Schering-Übernahme Merck lässt Bayer bluten
Hamburg - Es war schon ein ungewöhnliches Schauspiel, das die Akteure in den vergangenen Tagen aufgeführt haben: Bayer wollte Schering übernehmen, doch dann kaufte Konkurrent Merck ständig Aktien von Schering . Damit drohte der Darmstädter Merck-Konzern den Deal zu blockieren. Solche feindlichen Störmanöver passten so gar nicht in die sonst eher geordnete Welt der deutschen Pharmafirmen.
Bayer hat den Übernahmekampf nun für sich entschieden. Merck wird seine kompletten Schering-Anteile an Bayer abgeben. Die beiden Unternehmen wollten die "Unklarheiten bezüglich der zukünftigen Entwicklung" von Schering beenden, heißt es. Dabei fragen sich viele Beobachter, warum Merck erst kräftig Schering-Aktien kauft, um sie dann an Bayer weiterzureichen.
Das Verhalten des Merck-Managements "ist schon sehr ungewöhnlich", sagt ein Analyst, der ungenannt bleiben möchte. "Ich denke, dass sie ziemlich angenervt waren und jetzt aus Rache versucht haben, Bayer anzupinkeln", so der Merck-Experte.
Der Streit begann, als Merck versucht hatte, Schering zu übernehmen. Doch Bayer präsentierte sich als "Weißer Ritter" und überbot Merck mit seiner Offerte. Jetzt steht fest: Die Schering-Aktionäre werden 89 Euro für ihre Anteile bekommen. Das sind drei Euro mehr je Anteilsschein, als Bayer den Anlegern zuletzt offerierte. Merck hatte anfangs lediglich 77 Euro pro Schering-Aktie geboten.
Die Aktion des Leverkusener Bayer-Konzerns konnte Merck nicht gefallen haben. Merck erhöhte deshalb ab Ende Mai ständig seinen Anteil an Schering. Fast wäre es gelungen, genug Aktien zu bekommen, um die Sperrminorität von 25,1 Prozent der Anteile zu erreichen. Merck sammelte 21,8 Prozent der Aktien ein. Kein Wunder, dass die Manager in der Bayer-Zentrale immer nervöser wurden. Sie reichten sogar eine Klage gegen Merck in den USA ein. Die Strategie von Merck sei nicht erkennbar, so der Vorwurf von Bayer.
"Es ist Merck gelungen, Bayer ganz schön ins Schwitzen zu bringen", sagt der Merck-Analyst. "Die Bayer-Leute waren verärgert." Zumal die Zeit knapp wurde: Heute um Mitternacht wäre die Frist abgelaufen, zu der Bayer einen 75-Prozent-Anteil von Schering hätte kontrollieren müssen, um die Übernahme im ersten Versuch erfolgreich über die Bühne zu bringen.
Keine kurzfristigen Spekulationen
Merck gibt vor, eher langfristige und strategische Interessen an Schering gehabt zu haben. Michael Römer, Vorsitzender der Geschäftsleitung bei Merck, beteuert, dass "kurzfristige Spekulationsgewinne nie unser Ziel waren und wahrlich kein Handlungsmotiv für ein Unternehmen sind, das in Generationen denkt".
Doch das Merck-Manöver zeigt: Die vertraute Stimmung wie zu Zeiten der sogenannten Deutschland AG ist auch in der Chemie- und Pharmabranche endgültig vorbei. "Es gibt kein friedliches Miteinander in der Branche mehr ", sagt der Analyst.
Auch Bayer-Chef Werner Wenning freut sich, dass der Zwist vorbei ist. Das Engagement um Schering ist die bisher größte Übernahme in der Firmengeschichte von Bayer und wurde immer teurer. Angepeilt waren für die Transaktion 16,5 Milliarden Euro. Analysten schätzen, dass es für Bayer durch die Merck-Aktion um mehrere 100 Millionen Euro teurer wurde.
Für Merck hingegen hat sich die Kraftprobe mit Bayer gelohnt: So können die Darmstädter ihr Pharma-Geschäft weiter stärken, denn "Merck und Bayer sind übereingekommen, bereits laufende und weitere Kooperationsmöglichkeiten zu prüfen", hieß es heute. Zudem werde Merck durch den Deal mit den Schering-Aktien noch im zweiten Quartal einen Gewinn von 400 Millionen Euro einstreichen, teilte das Unternehmen heute mit.