Luftfahrt Schlecht behandelt
Heinz Ruhnau, 61, und Detlev Karsten Rohwedder, 59, haben viele Gemeinsamkeiten. Sie gehören der gleichen Generation an, sind beide Mitglied der SPD und waren zur gleichen Zeit Staatssekretäre in Bonn. Beiden gelang rechtzeitig vor der Wende der Absprung auf gut bezahlte Manager-Posten: Ruhnau wurde Chef der Lufthansa, Rohwedder Vorstandsvorsitzender beim Stahlkonzern Hoesch.
So richtig zugetan waren die zwei, trotz so vieler Gemeinsamkeiten, einander nie. Vor kurzem allerdings hat die Abneigung einen Höhepunkt erreicht.
Der Hoesch-Manager Rohwedder tut auf seinem neuen Posten bei der Ost-Berliner Treuhandanstalt nicht das, was Ruhnau möchte. Schnellstmöglich will der Lufthansa-Chef von Rohwedder das Jawort für die Übernahme von 26 Prozent der DDR-Fluggesellschaft Interflug durch die Lufthansa. Doch Rohwedder ziert sich.
Mehrmals hatte der Lufthansa-Mann in den letzten Wochen um eine Telefon-Verbindung mit Rohwedder in Ost-Berlin gebeten. Aber jedesmal ließ Rohwedder, inzwischen noch selbstgefälliger geworden als bisher schon, den Manager-Kollegen abblitzen.
Vor drei Wochen erhielt Ruhnau dann einen Besuchstermin. Doch entgegen den Erwartungen des Lufthansa-Chefs war das kein Exklusiv-Gespräch. Rohwedder hatte kurz nach Ruhnau auch andere Interflug-Interessenten zu sich geladen.
Das Gespräch zwischen den beiden Herren war kurz und laut. Er fühle sich, schimpfte der Mann von der Lufthansa, schlecht behandelt. Bei der Interflug stünden Tausende von Jobs auf dem Spiel. Vor Monaten schon, so Ruhnau, habe er angefragt. Er könne nicht verstehen, daß sich die Treuhandanstalt soviel Zeit lasse. Wenn die Lufthansa nicht zum Zuge käme, werde er die Interflug am langen Arm verhungern lassen.
Ruhnau ließ keinen Einwand seines Gegenüber gelten, ständig fuhr er seinem Gesprächspartner lautstark in die Parade. Rohwedder brach daraufhin das Gespräch ab.
Heinz Ruhnau, der sich sonst gern norddeutsch kühl gibt, zeigt Nerven. Im deutschen Luftverkehr werden gegenwärtig die Karten neu gemischt, und der Lufthansa-Mann merkt, daß er ein schlechtes Blatt auf der Hand hat.
Ruhnau und seine Kollegen hatten sich eine üppige Dividende von der deutschen Einigung versprochen. Der Himmel über Groß-Deutschland sollte der blau-gelben Linie gehören. Die DDR-Gesellschaft Interflug, das hatten die Lufthansa-Strategen schon früh vorbereitet, sollte in ihr Reich fallen.
In Bonn hatte Ruhnau frühzeitig vorgesorgt. Anfang Mai vereinbarte Verkehrsminister Friedrich Zimmermann mit seinem Amtskollegen in der DDR, Horst Gibtner, daß die Interflug nach der Wiedervereinigung zu 51 Prozent der Lufthansa und zu 23 Prozent freien Aktionären gehören sollte.
Fassungslos waren Ruhnau und Kollegen, als das Kartellamt die Idee gar nicht gut fand und ein Veto signalisierte. Die Behörde argumentierte, durch den Zukauf würde die Lufthansa ihre marktbeherrschende Position in der Bundesrepublik ausbauen.
Die Wettbewerbshüter forderten Bonn auf, für mehr Konkurrenz in der Luft zu sorgen. Mit einem finanzkräftigen Partner könnte Interflug zum Herausforderer der Lufthansa aufgebaut werden.
Schützenhilfe kam aus Brüssel. EG-Kommissar Leon Brittan riet Interflug-Verkäufer Rohwedder, auch ausländische Interessenten anzuhören.
Ruhnau gab nicht auf. Mit Hilfe eines prominenten Christdemokraten versuchte er, eine Gegenposition zu den Wettbewerbshütern aufzubauen. Kurt Biedenkopf, CDU-Spitzenkandidat in Sachsen, sollte in Bonn die Bedenken ausräumen.
Der CDU-Mann hat inzwischen ein Gutachten erstellt. In dem weist er auf den heftigen internationalen Wettbewerb der Fluggesellschaften hin, daran ändere sich nichts durch Interflug. Die rein deutsche Sichtweise des Kartellamts sei abwegig.
Mit den Argumenten von Biedenkopf sollte Bonns Wirtschaftsminister Helmut Haussmann für eine schnelle Sondererlaubnis der Fusion gewonnen werden. Doch das klappte nicht. Haussmann will erst mal bis zum 3. Oktober, dem Tag der Vereinigung, warten. Dann wird der Bund automatisch Eigentümer der DDR-Gesellschaft und kann über deren Zukunft verfügen.
Verschiedene Modelle werden gegenwärtig in Bonn durchgespielt. Eine Übernahme durch die Lufthansa ist kaum noch wahrscheinlich. Gute Chancen hat eine Stärkung der Interflug durch Partner und ihr Ausbau zu einer zweiten deutschen Fluglinie.
Am Montag vergangener Woche empfing Wirtschafts-Staatssekretär Otto Schlecht eine Delegation der Aero Lloyd. Der kleine Konkurrent, der bisher sein Geld im Chartergeschäft verdient, meldete Interesse an: Zusammen mit British Airways und weiteren Partnern möchten die Aero-Lloyd-Manager die DDR-Linie übernehmen.
Otto Schlecht, der für Bonn im Lufthansa-Aufsichtsrat sitzt, vergaß seine Pflichten als Lufthansa-Mann und fand, ganz Marktwirt, den Vorschlag »sehr interessant«. Ein Betreiber-Konsortium, an dem außerdem noch eine »deutsche Bank« und »ein Konzern wie BMW« beteiligt seien, halte er für diskutabel.
Der Chef des Konzerns, der nun plötzlich als Partner genannt wird, weiß von nichts. Er sei wohl der letzte, läßt BMW-Chef Eberhard von Kuenheim verbreiten, der von den Flugplänen in Kenntnis gesetzt werde.