Scharfer Wind - DER SPIEGEL
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HEIZÖL Scharfer Wind

Leichtes Heizöl ist knapp geworden. Die Ölkonzerne steuern jetzt Krisenpreise an.
• aus DER SPIEGEL 35/1975
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Das verdammte Mitteldestillat«, beklagte BP-Vize Helmuth Buddenberg noch im April die Schwemme am Heizölmarkt, »läuft uns aus den Ohren.«

Mehr als zwanzig Mark pro Tonne verlor Westdeutschlands Mineralölindustrie im ersten Halbjahr 1975 im Geschäft mit dem Haushalts-Heizöl. Jetzt aber soll alles anders werden: Aus der Schwemme wurde wundersamerweise ein Engpaß, statt weiter Verluste zu produzieren, sollen noch, bevor der Herbst einfällt, Gewinne sprudeln.

Um 20 Prozent. von 25 auf 30 Pfennig je Liter, sind die Preise für leichtes Heizöl -- bei Abnahme von 5000 Litern -- in den vergangenen beiden Wochen geklettert. Im Ölbazar Rotterdam, wo gegenwärtig die freien Ölhändler Schlange stehen, schossen die Kurse von 260 auf 300 Mark die Tonne hoch. »Wenn der Winter scharf wird«, warnt Esso-Chef Wolfgang Oehme, »kann es schon einmal Engpässe geben.«

Wie in kommunizierenden Röhren wird der Preis für Haushalts-Heizöl im Spätsommer 1975 hochgedrückt. Die deutschen Ölraffinerien nämlich, so die offizielle Lesart der Branche, können nicht mit voller Kapazität arbeiten, weil ihr Grundprodukt, das schwere Heizöl, kaum noch abzusetzen ist: Käufer von schwerem Heizöl sind Industrie- und Stromversorgungsunternehmen, die -- wegen mäßiger Konjunktur und wegen des auf Öleinsparungen getrimmten Energieprogramms der Regierung -- nicht mehr genügend Stoff abnehmen. Die Ölmanager drosselten folglich die Produktion -- und damit auch die Fertigung der Koppelprodukte leichtes Heizöl und Benzin.

Anfang August wollte der von den großen Ölunternehmen beherrschte Mineralölwirtschaftsverband der Bundesregierung das neue Dilemma mit Zahlen belegen und sie zur Änderung des gerade erst im Herbst erweiterten Energieprogramms drängen. Indes -- Shell-Chef Johannes C. Welbergen stoppte den Versand der Denkschrift: Ohne konkrete Gegenvorschläge, so der Holländer, könne der Verband den Bonnern nichts ins Haus schicken. Inzwischen nämlich fanden es die Ölmanager praktisch, aus der Schwerölkrise Gewinn bei leichtem Heizöl zu ziehen.

Mehr als Ölboykotte oder hektische Verbrauchernachfrage hatten vom schweren Heizöl hervorgerufene Fertigungsrückgänge das Angebot knapp werden lassen. Gegenwärtig liegen in deutschen Öllägern 24 Prozent weniger Vorräte als vergangenes Jahr. Die im Ölhafen Rotterdam angeforderten Ersatzmengen fließen nur noch spärlich. Auf diese Weise schafften die Konzerne das Wunder, im glühendheißen Sommer 1975 die Heizölpreise auf Winterniveau zu halten.

Pünktlich zum Ende der Sommerferien schlugen sie zu. Schon Anfang August erhielten Hamburger Esso-Händler vertrauliche Hinweise, daß sie nun mit stufenweise steigenden Abnahmepreisen zu rechnen hätten und das der Kundschaft weitergeben sollten. Aus ihren Kundenkarteien konnten Händler und Konzerne ersehen, daß die Privattanks nur noch zu gut 60 Prozent gefüllt sind, während es sonst im August regelmäßig 70 Prozent waren. Die Deutschen, spekulierten sie, würden nun nervös werden und kaufen.

Die Nervosität des Kunden soll sich für die Konzerne auszahlen. Nur mit leichtem Heizöl nämlich, das zu rund 30 Prozent am gesamten Ölabsatz beteiligt ist, können die Mineralölgesellschaften ihre fast hoffnungslos in rote Zahlen abgetriebene Ölbilanz noch retten.

Wenn aber leichtes Heizöl den Verlust von 50 Mark je Tonne ausgleichen soll, der bei schwerem Öl entsteht, müssen die Preise, so interne Rechnungen der Gesellschaften, um noch einmal zehn Pfennig in die Höhe und würden dann die Spitzenpreise der Ölkrise erreichen. »Daß wir in diesem Winter auf 40 Pfennig kommen«, so ein prominenter Ölhändler, »hält jetzt keiner mehr für ausgeschlossen.«

Zusätzlichen Schub erhält die Preisstrategie der Ölzunft noch durch Nachrichten aus dem Ausland. Steigende Dollarkurse, so streuen die Öl-Geschäftsleute, verteuern den Einkauf des mit Dollar zu bezahlenden Rohöls. Zudem haben die Funktionäre des Opec-Ölkartells neue Preiserhöhungen angedroht, die von den Konzernen einkalkuliert werden. Gegenwärtig schwimmt eine Armada kurzfristig bis Ende September gecharterter Tanker nach den Ölhäfen des Persischen Golfs, um dort vor der Preiserhöhung noch möglichst viel Heizöl abzuräumen.

Die Sternfahrt nach Nahost wird die Kosten der Raffinerieproduktion noch für eine Weile stabil halten der Verbraucher aber wird nichts davon merken. Esso-Chef Oehme: »Bisher hat der deutsche Kunde nie den wahren Preis des Öls gezahlt. Das kann nicht ewig so bleiben.«

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