Scheint logisch - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN Scheint logisch

Die neue IG Medien veranstaltet ihren ersten Gewerkschaftstag - Probleme hat sie bereits genug.
• aus DER SPIEGEL 14/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Männern wie Detlef Hensche braucht niemand mehr die Spielregeln des Kapitalismus zu erklären. Wo wirtschaftliche Macht entsteht, so hat der stellvertretende Vorsitzende der Industriegewerkschaft Druck längst erkannt, da muß sich auch eine Gegenmacht bilden.

Medienkonzerne wie Bertelsmann oder Springer machten heute alles, von der Zeitung und Zeitschrift bis zu Büchern und Fernsehen. Selbst mittelständische Zeitungsverlage betrieben ihr eigenes Rundfunk- oder Fernsehstudio. »Da wäre es anachronistisch«, folgert Hensche, »gegen diese Übermacht mit getrennten Gewerkschaften anzumarschieren.«

Nun scheint es vollbracht: Nach 20 Jahren Gerangel sind die organisierten Arbeitnehmer des Mediengewerbes bereit, vereint zu marschieren. Facharbeiter und Intellektuelle, Drucker und Schriftsteller, Kameraleute und Fernsehmoderatoren wollen zusammen in einer neuen Industriegewerkschaft für höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.

Seit Anfang der siebziger Jahre mühen sich Gewerkschaften und Berufsverbände um eine gemeinsame Interessenvertretung gegenüber Verlegern und Funkhäusern: Am kommenden Wochenende wird die IG Medien, ein Zusammenschluß mehrerer bislang selbständiger Organisationen, im Hamburger Congress Centrum ihren ersten Gewerkschaftstag veranstalten.

Außer der IG Druck mit der Deutschen Journalisten-Union (dju) und dem Schriftstellerverband (VS) sind die Gewerkschaft Kunst mit der Rundfunk-Fernseh-Film-Union (RFFU) sowie sechs weitere Verbände dabei (siehe Graphik). Sie hatten bereits Ende 1985 eine Annäherung auf Probe vereinbart.

Nun wird es ernst. Zwischen dem 8. und 14. April lösen sich die alten Mitgliedsverbände selbst auf. Am 15. April um null Uhr wollen die Organisationen dann zur »IG Medien - Druck und Papier, Publizistik und Kunst« verschmelzen. Vorsitzender der neuen Gewerkschaft mit rund 180 000 Mitgliedern soll der bisherige IG-Druck-Chef Erwin Ferlemann werden, Vize sein bisheriger Stellvertreter Hensche.

Der Denkansatz der Mediengewerkschafter - Einigkeit macht stark - scheint auf den ersten Blick logisch. Doch Kritiker des Zusammenschlusses haben immer wieder warnend darauf hingewiesen, daß in der geplanten Mammutorganisation zu viele einander entgegengesetzte Interessen auf einen Nenner gebracht werden müßten. Es sei zumindest zweifelhaft, ob ein klassenbewußter Drucker sich etwa mit einem Drehbuchautor oder einem Kameramann stets solidarisch fühle.

Zweifel haben Männer wie Hensche immer mit Optimismus überspielt. »Wenn das Experiment gelingt«, sagt Hensche, einer der Architekten der neuen Organisation, »können andere Gewerkschaften von unseren Erfahrungen lernen.« Er denkt dabei zum Beispiel an die IG Metall.

Die größte DGB-Gewerkschaft müht sich seit geraumer Zeit, mehr Angestellte und Kopfarbeiter in ihre Reihen zu locken. Doch die Metaller tun sich schwerer als erwartet.

Ganz nebenbei möchte Hensche mit dem neuen Medienverbund auch noch ein anderes Problem lösen: Er will das Überleben seiner eigenen Organisation sichern.

Durch Automation und Rationalisierung gingen in der Druckindustrie in den vergangenen zehn Jahren rund 30 000 Arbeitsplätze verloren. Die Lücke im Bestand gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer, die dadurch gerissen wurde, sollen nun langfristig Künstler, Kreative oder andere Medienschaffende auffüllen.

Daß die Rechnung aufgeht, ist keineswegs sicher. Schon jetzt bahnt sich in der IG Medien ein Streit zwischen Führung und Basis an - es geht unter anderem um Geld.

Auch nach der Fusion müssen etwa RFFU-Mitglieder nur 0,8 Prozent ihres Bruttogehalts als Beitrag zahlen. IG-Druck-Mitgliedern werden dagegen 1,2 Prozent vom Lohn abverlangt.

Der Kompromiß wurde geschlossen, weil die gutverdienenden Rundfunk- und Fernsehangestellten sich weigerten, einen noch größeren Anteil ihres Einkommens abzuführen. »Langfristig«, droht der künftige IG-Medien-Vize Hensche, »kommen wir um eine Erhöhung allerdings nicht herum.«

Die Schriftsteller wiederum sind verärgert über eine Beschränkung, die ihnen die IG-Medien-Spitze auferlegen will. Geht es nach Hensche, dürfen nur er selbst, seine Vorstandskollegen sowie die Vorstände der Landesbezirke Stellungnahmen zu »gesellschaftspolitischen Fragen« abgeben. Andere Gremien oder einzelne Mitglieder müssen erst die Zustimmung der Gewerkschaftsoberen einholen.

Bis der »mühsame Instanzenweg« beschritten sei, empören sich die Autoren, seien aktuelle Themen oft schon überholt. Die Vorschrift käme daher einem Maulkorb gleich.

Doch nicht nur innerhalb der IG Medien formiert sich Kritik gegen die Politik des Vorstands. Auch von außen geraten die Funktionäre unter Druck.

Vor einem Monat erst gründete die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) eine Konkurrenzorganisation zur IG Medien, die »Arbeitsgemeinschaft Kultur« in der DAG. In dem Bündnis haben sich über 25 000 Künstler und Medienschaffende zusammengetan, darunter die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger und die Deutsche Orchestervereinigung.

Die Verbände waren schon 1984 aus Protest gegen die geplante Gründung der IG Medien aus der Gewerkschaft ausgestiegen. Mit ihrer Entscheidung blieben die Musiker und Schauspieler nicht allein.

Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV), mit 16 600 Mitgliedern die größte bundesdeutsche Journalistenorganisation, verweigert die Mitarbeit in der IG Medien. Der DJV befürchtet, daß die Interessen der Journalisten in einer so bunt gemischten Organisation wie der IG Medien nicht mit Nachdruck vertreten werden.

Endgültig verprellt haben die IG-Druck-Oberen eine andere wichtige Gruppe - prominente Schriftsteller wie Günter Graß, Johannes Mario Simmel oder die Lyrikerin und ehemalige VS-Vorsitzende Anna Jonas. Die Autoren hatten sich beim letzten Schriftstellerkongreß im Dezember vergangenen Jahres von der Gewerkschaft losgesagt, weil sie fürchteten, von der mächtigen IG Druck untergebuttert zu werden. Bis heute sind rund 90 Kollegen ihrem Beispiel gefolgt.

Den künftigen IG-Medien-Vize scheinen solche Abgänge wenig zu stören. Er überlegt schon, wie er den Verlust ausgleichen kann.

Nach Künstlern, Journalisten und Schriftstellern hat sich der Gewerkschaftsstratege als nächstes die Angestellten von Buch- und Zeitschriftenverlagen oder Presseagenturen ausgeguckt. Die werden zwar bislang noch von der DAG oder der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen betreut. Doch das soll sich ändern.

»In diesem Bereich geht alles drunter und drüber«, sagt Hensche. »Da muß man bald etwas tun.«

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