ATOMSTROM Scharf geschossen
Helene Frericks, verwitwete Bauersfrau aus dem emsländischen Wippingen, kann es noch immer nicht fassen: »Nur von Öl war die Rede, von Salz sagten sie kein einziges Wort.«
Doch nur Salz hatten die beiden angereisten Emissäre der bundeseigenen Firma Deutsche Schachtbau- und Tiefbohrgesellschaft im Sinn, als sie sich im letzten September gegen eine Entschädigung von 774,80 Mark von der Witwe das Recht einräumen ließen, auf dem Frericks-Hof zu bohren.
Ihre Tarnung als harmlose, vielleicht gar unverhofften Reichtum aufspürende Ölsucher hatten die beiden mit Bedacht gewählt. Im Geheimauftrag des Bonner Technologie-Ministeriums sollten sie den besten Standort für das derzeit wohl brisanteste deutsche Industrieprojekt erkunden: ein Verarbeitungs-Zentrum für ausrangierte Brennelemente aus Atomkraftwerken.
In und über den Wippinger Salzstöcken soll nach Bonner Plänen
* eine Wiederaufarbeitungs-Anlage entstehen, die verbrauchte Brennstäbe in nutzbares Spaltmaterial und radioaktiven Abfall zerlegt,
* eine unterirdische Endlagerstätte für Atommüll ausgebaut und
* eine Brennelement-Fabrik hochgezogen werden, die das zurückgewonnene Plutonium wieder zu Brennstäben verarbeitet.
Technologie-Minister Hans Matthöfer hat es mit der Suche nach einem geeigneten Standort für das Milliardenprojekt eilig. Allzu lange nämlich hatten sich in der Vergangenheit Politiker und Industrielle um eine Lösung der Abfallprobleme deutscher Atomkraftwerke gedrückt. Die in den nächsten Jahren rasch wachsenden Mengen nuklearen »Abbrands« sind für das Fachblatt »Atomwirtschaft« denn auch »Grund genug zu unverzüglichem Handeln«.
Technisch erscheint die sogenannte Entsorgung von Kernkraftwerken weitgehend machbar. Schon seit Jahren erprobt Bonn im stillgelegten Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel eine unschädliche Ablagerung radioaktiver Rückstände. Und im Kernforschungszentrum Karlsruhe arbeitet eine aus Steuermitteln finanzierte Pilotanlage seit Ende 1970 jährlich 40 Tonnen ausgebrannter Stäbe wieder auf.
Günter Wirths, Geschäftsführer der Hanauer Spezialfirma Nukem: »Die Störfälle in der Versuchsanlage haben Erfahrungen mit allen Problemen gebracht, die überhaupt auftreten können.«
Zwar verbündeten sich auf Betreiben des früheren Hoechst-Generaldirektors Karl Winnacker Bayer, Hoechst, Gelsenberg und Nukem in der Projekt-Gesellschaft Kewa, um nach dem Karlsruher Vorbild eine kommerzielle Großanlage zu bauen. Doch rasch erkannten die Chemiebosse, daß sich das Projekt für sie nicht rentieren würde.
Vor allem die verschärften Umweltschutz-Auflagen ließen den Kostenvoranschlag von 600 Millionen Mark allenfalls zu einer kleinen Rate des aufwendigen Projektes werden. Und was die Anlage am Ende wirklich kostet, wenn sie frühestens Mitte der achtziger Jahre in Betrieb geht, wissen nicht einmal die Experten.
Schock-Meldungen aus Amerika dämpften die Unternehmungslust weiter. So ließ der US-Elektroriese General Electric eine im Staate Illinais errichtete Anlage nach technischen Pannen gar nicht erst in Betrieb gehen. Und weil die von Shell, Gulf und Allied Chemical gebaute Mammut-Anlage in South Carolina statt -- wie geplant -- schon vor fünf Jahren bestenfalls 1983 stehen wird, müssen sämtliche US-Atomkraftwerke ihr Altmaterial einstweilen in Betonbecken lagern.
Ähnliche Halden könnten schon in den nächsten Jahren auch der Bundesrepublik bevorstehen. Derzeit schicken die Stromkonzerne einen Teil ihrer Brennstäbe nach Karlsruhe, der Rest wird in der neuen französischen Anlage La Hague bei Cherbourg aufgearbeitet. Doch wenn die Franzosen ihr Werk mit eigenem Atommüll auslasten, müssen die Deutschen fast ihren gesamten Abfall in den westdeutschen Lagerbecken unterbringen.
Für Kewa-Geschäftsführer Adalbert Schlitt ist es deshalb »völlig offen, ob und wie eine Entsorgung deutscher Kernkraftwerke ab 1980 erfolgen soll«.
Die heißen Stäbe beunruhigen die Stromfabriken inzwischen so heftig, daß sie sich auch ohne den finanziellen Beistand der Chemiekonzerne an das Milliardenprojekt wagen wollen -- allerdings unter einer Bedingung: Sie bestehen darauf, bei Kosten und Preisen entscheidend mitreden zu können.
Günther Scheuten, Manager des Rheinisch-Westfälischen Elekrizitätswerks und Wortführer der Stromfirmen im Poker mit den Chemiebossen: »Es ist für uns undenkbar, das volle Risiko zu tragen und die Betriebsführung der anderen Seite allein zu überlassen.«
Noch zäher als der Streit zwischen Strom- und Chemiekonzernen könnten die Auseinandersetzungen mit Umweltschützern ausfallen. Kontrovers ist vor allem, wie die beim Zerschneiden der Brennstäbe freiwerdenden Giftgase eingefangen werden können.
»Die Entwicklung solcher Systeme, insbesondere für die radioaktiven Isotope von Krypton und Jod, ist derzeit noch nicht abgeschlossen«, gab selbst Minister Matthöfer zu. Nicht weniger brisant ist die Aufgabe, das Kombinat gegen äußere Einflüsse wie Erdbeben oder Flugzeugabstürze zu sichern.
Schon das Täuschungsmanöver der Lingener Tiefbohrer war für erbitterte Bürgerproteste gut. So forderten der Landvolkverband und die Bürgermeister des Wippinger Landkreises Aschendorf-Hümmling alle Bauern auf, keine Bohrverträge mehr abzuschließen. Ein spontan gegründetes »Aktionskomitee gegen die geplante Errichtung einer Atommüll-Deponie« statteten die Dorf-Honoratioren erst einmal mit einer Kampfkasse von 35 000 Mark und dem Auftrag aus, die Uran-Lagerer auf die beiden anderen möglichen Standorte bei Verden oder Celle abzudrängen.
Als die Papenburger Amtsrichter den Schachtbau-Managern entgegen der Klage der Witwe Frericks vorerst weiterhin das Bohren erlaubten, griffen die Männer von Hümmling zur Selbsthilfe. Sie entsannen sich eines vor einiger Zeit verabschiedeten Flurbereinigungsplans und gruben »völlig legal« (Landvolk-Geschäftsführer Georg Kruse) um den Frericks-Hof einen anderthalb Meter tiefen Graben.
Mit Erfolg: Die Schachtbau-Arbeiter, die am nächsten Morgen mit ihren Raupenfahrzeugen auf die Bohrstelle rollen wollten, mußten wieder abziehen.
In ihrem Grabenkrieg gewannen die Hümmlinger inzwischen einen unfreiwilligen Bundesgenossen: Über den Salzstöcken liegt die größte Erprobungsstelle der Bundeswehr. Und dort wird fast täglich scharf geschossen.