Schlecht verpackt - DER SPIEGEL
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FLUGPREISE Schlecht verpackt

Mit ihren Holiday-Tickets verkauft die Lufthansa besonders billige Flugreisen. Die Konkurrenz allerdings darf in der Bundesrepublik nicht so günstig anbieten. *
• aus DER SPIEGEL 28/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Szene kann jeden Tag passieren. Ein Passagier tritt an den Ticket-Schalter der Deutschen Lufthansa im Frankfurter Flughafen und erkundigt sich nach dem Preis für einen Flug nach Rio de Janeiro. Eine freundliche Dame im blauen Kostüm offeriert ein Sonderangebot: das Holiday-Ticket für 2999 Mark hin und zurück.

Ein Gang zur Konkurrenz am Nachbarschalter wird den Passagier schnell wieder zur Lufthansa zurückbringen. Die Swissair etwa fliegt zwar auch von Frankfurt aus über Zürich nach Rio. Aber sie darf in Westdeutschland keine Billigtickets verkaufen.

Für die deutsche Staatslinie ist das System narrensicher. Sie lockt mit günstigen Tarifen reisehungrige Passagiere

in ihre Flugzeuge. Anderen Luftverkehrsgesellschaften jedoch, die ebenfalls mit preiswerten Spezialtarifen Kunden aus Deutschland ködern möchten. Ist dies in der Regel nicht erlaubt. Sie dürfen nur teurere Tickets verkaufen.

Warum das so ist, erklärt die Lufthansa mit einer verdächtig salbungsvollen Floskel: »Linienluftverkehr«, heißt es im jüngsten Geschäftsbericht des von Ex-Staatssekretär Heinz Ruhnau gelenkten Unternehmens, sei »ohne internationalen und nationalen Ordnungsrahmen für den Wettbewerb nicht möglich«.

Die Konkurrenz sieht das etwas anders. Als »schlecht verpackten Protektionismus« bezeichnet Hans-Rudolf Hagedorn, Vizedirektor der Swissair, das Geschäftsgebaren der westdeutschen Staatslinie.

Den Vorwurf des Swissair-Mannes erheben auch die Manager der niederländischen KLM, der belgischen Sabena oder der Singapore Airlines: Fluggesellschaften, die deutsche Passagiere auf einen ausländischen Flughafen lotsen wollen, um ihn von dort billig in die Welt zu fliegen, wird das Geschäft vermasselt.

Die sogenannten Punkt-zu-Punkt-Tarife der Lufthansa haben eine besondere Eigenart. Sie gelten nur auf Direktflügen und legen den Passagier auf eine bestimmte Fluglinie fest. Reiseunterbrechungen oder gar das Umsteigen auf eine andere Fluggesellschaft sind nicht erlaubt. Zudem dürfen die Sondertickets in der Regel nur von der Lufthansa oder von der Gesellschaft des Ziellandes verkauft werden.

Anfangs gab es solche Spezialtarife nur auf der Nordatlantikroute. Die von der Carter-Administration in Gang gesetzte Liberalisierung des US-Luftverkehrs zwang die Lufthansa, ihr Tarifsystem durch extrem preiswerte Sondertarife attraktiver zu machen.

Inzwischen haben die Lufthansa-Leute das Billig-Tarifsystem auf beinahe alle Strecken ausgedehnt. Fast sämtliche Lufthansa-Flugziele in Nord-, Mittel- und Südamerika, in Afrika, Nahost, Asien und Australien können zum Lufthansa-Holiday-Tarif gebucht werden.

Die Preisunterschiede zwischen den Holiday- und den Normaltarifen sind enorm. Ein Flug von Frankfurt nach Bangkok und zurück kostet per Holiday-Tarif weniger als die Hälfte eines Normal-Fluges. Ähnlich groß sind die Differenzen auf den anderen Routen.

Doch nicht nur die Fluggäste, auch die Lufthansa profitiert von den Billigtarifen. Zum einen helfen sie den Lufthansa-Managern, ihre Flugzeuge besser auszulasten. Zum anderen eignen sich die Punkt-zu-Punkt-Tarife bestens, unerwünschte Konkurrenten auszuschalten.

Reisende zum Beispiel, die von Frankfurt aus billig nach Hongkong fliegen möchten, können nur mit der Lufthansa reisen.

Andere Gesellschaften wie etwa die Swissair, die ebenfalls von Frankfurt aus über Zürich nach Hongkong fliegt, dürfen diese Flüge in der Bundesrepublik nicht zum Billigtarif verkaufen. Das Umsteigen in Zürich würde gegen die von den Deutschen erlassenen Bestimmungen verstoßen.

Mehr noch als gegen die Konkurrenz im Süden richten sich die Billigtarife gegen die Gesellschaften in den westlichen Nachbarländern wie etwa die holländische KLM und die belgische Sabena.

Vor allem die von Amsterdam aus startende KLM bereitete den Lufthansa-Leuten viel Verdruß. Da für die meisten Bundesbürger an Rhein und Ruhr der Weg nach Amsterdam nicht weiter als nach Frankfurt ist, schnappen die Niederländer in dieser Region der Lufthansa besonders viele Kunden weg. Seit jedoch die Lufthansa ihre Billigtarife eingeführt hat, schrumpften die Passagierströme nach Amsterdam.

Ebenso wie gegen die Fluglinien aus den Nachbarländern der Bundesrepublik zielen die Lufthansa-Tarife aber auch gegen die weltweit operierende Singapore Airlines. Denn auch die Airline aus Fernost wird durch die Punkt-zu-Punkt-Tarife im freien Wettbewerb behindert.

Singapore Airlines würde zum Beispiel gern die Strecken Frankfurt-Sydney oder auch Frankfurt-Hongkong zum Sondertarif verkaufen.

Da aber die Fernost-Gesellschaft diese Ziele von Frankfurt aus nicht direkt, sondern nur über Singapur oder Bangkok anfliegt, darf sie den Holiday-Tarif auf dieser Strecke nicht anwenden.

Trotz solcher Behinderungen schlagen Singapore Airlines, Swissair und KLM nicht mit den gleichen Methoden gegen die Lufthansa zurück. Sowohl in Singapur als auch in den Niederlanden oder der Schweiz dürfen alle Fluggesellschaften die gleichen Tarife anbieten wie die nationale Linie.

So kann zum Beispiel die Lufthansa in der Schweiz Billigtickets in alle Welt verkaufen, obwohl die Flüge über Frankfurt gehen. Und Singapore Airlines darf in der Schweiz zum gleichen Billigtarif wie die Swissair Passagiere nach Hongkong transportieren.

In der Bundesrepublik dagegen ist Singapore Airlines gezwungen, für den Flug Frankfurt-Hongkong beinahe 3000 Mark mehr als die Lufthansa zu verlangen.

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