BRAUEREIEN Schäumt auf
Sechzehn Stunden lang feilschten Arbeitgeber und Gewerkschafter um einen neuen Tarifvertrag für die Beschäftigten in der nordrhein-westfälischen Brauindustrie. Als sie dann spät in der Nacht mit Sekt -- auf das nette Vertragswerk anstießen, war die Stimmung aufgeräumt.
»Ein fairer Kompromiß' sei gefunden, freute sich Eberhard Niess, der Unterhändler des Brauereiverbandes. Einen »entscheidenden Durchbruch« sah Günter Döding, Vize-Chef der Brauer-Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten (NGG). Gemeinsam, so Döding, hätten die Tarifparteien »das Tor aufgestoßen für mehr Lebensqualität der älteren Arbeitnehmer«.
Vier Tage nach den Trinksprüchen. am Mittwoch der vergangenen Woche, war das »Tor für mehr Lebensqualitär' schon wieder zu. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Brauereiverbandes sahen die Arbeitgeber den Vertragsabschluß sehr viel nüchterner und lehnten ihn ab.
Sie muckten nicht ohne Grund auf. Der neue Tarifvertrag würde Bedingungen setzen, die -- außer in der Zigarettenindustrie -- noch kein Unternehmerverband schlucken mußte.
So vereinbarten die Unterhändler für die 17 000 in Nordrhein-Westfalens Brauereien Beschäftigten einen kontinuierlichen Abbau der Arbeitszeit. Für 6Ojährige würde die Arbeitswoche schon im nächsten Jahr nur 32 Stunden lang sein.
Darüber hinaus sollte jeder Beschäftigte bis 1981 zwei Tage mehr Urlaub machen. Arbeitnehmer über 40, die seit 25 Jahren in einem Betrieb arbeiten, hätten dann 31 Tage Urlaub.
Ärgerlich fanden die Arbeitgeber auch, daß ihre betriebliche Kompetenz durch den neuen Tarifvertrag beschnitten würde. So soll die Gewerkschaft mitbestimmen, falls sich Unternehmensleitung und Betriebsrat nicht über die personelle Besetzung von Maschinen einigen können.
Kaum hatten sich die großzügigen Regelungen unter den Brauern herumgesprochen, schäumte bittere Kritik auf. Ihre Verhandlungsführer seien »tarifpolitische Schlappschwänze«, fand ein erboster Brauereimanager aus Dortmund.
Noch härtere Kritik kam aus anderen Branchen und Verbänden. Vor allem die Tarifprofis der in Köln ansässigen Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) rügten die »unglaubliche tarifpolitische Naivität« und den »enormen Mangel an Solidarität und Widerstandskraft« der Brauereibesitzer.
Durch die Vereinbarung über die Verkürzung der 40-Stunden-Woche für ältere Arbeitnehmer -- so der Arbeitgeber-Dachverband -- sei ein gefährlicher Präzedenzfall für die gesamte Wirtschaft geschaffen worden. Denn durch das Leck in der Brauindustrie könnte der Abwehrdamm gegen die 35-Stunden-Woche unterspült werden.
Schlimm finden die Kölner BDA-Funktionäre auch die Verlängerung des Urlaubs auf mehr als sechs Wochen. Damit sei die bisherige Obergrenze erstmals durchstoßen worden, lind schließlich verstoße die den Gewerkschaften eingeräumte Mitbestimmung bei der Maschinenbesetzung gegen ein bisher erfolgreich verteidigtes Tabu.
Die Kritik wirkte. Mit 52 gegen 18 Stimmen lehnten die Brauer den bereits unterschriebenen Vertrag ab.
Diesen »Wortbruch« aber will die Gewerkschaft auf keinen Fall hinnehmen. Der Widerruf des unterzeichneten Vertrags, so die Gewerkschafter. sei schon aus rein formalen Gründen gar nicht zulässig. Es sei nämlich überhaupt keine Erklärungsfrist zu dem Vertrag vereinbart worden.
So richtig zum Kampf entschlossen scheinen indes die Gewerkschaftsführer nicht.,, An Streik«, so Gewerkschaftsführer Döding, »sind beide Seiten nicht unbedingt interessiert.« ·