AKTIONÄRE Schlafender Riese
Es wird alles so aussehen wie in den Jahren zuvor, wenn sich die Vertreter von 40000 Kleinaktionären der Harpener AG im »Goldsaal« der Dortmunder Westfalenhalle einfinden. Auf dem Podium nehmen die bekannten Aufsichtsräte Platz, Vorstandschef Heyo Schmiedeknecht wird das Geschäftsjahr 1985 würdigen - das prächtigste in der Geschichte der 130 Jahre alten Firma.
Doch der Schein trügt. In dem einträglichen Mischkonzern, der aus einer Zechengesellschaft entstand, wird von Montag dieser Woche an vieles nicht mehr so sein, wie es bislang war. Die Entscheidungen sind hinter den Kulissen gefallen.
Vier Aufsichtsräte der Harpener, von der französischen Industrieholding Gaz et Eaux in das Kontrollgremium der Harpener AG entsandt, legen ihre Mandate nieder - die Franzosen haben ihren Anteil an der Harpener verkauft.
Am Freitag vergangener Woche wurden dem langjährigen Mehrheitsbesitzer Gaz et Eaux beim Bankhaus Mees & Hope in Amsterdam 470 Millionen Mark für 51 Prozent der Harpener-Aktien gutgeschrieben. Das Paket ging in das Depot
der in Luzern ansässigen Finanzgruppe York Hannover.
Die Gruppe gehört einem Deutschkanadier: Karsten Bodo von Wersebe. Der neue Großaktionär bei der Harpener stammt aus dem niedersächsischen Delmenhorst; er war Mitte der sechziger Jahre nach Toronto ausgewandert.
Monatelang war um die Dortmunder Firma gepokert worden. Der Mann aus Toronto war nämlich nicht der einzige Interessent: Die Deutsche Bank, die Bayerische Vereinsbank und die Westdeutsche Landesbank (WestLB) wollten das lange in Frankreich hin und her geschobene Aktienbündel heimholen.
In den fünfziger Jahren war die Mehrheit an der einst drittgrößten Bergwerksgesellschaft von Friedrich Flick an den französischen Stahlkonzern Sidechar gegangen. Der reichte 1980 das Paket für hundert Millionen Mark weiter an Gaz et Eaux. Als das Pariser Privatbankhaus Lazard Freres Hauptaktionär bei Gaz et Eaux wurde, sollten die Harpener-Aktien zu Bargeld gemacht werden. Harpener gilt als eines der reichsten Unternehmen im Revier. Wie die Industriellen-Dynastie Haniel und andere Bergwerksgesellschafter hatten es auch die Eigentümer von Harpener verstanden, ihre maroden Pütts dem Steuerzahler aufzubürden und die lukrativen Teile zu behalten.
Als am 1. Januar 1969 die Zechen in die Einheitsgesellschaft Ruhrkohle AG aufgingen, konnte sich Harpener auf die Verwertung der überwiegend gutgehenden Industriebeteiligungen und des gewaltigen Immobilienbesitzes konzentrieren. Verdient wird heute vor allem in der Energie-Erzeugung und Elektrotechnik, im Maschinenbau und im Transport.
Den Immobilienbesitz hatte der Vorstand rechtzeitig umgeschichtet. Rund 5000 Bergmannswohnungen wurden vorwiegend an die Ruhrkohle AG verkauft. Die erlösten 281 Millionen Mark wurden in Bürohäusern, Industriekomplexen und Handelsmärkten angelegt.
Der 47 Jahre alte Vorstandsvorsitzende Schmiedeknecht trennte sich konsequent auch von wenig einträglichen Sparten wie dem Handel mit Kohle und Heizöl. Den verlustreichen Werkzeugmaschinenbau der altehrwürdigen Wanderer-Werke überließ Schmiedeknecht einer koreanischen Gruppe, die zum Firmenkreis der mit Bettelgeldern finanzierten koreanischen Mun-Sekte gehört.
Bei jeder Neuerwerbung achtete Schmiedeknecht darauf, das unternehmerische Risiko erfahrenen Mitgesellschaftern zu überlassen. So besitzt Harpener nur Firmen mit weniger als 50 Prozent. Fachkundige Partner sind etwa die Vereinigten Elektrizitätswerke (VEW) Westfalen und die Neusser Werhahn-Gruppe. Rund zwei Milliarden Mark Umsatz schafften die Beteiligungsfirmen. Harpener setzt mit eigenen Aktivitäten gerade ein Zehntel davon um.
Schmiedeknecht wollte einen Teil seiner flüssigen Mittel in Höhe von 150 Millionen Mark in den USA anlegen. Doch da er, getreu seinen Prinzipien nicht die Mehrheit des Mischkonzerns Bangor Punta übernehmen wollte, griff ein US-Unternehmen zu und kaufte Bangor Punta komplett - einschließlich des Anteils, den der gescheiterte SMH-Bankiers Ferdinand Graf von Galen und seine Frau Anita besaßen.
Doch Harpener kam dadurch in Nordamerika ins Gespräch. Von Wersebe hörte schließlich über Geschäftsfreunde aus der New Yorker Filiale von Lazard Freres den Tip, Harpener zu kaufen.
Geld hat der Deutschkanadier reichlich. Der Handel mit Grundstücken in Kanada, die er deutschen Investoren anbietet, brachte soviel ein, daß er inzwischen die größte private Hotelkette in Kanada, das World Trade Centre in Toronto sowie Ländereien in Kanada und in den USA besitzt. In seiner Heimat kaufte er sich die Messerschmitt AG mit ihrem gewaltigen Grundbesitz in und um München, in Hamburg gehört ihm eine Handelsgruppe. Die knappe halbe Milliarde Mark für Harpener brachte von Wersebe locker auf. Hundert Millionen Mark steuerte er selbst bei, 220 Millionen gab ihm die Parisbas Suisse 150 Millionen die DG Bank Deutsche Genossenschaftsbank.
Der neue Mehrheitsbesitzer, meint Unternehmensberater Otto Gellert aus Hamburg, werde frischen Wind nach Dortmund bringen. So werde »der schlafende Riese endlich auch zu unternehmerischer Leistung getrieben«.
Gellert soll Aufsichtsratschef bei der Harpener werden. Wenn er das Amt annimmt, will er nicht der »lange Arm« des Mehrheitsaktionärs sein. Er ahnt, daß die übrigen Anteilseigner die Entwicklung nach von Wersebes Einstieg mit Mißtrauen verfolgen werden. So mancher Miteigentümer wird sich als erstes fragen, ob von Wersebe vielleicht nur an den flüssigen Mitteln und dem Anlagevermögen interessiert sei, das er ausschlachten könnte. Doch der neue Großaktionär will Zweifel an seinen Motiven gar nicht erst aufkommen lassen: Er habe nicht die Absicht, ließ von Wersebe aus Toronto mitteilen, »eine Attacke gegen den Goldesel zu reiten«.