Scharfe Ecken - DER SPIEGEL
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Artikel 36 / 102

WARENTEST Scharfe Ecken

Die Prüfer der Stiftung Warentest machen immer wieder Fehler. Für die betroffenen Unternehmen können die Fehlurteile böse Folgen haben.
• aus DER SPIEGEL 13/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Batterie-Importeur Klaus Ernst Krüger aus St. Ingbert kam beim Warentest gar nicht gut weg. Seine Autobatterie »Fulmen Fulself« bewerteten die Berliner Prüfer mit »mangelhaft«. Krüger verlor etliche tausend Kunden und verbuchte »einen Schaden in Millionenhöhe«.

Das mißliche Urteil war, so viel ist inzwischen gerichtlich geklärt, ein krasses Fehlurteil. Die Autobatterie fiel nur deshalb durch, weil die Prüfer versäumt hatten, beim Dauertest Wasser nachzufüllen.

Der Fall Fulmen ist keineswegs ein Einzelfall. Immer wieder leisten die Warentester sich erstaunliche Fehlurteile, die den betroffenen Unternehmen millionenschwere Umsatzausfälle bescheren und das Qualitätsimage des staatlichen Instituts schädigen.

Karsten Ehlers, Leiter des Bereichs Elektrik und Elektronik im VW-Konzern, findet es »schon recht kurios«, wenn baugleiche Autoradios im selben Test völlig anders abschneiden. »Das passiert uns immer wieder«, attestiert Werner Jänicke von Blaupunkt, »auch bei Farbfernsehern, die sich nur durch den Markennamen unterscheiden.«

Derartige Differenzen offenbaren weniger Schlamperei bei der Produktion, sondern eher bei der Prüfung. Das Kinderfahrrad »Mustang« aus dem Sortiment des Warenhauskonzerns Hertie bestand den Test mit »gut«. Exakt das gleiche Fahrrad, nur unter dem Markennamen »Kynast Europa«, wurde auf »zufriedenstellend« abgestuft. »Das Felgenband ist zu dünn«, bemängelten die Tester.

Quelle-Vorstand Herbert Bittlinger kennt die vernichtenden Folgen solch seltsamer Urteile: »Fehlerhafte Tests«, sagt der Großversender, können »die Existenz ganzer Unternehmen gefährden«.

Die 1964 gegründete Stiftung Warentest hat sich längst zur dritten Marktmacht aufgeschwungen. Jeden Monat kaufen rund 630 000 Bundesbürger die Verbraucherzeitschrift »test«, gelesen wird sie von vielen Millionen.

Rund 300 Zeitungen und Zeitschriften drucken den »test-Kompaß« in Kurzform millionenfach nach. Sonderhefte werden veröffentlicht, Jahrbücher, Informationsblätter und Unterrichtshilfen für Lehrer und Schüler. Rundfunk wie Fernsehen berieseln ihr Publikum regelmäßig mit Testurteilen.

Vier von fünf Deutschen kennen den amtlichen Warentest, rechnete Stiftungsvorstand Roland Hüttenrauch ganz stolz vor, jeder dritte Konsument sucht für seinen Großeinkauf Tips beim Test. Täglich bitten etwa 300 von der Warenfülle verunsicherte Verbraucher telephonisch um Rat in Berlin, bis zu 50 fragen Tag für Tag schriftlich an.

Die Stiftung Warentest, kein Zweifel, bietet eine unverzichtbare Orientierungshilfe in einem für viele Verbraucher undurchdringlichen Wust von Warenangeboten. Die Stiftung wirkt, sagt Kuratoriumsmitglied Alfred Lisson, »eindeutig marktgestaltend«.

Mißgriffe der Warentester können deshalb »verheerende Folgen« haben, bei zu guten genauso wie bei zu schlechten Noten. »Waren mit gutem Prädikat«, so Lisson, »verkaufen sich fast von selbst, schlecht benotete bleiben liegen.«

Das ist schlimm, wenn die Mitarbeiter der Stiftung bei den Recherchen schludern, wenn die von ihnen beauftragten Prüfinstitute beim Test pfuschen oder wenn die Redakteure ihre Noten ohne viel Rücksicht auf Gesetze und Normen festlegen.

Häufig stoßen die Warenprüfer nur »an die Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit«, meint Helmut Reihlen, Direktor beim Deutschen Institut für Normung (DIN), der zugleich Mitglied im Verwaltungsrat der Stiftung ist. Der DIN-Chef wird es wissen. Sein Institut sammelt derzeit Fehlurteile der letzten Jahre. Und da kommt einiges zusammen.

»Eine ganz schlimme Geschichte« ist für Reihlen etwa ein Preisvergleich im Einzelhandel, den die Tester vor einem Jahr starteten. 300 freie Mitarbeiter durchkämmten damals 680 Läden auf der Suche nach 59 Waren wie Heringen in Tomatensoße, Kartoffelbrei (ohne Milch), gekochten Hinterschinken oder Leberwurst (Ia, fein). Gesucht war jeweils das billigste Produkt.

