangelische Christen.
»Schämt euch«, riefen Demonstranten den Aktionären am vergangenen Freitag zu. Der Frankfurter Hof, in dem die Hauptversammlung stattfand, wurde von Polizisten und privaten Wachleuten abgeschirmt. Drinnen forderten Kleinaktionäre wie Frankenthal, die Gesellschaft solle sich endlich auflösen und ihr Vermögen unter den ehemaligen Zwangsarbeitern aufteilen. Der Antrag stieß auf wenig Verständnis.
Gewiß sei es »ganz schrecklich«, was die I.G. Farben damals trieb, weiß Liquidator Bartels, aber damit habe die I.G. Farben in Abwicklung nichts zu tun. Die Opfer, empfiehlt Aufsichtsratschef Krienke, »sollen zu BASF, Bayer und Hoechst gehen« - den Chemiekonzernen, die aus der zerschlagenen I.G. Farben hervorgegangen sind.
Den schrecklichen Namen immerhin ließ Krienke auf der Aktionärsversammlung tilgen: Aus der I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft in Abwicklung wird demnächst die I.G. Beteiligungs- und Grundbesitz-Aktiengesellschaft in Abwicklung.
Auch der Geschäftszweck ändert sich. Die Firma will in Ostdeutschland nun bauen und produzieren.
Denn ihre Immobilien erhält die I.G. Farben i.A. nur dann zurück, wenn sie dort investiert. Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat Vorrang: Wer nur seine Grundstücke im Osten haben will, erhält statt dessen eine Entschädigung; wer Arbeitsplätze schafft, darf seine Grundstücke behalten.
So will denn die Gesellschaft, wie Vorstandsmitglied Bartels erläutert, in Ostdeutschland bauen, die Immobilien eine Zeitlang behalten und dann mit Gewinn verkaufen. Das ist weit lukrativer als eine Entschädigung für die Grundstücke, die einem Investor überschrieben werden.
Bartels, 58, und Vollmann, 50, sind somit auf Jahre hinaus weiter mit der Liquidierung ihrer Firma beschäftigt.
* Auf der Hauptversammlung am Freitag vergangener Woche.