Schein gewahrt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 33 / 102

Banken Schein gewahrt

Der neue Chef der DG Bank, Bernd Thielmann, übernimmt ein schweres Erbe.
• aus DER SPIEGEL 21/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit gut einem Monat sieht sich Bernd Thiemann, 47, in seinem neuen Wirkungskreis um. Was er an Problemen entdeckt, macht ihn nicht bange: »Da fühle ich mich fit.«

Thiemann, der am 10. Juni zum Chef der DG Bank gewählt wird, hat ein gesundes Selbstvertrauen bitter nötig: Das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken ist schwer angeschlagen.

Mit einer Bilanzsumme von 205 Milliarden Mark zählt der DG-Bank-Konzern zur Spitzengruppe der deutschen Finanzwirtschaft. Doch in einer Zeit, in der die anderen Großen des Gewerbes gut verdienten, lieferte das Genossen-Institut ein miserables Ergebnis ab.

Der Gewinn von 90 Millionen Mark, den die DG Bank im Jahresabschluß für 1990 ausweist, liegt zwar um gut sechs Millionen Mark über dem Vorjahresergebnis. Aber das sogenannte Betriebsergebnis nach Sonderposten sieht verheerend aus, da Zinseinbußen sowie Bewertungsverluste im Wertpapier- und im Kreditgeschäft stark zu Buche schlagen. Es ist mit 440 Millionen Mark im Minus.

Auf was für Aufräumarbeiten sich Thiemann eingelassen hat, kann er allerdings noch gar nicht ganz abschätzen, auch wenn er schon Erfahrungen als Sanierer gesammelt hat. Anfang der siebziger Jahre hatte er die Sparkasse im niedersächsischen Meppen, die in Schwierigkeiten war, wieder auf Kurs gebracht. Er qualifizierte sich damit für den Chefposten der Landesbank in Hannover.

Die Krise bei der DG Bank, die Thiemann nun bewältigen soll, hat ihm sein Vorgänger Helmut Guthardt hinterlassen. Der ließ sich im Frühjahr vergangenen Jahres auf einen Finanzkrieg mit französischen Banken ein, der ihn letztlich den Posten kostete.

Es ging damals um festverzinsliche Papiere im Wert von sechs Milliarden Mark, die zwischen den Beteiligten herumgereicht wurden. Alle verdienten daran, bis die Zinsen stiegen und die Wertpapier-Kurse fielen. Plötzlich wollte keiner auf den Anleihen sitzenbleiben.

Guthardt mußte klein beigeben und alle Geschäfte mit einem Wertverlust von 600 Millionen Mark rückgängig machen. Die Affäre, in deren Verlauf drei Rentenhändler vorübergehend inhaftiert wurden, kostete die Bank Ansehen bei Konkurrenten und Kunden.

Die DG Bank hatte plötzlich bei Unternehmern den Ruf, die falsche Finanzadresse zu sein. Sie wurde in einer vom manager magazin bei Infratest in Auftrag gegebenen Umfrage als weder finanzstark noch wirtschaftlich solide eingestuft. Das Management der Bank bekam die Note mangelhaft.

In der Tat haben die führenden Köpfe unter Guthardt kaum Leistungen gezeigt, die soliden Bankern besonderen Respekt abringen könnten. Das bestätigten die Prüfer der Firma Treuarbeit, die in ihrem Bilanzbericht das magere Ergebnis im eigentlichen Bankgeschäft darstellten. Der Aufwand für die Verwaltung der DG Bank, so schrieb die Treuarbeit, habe noch nicht einmal durch Zinsüberschüsse und Provisionseinnahmen gedeckt werden können.

Um trotz des schlimmen Betriebsergebnisses einen steigenden Bankgewinn vorweisen zu können, holte Guthardt Sondererträge aus der Substanz. Hotels, Bürohäuser, Filialen und eine Beteiligung an der Lampe Bank wurden verkauft, die Hochhauszentrale der DG Bank und der Neubau des Büroturms in der Frankfurter City wurden in eine Immobilienanlagen AG eingebracht und an der Börse feilgeboten.

Selbst aus dem Osten kam ein Beitrag, der die Bilanz etwas besser aussehen ließ. Die DG Bank übernahm die einstige Zentralbank der DDR-Kreditgenossenschaften, die Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft. Sie bekam dadurch ein Geschäftsvolumen in Höhe von 15 Milliarden Mark in die Bücher - und einen ansehnlichen Gewinn.

