Schiere Größe zählt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 41 / 100

WIRTSCHAFTSPRÜFER Schiere Größe zählt

Konzentration im Wirtschaftsprüfer-Gewerbe: Nur wer zukauft, kann mithalten.
• aus DER SPIEGEL 17/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie sich die Großen in seiner Branche entwickelt haben, findet Henning Lüchau, Vorstandsmitglied der Deutschen Revisions- und Treuhand AG, »ganz erstaunlich«. Derart stramme Zuwächse habe er »vor zehn Jahren nicht erahnen können«.

Es lohnt sich offenkundig, die Rechenwerke anderer Firmen zu überprüfen. Die acht größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben im verflossenen Jahrzehnt ihre Honorar-Einnahmen mehr als verdoppelt. Mit dem Gewinn sind die meisten hoch zufrieden. »Unter Liquiditätsproblemen leiden wir nicht«, meint Lüchaus Vorstandskollege Karl-Heinz Forster.

Nicht ganz so gut wie bei den Großen der Zunft ist die Stimmung bei vielen der knapp 1200 kleineren Gesellschaften. Sie sehen sich zunehmendem Druck der europa- und weltweit operierenden Giganten ausgesetzt - und nicht wenige geben diesem Druck nach: Eine »Fusionswelle« (Lüchau) rollt derzeit durch die Branche.

Allein die Stuttgarter Schitag, drittgrößte deutsche Prüfungsfirma, hat in diesem Jahr vier Gesellschaften übernommen. Unter den Schutz der Schitag flüchtete selbst eine so ansehnliche Sozietät wie die Westdeutsche Treuhand Union in Essen, die Niederlassungen in Bremen, Hamburg, Frankfurt und Gelsenkirchen unterhält.

Noch viele andere Mittelständler »werden sich im Lauf der Zeit nach einem größeren Partner umsehen müssen«, prophezeit Gottfried Hohlfeldt, Vorstandsmitglied der BDO Deutsche Warentreuhand. Hohlfeldts Unternehmen, die Nummer fünf der Branche, hat sich in den letzten Monaten mehrere Sozietäten einverleibt.

Die Aufkäufer folgen dem Trend der Zeit. Die Zahl der Firmen, deren Bilanzen zu testieren sind, nimmt nicht zu. Wer im Kampf um die Kunden seinen Rangplatz halten will, muß andere Prüfungsgesellschaften aufkaufen.

Auch im Prüfungs- und Beratungsgeschäft zählt mehr und mehr die schiere Größe. Aus einst beschaulichen Kanzleien sind inzwischen internationale Testier-Fabriken geworden. Allen voran marschiert die deutsch-holländisch-amerikanische Klynveld Peat Marwick Goerdeler (KPMG) mit 62 500 Beschäftigten. Der Koloß entstand in den letzten zehn Jahren durch den Zusammenschluß von rund 60 Gesellschaften.

In der Bundesrepublik war die KPMG Peat Marwick Treuhand GmbH bis zum vergangenen Monat Branchen-Primus mit 385 Millionen Mark Umsatz. Dann verbanden sich die Nummern zwei und drei, die Treuarbeit und die Treuhand-Vereinigung, zur Deutschen Revisions- und Treuhand. Mit 420 Millionen Mark Umsatz und über 3000 Angestellten ist die Firma nun die deutsche Nummer eins.

»In Europa«, erläutert Vorstandsmitglied Lüchau, gebe es eben »eine klare Tendenz zum Zusammenrücken«. Da wird der Platz für die Kleinen eng.

Das Geld für die Aufkäufe ist meist gut angelgt. Verdient wird immer noch sehr gut in dem Gewerbe. Wirschaftsprüfer zählen zu den Spitzenverdienern - als Angestellte einer Societät und erst recht als gewinnberechtigte Partner oder Inhaber einer Kanzlei.

Die Bereitschaft, an einen Größeren zu verkaufen, ist häufig dann gegeben, wenn eine Prüffirma mit dem Wachstum ihrer Kunden nicht Schritt hält. »Man muß seinem Mandanten ins Ausland folgen, sonst macht das ein anderer«, sagt Horst Kaminski, Geschäftsführer des Instituts der Wirtschaftsprüfer.

Der andere - das ist in der Regel eines der großen internationalen Prüfunternehmen. Acht Firmen-Gruppen sind es, die den Weltmarkt gut im Griff haben. Die großen acht testieren in den USA die Bilanzen von 492 der 500 größten Konzerne; von den 500 führenden Konzernen in Europa sind über 350 Mandanten der acht Prüfungsmultis.

Die großen deutschen Prüfungsgesellschaften wiederum kooperieren im internationalen Geschäft mit den großen acht. Die größte deutsche Gesellschaft ist eingebunden in das Netz des weltweit drittgrößten Prüfkonzerns Coopers & Lybrand mit 45 000 Angestellten und Vertretungen in 109 Ländern.

Das Wachstum der Großen wird dadurch beschleunigt, daß sich die Prüfer längst nicht mehr auf ihr ursprüngliches Aufgabengebiet, Kontrolle der Bilanzen und Steuerberatung, beschränken. In zunehmendem Maße drängen sie in die Unternehmensberatung.

Dieser Geschäftszweig macht bei den großen Gesellschaften mittlerweile rund ein Viertel des Umsatzes aus. Entdeckt haben die Prüfer den neuen Bereich, als sich die Firmen Computer anschafften, um die Buchhaltung abzuwickeln.

Keiner kennt sich mit der Rechnungslegung besser aus als die Prüfer. Da lag es nahe, die Kunden gleich bei der Umstellung auf die elektronische Datenverarbeitung zu beraten. Nahezu unbemerkt ist so der amerikanische Prüfkonzern Arthur Andersen (weltweit 46 000 Beschäftigte) zur größten EDV-Beratungsfirma der Erde aufgestiegen.

Einmal auf den Geschmack gekommen, machen die Gesellschaften, so Wirtschaftsprüfer Forster, inzwischen »auch das, was McKinsey, Roland Berger und andere tun": komplette Unternehmensberatung, von der Produktionsplanung bis zur Personalberatung.

»Von der Pflichtprüfung kann der Beruf nicht mehr leben«, kommentiert Rolf Lichtner, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüferkammer, die Ausweitung des Geschäfts. Aber nur große Gesellschaften können sich eigene Diplom-Mathematiker leisten, die beispielsweise Konzepte zur betrieblichen Altersversorgung ausarbeiten und die Pensionsrückstellungen berechnen.

Nicht immer allerdings sorgen wirtschaftliche Trends wie die Globalisierung und die Nachfrage nach komplettem Service dafür, daß die Großen die Kleinen wegschubsen oder fressen. Gelegentlich befördern sich kleinere Prüfgesellschaften auch selbst aus dem Markt.

Eine davon ist die Hamburger GWP. Das Unternehmen war als »Hakelmacher« aufgefallen. So werden in der Branche jene Prüfer genannt, die, nicht selten, gegen gutes Honorar dubiose Bilanzen bestätigen. Die Hamburger hatten brav die schiefen co-op-Bilanzen testiert.

Die GWP gibt es seit einigen Wochen nicht mehr. Auf Druck der Banken mußte die Gesellschaft ihre Selbständigkeit aufgeben. Sie wurde von der Treuarbeit geschluckt, ihr Chef gefeuert.

Zur Ausgabe
Artikel 41 / 100