Schaum-Notstand Surfer zittern um Bretter-Nachschub
Berlin - "Es war schon immer schwierig, an Surfbrett-Rohlinge von Clark heranzukommen", erinnert sich der Essener Designer und passionierte Surfer Oliver Wahl, "inzwischen braucht man wirklich gute Verbindungen."
Der Schließung der Firma Clark Foam waren monatelange Auseinandersetzungen mit den Behörden vorausgegangen. Ohne teure Nachrüstung seiner Fabrikhallen mit Filteranlagen wäre Clark nicht in der Lage gewesen, die strengen Umweltauflagen Kaliforniens zu erfüllen. Womöglich hätte dem Surfbrett-Pionier sogar eine Gefängnisstrafe gedroht. Doch statt sich dem Ukas der Behörden zu beugen, zog Clark lieber die Reißleine.
Seitdem herrscht Ausnahmezustand in der Surfer-Gemeinde. Denn auch wenn kaum ein Brett aussieht wie das andere, bauen doch fast alle auf der gleichen Basis auf: 80 Prozent der sogenannten Customer Boards - nur die blutigen Anfänger greifen auf ein Brett von der Stange zurück - sind aus den Schaum-Rohlingen von Clark gefertigt. Seit Mitte der sechziger Jahre gelten sie als das Nonplusultra, Alternativen gibt es kaum.
Entsprechend gerät jetzt eine ganze Reihe von kleineren Betrieben in Schwierigkeiten, die sich auf die höchst individuellen Wünsche ihrer Kundschaft eingestellt hatten. "Es ist zum Verzweifeln", sagte Brent Hudson, Chef des Traditionsherstellers Neptun Surfboards im kalifornischen Pacifica, dem US-Magazin "Fortune". Praktisch über Nacht sei die wichtigste Lieferquelle versiegt.
Branche vor dem Umbruch
Ganz übel dran sind die Surfbrett-Bauer, die sich bis dahin einzig auf Clark als Zulieferer verlassen hatten. Sie müssen inzwischen Aufträge zurückweisen. Andere üben sich in Verteilungswirtschaft und beliefern nur noch ausgewählte Kunden. Diejenigen, die keinen Händler kennen, gehen leer aus. Bis Mai, so die Schätzungen, werden alle Clark-Rohlinge ausverkauft sein.
Zu allem Überfluss hat nach Bekanntwerden der Nachricht, dass Clark dicht macht, ein regelrechter Ansturm auf die letzten Bretter eingesetzt. Die Restbestände werden längst zu Liebhaberpreisen gehandelt. Customer Boards - bis dato mit Preisen von bis zu 1000 Dollar ohnehin nicht ganz billig - kosten inzwischen nicht selten das Doppelte.
Doch Geld spielt in der Fan-Gemeinde ohnehin nicht die zentrale Rolle. Surfen auf Clark-Brettern ist Weltanschauung - und die letzte Verbindung zu einer längst vergangenen Lebensart, zu der der alte VW-Bus ebenso gehört wie Lagerfeuer und Fertiggerichte aus der Dose. Schon ist vom Ende der gesamten Sportart die Rede. Die Surfer dieser Welt, so heißt es in einem Internet-Forum, seien in Zukunft womöglich auf Lieferanten aus China angewiesen.
Offene Freude der Abweichler
Ein Stück weit ist diese Perspektive natürlich vom Abschiedsschmerz vom Urmeter der Surfbrett-Kerne beeinflusst. Die Verarbeitung ist schließlich keine Geheimwissenschaft. Schon melden sich diejenigen zu Wort, die die Dominanz von "Grubby" Clark bereits seit langem mit Argwohn betrachteten. "Endlich ergibt sich die Chance für einen technologischen Fortschritt", schreibt ein Teilnehmer in einem Internet-Forum des "Surfing-Magazine".
Ähnlich wie Bill Gates in der Software-Branche habe Clark die Weiterentwicklung der Surfbretter verhindert. "Jetzt ist die Gelegenheit, endlich auf Epoxy umzusteigen", schreibt ein anderer. Der Ausstieg Clarks werde die Surfer Community verändern, wie kein Ereignis zuvor.
Neben dem Kunststoff Epoxy ist zurzeit ein anderes Material im Gespräch: Ein Chemiker des Luft- und Raumfahrtkonzerns Lockheed Martin hat bereits viel versprechende Experimente mit einem Schaum durchgeführt, der zum Schutz der elektronischen Steuereinheiten von Raketen eingesetzt wird. Das Material kommt ohne den Schadstoff TDI aus.
Dem Surfbrett-Pionier Clark selbst weinen die wenigsten eine Träne nach. Der Mann galt - vorsichtig ausgedrückt - als wenig umgänglich. Einen Hinweis auf seinen Charakter liefert auch ein offener Brief, in dem er über seine Zukunftspläne Auskunft gibt. Er werde, so schreibt Clark, weder Werkzeuge noch Know-how verkaufen, um etwa die Weiterführung der Produktion an einem Ort mit weniger strengen Umweltauflagen zu ermöglichen. "Die Benutzung der Maschinen könnte gefährlich sein für jemanden, der nicht damit umzugehen versteht."