Im Juli 1982 wurde das Ergebnis offenbar. Die vielen Helfer hatten wundersame Sonderangebote gefunden, die es bei der Veröffentlichung der Testergebnisse zwar nicht mehr gab, die gleichwohl beeindruckten: eine Flasche Wodka schon für 3,48 Mark oder ein halbes Pfund Butter für 89 Pfennig.

Die vielen Preise gaben die Tester in ihre Rechenmaschinen ein. Waren einzelne Artikel mal vergriffen, wurden »örtliche Durchschnittspreise für das betreffende Produkt verwendet«. Nachdem lange genug gerechnet worden war, verkündete das Institut, »wo der Einkauf am billigsten ist": bei realkauf. Am teuersten war er angeblich beim Berliner Kaufhaus KaDeWe.

Im Oktober erst ging den Testern auf, daß sie etlichen Lockvogel-Offerten aufgesessen waren, drei unabhängig voneinander handelnde Ketten mit Namen »Globus« großzügig zusammengefaßt hatten und daß sich die meisten Preise längst geändert hatten. S.99

Sie würden »daraus lernen«, bekundeten die Berliner im »test«-Heft Nr. 10, und sie würden sich veranlaßt sehen, »die Angaben der Tabellen aus Heft 7/82 zu annullieren«. Nur - sie taten es nicht. In einem »Rückblick« auf der letzten Seite desselben Heftes verwiesen sie ihre Leser unverdrossen auf die »Supermärkte im Preisvergleich«, siehe Heft Nr. 7.

Manchmal sind es scheinbar Kleinigkeiten, die Hersteller verärgern und Kunden verunsichern. Die Manager des holländischen Elektromultis Philips mochten sich über das Prädikat »gut« für ihren Staubsauger »Philips Komfort Jet« überhaupt nicht freuen. Denn die Prüfer hatten gleichzeitig bekrittelt, daß ihr Prüfling »mit immerhin 373 Mark am meisten kostet«. Tatsächlich aber lag der Marktpreis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung um fast 100 Mark tiefer.

Das Auto-Batterie-Ladegerät vom Typ »DAV« erhielt ein dreifaches »gut« für die Ladeeigenschaften, für die Technik und für die Handhabung. Dennoch wurde es insgesamt auf »mangelhaft« abgewertet, wegen »Unterschreitung der Kriechstrecke zwischen Primär- und Sekundärwicklung«. Henry Dressler vom Technischen Überwachungsverein in Hessen, der den Lader mit dem Siegel »Geprüfte Sicherheit« belobigt hatte, sieht das ganz anders: »Da gibt es überhaupt kein Sicherheitsrisiko.«

Experten sind immer wieder überrascht, wie das Prüfkriterium »Sicherheit« in die Tests einbezogen wird. Manchmal überhaupt nicht (Schülerschreibtische); bisweilen nur zum Teil (Kühlschränke); dann aber wieder so gründlich, daß sämtliche Prüfstücke mit »mangelhaft« durchfallen (Dampfbügeleisen).

»Damit erschüttert die Stiftung«, ahnt Kuratoriumsmitglied Günther Knipfer, »ihre Glaubwürdigkeit.«

Die Testkonsumenten, die auf leicht faßliche Urteile aus sind, nehmen die Ursachen der Abwertungen meist überhaupt nicht zur Kenntnis. Im Juli ließen die Tester beispielsweise einen Schülerschreibtisch von Quelle als »mangelhaft« durchpurzeln. Den Grund für den Verriß versteckten sie in einer winzigen Fußnote zur Wertungstabelle, nur mit der Lupe zu lesen: »Sehr scharfe Ecken im Kniebereich.«

Kunden, die mit den scharfen Ecken hätten zurechtkommen können, weil sie eine Feile zu Hause haben, gibt es seither nicht mehr. Wie viele Verurteilte reagierte Quelle prompt, der Tisch verschwand aus dem Angebot. Es war mit weitem Abstand der billigste Schreibtisch (89 Mark). Dafür können die Verbraucher jetzt den Testsieger kaufen: ein Modell für 975 Mark.

Im Ergebnis wirkten die Tester hier gegen die Interessen der Verbraucher. Knipfer: »Die Stiftung treibt die Preise ungeheuer nach oben.«

Wohl zum Ausgleich für manche falsche Zensur urteilen die Berliner freilich S.101 auch schon mal seltsam milde. Einen Quelle-Wäschetrockner etwa lobten sie auf »sehr gut« hoch. Doch das war ebenfalls ein Fehlurteil. Ungeprüft blieb nämlich die Zuverlässigkeit der Maschine. Quelles qualitätsexperten hatten selber längst gemerkt, daß »der Trockner zu 84 Prozent im Felde ausfiel«.