Trotz aller Mühen wäre die DG Bank nicht in der Lage gewesen, ihren Anteilseignern für das vergangene Geschäftsjahr eine Dividende zu zahlen. Aber Guthardt wollte den Schein wahren und schlug, wie in den Vorjahren, fünf Prozent vor. »Die beabsichtigte Ausschüttung bedeutet zusätzlichen Substanzverzehr«, kommentierten die Bilanzprüfer.

Guthardt drückte, wie schon so oft, auch in diesem Fall seine Meinung durch. Der bullige Hesse hatte schon immer auf Größe gesetzt - und notfalls nur auf deren Schatten.

Zu seinem Amtsantritt im Jahre 1981 belief sich die Bilanzsumme des Konzerns auf gerade 64 Milliarden Mark. Innerhalb von neun Jahren konnte Guthardt das Geschäft mehr als verdreifachen. In der Rangliste der großen Geldhäuser rückte das Genossenschaftsinstitut auf Platz vier vor, gleich hinter die drei Großbanken, aber noch vor die weitaus bekanntere Westdeutsche Landesbank.

Die Frankfurter Bankengemeinde hatte trotzdem ihre Schwierigkeiten, den hemdsärmeligen Guthardt als einen der Ihren zu akzeptieren. Da half auch kein Doktor der Agrarwissenschaften ehrenhalber, mit dem Guthardt vergangenes Jahr von der Gießener Universität ausgezeichnet wurde.

Er galt immer als Außenseiter und bestätigte alte Vorurteile, indem er sich auf Geschäfte mit Leuten wie dem Finanzjongleur Tito Tettamanti oder dem Filmhändler Leo Kirch einließ. Er war oft bei Engagements dabei, die sich als riskant erwiesen, bei der Handelskette co op etwa oder der Batteriefirma Sonnenschein, der die DG Bank inzwischen 170 Millionen Mark geliehen hat und die vor allem Verluste produziert.

Sein Drang nach Größe ließ Guthardt nur schwer der Versuchung widerstehen, einfach schiere Masse im Bankgeschäft anzuhäufen. Erst verleibte er seinem Institut die angeschlagene Bayerische Raiffeisen-Zentralbank ein. Dann übernahm die DG Bank fast alle anderen unabhängigen Zentralbanken der Genossen.

Jenseits der Grenzen war der Genossen-Banker ebenfalls kaum zu bremsen. Sein Institut sollte in New York wie in Tokio, auf den Cayman Islands wie in Hongkong oder Moskau vertreten sein.

Längst mußten Guthardts Leute erfahren, daß im Ausland das Geld auch nicht leichter zu verdienen ist als daheim. Manche Auslandsfilialen arbeiten mit Verlust, Schließungen scheinen unvermeidlich. Die Schweizer DG-Bank-Tochter ist schon geschrumpft, ihre Filiale in Genf wurde geschlossen, das Haus der Bank in Zürich verkauft.

Nun muß, so konstatiert die Treuarbeit in ihrem Prüfbericht, für Kredite an Länder, die als zweifelhafte Schuldner gelten, weitere Risikovorsorge getroffen werden. Das gilt vor allem für Ausleihungen an die Sowjetunion, die nicht durch Bundesbürgschaften gesichert sind. Sie schlagen mit insgesamt 350 Millionen Mark zu Buche.

Um Rückstellungen für solche wackligen Kredite bilden zu können, muß ein Institut allerdings über Substanz verfügen. Und genau die fehlt der DG Bank.

»Es gibt viel zu tun«, kündigte der künftige Chef am Dienstag vor Pfingsten auf der Frühjahrstagung der Volks- und Raiffeisenbanken an. Der Spruch ist so platt wie richtig.

Thiemann kann nach seiner Bestallung sofort mit handfesten Dingen anfangen. So hat die Treuarbeit der DG Bank dringend empfohlen, die Organisation der Bank zu verbessern. Personal in der Zentrale soll entlassen, die elektronische Datenverarbeitung auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden. Thiemann hat überdies schon versprochen, die Zusammenarbeit im dreistufigen Verbund - zwischen DG Bank, den drei regionalen Zentralbanken und den Ortsbanken - zu verbessern.

Manches wird Zeit brauchen, aber eine Neuerung dürfte Thiemann sofort durchsetzen: Wochenendsitzungen des Vorstands werden kaum wie bisher im Bad Sodener Salina Hotel stattfinden. Das Hotel gehört Helmut Guthardt.

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 102