Auch das Kinderbett »Ikea Gulliver«, eine ziemlich primitive und viel zu kurze Kiste, schnitt kürzlich vergleichsweise gut ab. Zwar meinten die Prüfer, »mangelhaft« sei die Verarbeitung, unter der Hartfaserplatte könnte sich »Schimmel bilden«, und in einer winzigen Fußnote witzelten sie sogar: »Nur für kleine Kinder geeignet«. Doch insgesamt lautete die Zensur »zufriedenstellend«.

Als im Frühjahr 1982 Autoreifen auf den Prüfstand rollten, dominierten besonders positive Noten. Ein Goodyear-Reifen, der auf Schnee und auf Eis mit »mangelhaft« ausrutschte, erhielt im Testurteil dennoch die Note »gut«. Ein zweiter Pneu desselben Produzenten war zwar deutlich überlegen, doch im Gesamturteil kam er nicht besser weg. Ein »gut« bewerteter Michelin-Reifen versagte beim Aquaplaning.

Positive Fehlurteile werden nur selten bekannt, denn niemand hat einen Grund, sich zu beschweren. Im Gegenteil: Eine gute Note putzen die Produzenten, die sonst so lautstark über die Unseriosität der Berliner wehklagen, meist eifrig heraus.

Manche machen jahrelang lautstark mit einem guten Testurteil Reklame, wie jener Produzent Kiessling aus dem Ort Georgensmünd. »Gut« sei seine Sonnenmilch Marke »Sonn Dich«, so verkündet ein Zettel an jeder Flasche ein Testergebnis von 1978. Die Farben Schwarz-Rot-Gelb suggerieren »Markenqualität«.

Tatsächlich wurden damals 34 Sonnenmilch-Produkte getestet. Das Resultat: 34mal die Note »gut«.

Durch die Werbe-Nutzung solcher Testergebnisse werden die Verbraucher letztlich geschädigt. Billigere oder bessere Ware kommt gar nicht erst in die Regale, weil sich die Hersteller auf einem guten, alten Testurteil ausruhen. Der Mannheimer Konsumforscher Hans Raffee stellte »innovationshemmende Wirkungen« in den Fabriken fest - zum Schaden für die Konsumenten.

Die Stiftung Warentest könnte das vermeiden, indem sie sich energischer gegen die Werbung nach Noten wehrt. Doch das wollen die Warentester nicht. Denn gerade durch die werbliche Ausbeutung wird der Test im Publikum noch bekannter.

Die Warentester könnten auch die pauschalen Urteile abschaffen, wie das britische Verbraucherblatt »Which?« es tat. Das mögen die Prüfer aber auch nicht, weil Zensuren so hübsch eingängig sind und beim Konsumenten kaum Denkleistungen mehr erfordern.

Und schließlich könnten die mächtigen »Halbgötter in Grau«, wie Anwalt Josef Augstein sie einmal nannte, falsche Noten schleunigst revidieren. Doch das geschieht nur sehr selten oder viel zu spät.

Bei der ausgefallenen Autobatterie »Fulmen Fulself« lieferten die Tester erst elf Monate später einen »Nachtest« mit der Wertung »gut«. Der Schaden war kaum mehr gutzumachen. Interessierte Verbraucher wurden im Rückblick weiterhin auf das ursprüngliche Fehlurteil verwiesen. »Arglistig«, schimpft Händler Krüger bitter.

»Man macht den vergleichenden Warentest tot«, rechtfertigt sich Warentest-Vorstand Hüttenrauch, »wenn man ihn perfekt machen will.«

Vielleicht ginge es ein bißchen weniger schlampig, wenn das Staatsinstitut mehr Geld hätte. Wegen des allzu knappen Budgets seiner Behörde, sagt Hüttenrauch, seien fähigere Leute unbezahlbar. Ständig müsse er »einen Kompromiß finden zwischen den Gehältern, die wir zahlen können, und der Qualifikation neuer Mitarbeiter«.

Clevere Industrielle haben auch diese Schwachstelle längst entdeckt. So mancher Hersteller von Konsumgütern und seine Helfer aus der Werbung halten in den Kostenplänen Gelder für die Stiftung Warentest parat. Damit sollen die Prüfer beeinflußt und die Noten aufgebessert werden.

12 500 Mark etwa reservierte die Agentur »Conti PR« aus München, im Auftrag des Meßgeräte-Produzenten Exatron, für »Absprachen mit Redaktion der Zeitschrift 'test'« und für »kooperative Zusammenarbeit bei Veröffentlichungen«.

»Nicht enthalten« in diesem Kostenplan sei das »Honorar für Dr. Loose«, den verantwortlichen Redakteur bei der Stiftung für den Exatron-Test. Das machte noch einmal 6000 Mark aus.

»Mag sein, daß die solchen Unsinn vorhatten«, urteilt Tester Peter Loose über den geplanten Schmierversuch. »Ich habe kein Geld von denen erhalten.«

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