Schlicht gefälscht - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Schlicht gefälscht

Am offiziellen, aber zweifelhaften Preisindex drohen die anstehenden Tarifverhandlungen zu scheitern.
• aus DER SPIEGEL 51/1975
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Was 300 Beamte der französischen Staatsstatistik seit Jahren ermitteln und errechnen, prüfen und kontrollieren, droht zu Frankreichs sozialpolitischem Streitfall zu werden.

Der von den Beamten konstatierte Lebenshaltungsindex nämlich, wichtige Richtzahl für Löhne und Renten, ist laut Gewerkschaftsführer Georges Séguy »schlicht gefälscht«. »Schwer übers Ohr gehauen« würden deshalb Frankreichs Arbeiter und Angestellte, wenn sie in den kommenden Wochen aufgrund der Regierungsstatistiken Lohnverträge abschließen.

Erbittert wie nie kämpft vor allem Frankreichs größte Gewerkschaft, die kommunistisch gelenkte »Confédération générale du travail« (CGT), gegen den offiziellen Preisindex des »Institut national de la statistique et des études économiques« (Insee), dem statistischen Bundesamt Frankreichs. Und selbst gemäßigte Gewerkschaften schließen sich neuerdings der Kritik ihrer roten Genossen an.

Im November hatten die Index-Kritiker ihr erstes Erfolgserlebnis. Wirtschaftsminister Jean-Pierre Fourcade lenkte ein und gab zu verstehen, die Insee habe »niemals eine Diskussion über ihren Preisindex abgelehnt«.

Seit 1972 gibt die CGT einen eigenen monatlichen Preisindex heraus -- und der weicht immer mehr von den Staatsziffern ab. Im vergangenen Jahr errechneten die roten Gewerkschafter 17,4 Prozent Teuerungsrate -- die insee-Kollegen brachten es nur auf 15,2 Prozent. In diesem Jahr liegt der CGT-Index bereits um fünf Prozent über dem offiziellen Preisanstieg (bislang 10,2 Prozent). »Das ist wirklich enorm«, fand sogar der konservative »Figaro«.

Schmerzlich ist die Spanne vor allem für die Pensions- und Lohnempfänger, deren Gehaltshöhe an den Insee-Index gebunden ist. So ist der gesetzliche Mindestlohn »Smic«, auf den etwa eine Million Arbeitnehmer angewiesen sind, strikt an die statistischen Lebenshaltungskosten gekoppelt.

Zwar ist der Insee-Index mathematisch unanfechtbar, methodisch scheint er dem der Nachbarländer mindestens ebenbürtig. Die Insee-Funktionäre prüfen monatlich über 1000 (Bundesrepublik: rund 879) Artikel und Dienstleistungen. Sie füttern den Pariser Zentralcomputer mit 160 000 Preisen aus 25 000 Verkaufsstellen.

Doch weil in Frankreich die Preise. von Zeit zu Zeit per Staatsorder eingefroren, fast immer überwacht werden. verwechseln die Händler allzuoft Statistik-Funktionäre mit Kostenkontrolleuren. Vorsichtshalber frisieren sie deshalb für die Zeit der Insee-Recherchen ihre Preisschilder um. Die in Wirklichkeit wohlinformierten Preisbehörden aber, argwöhnen die Gewerkschaften, überprüfen just jene manipulierten Preisetiketten, um Erfolge ihrer Preisüberwachung -- und der staatlichen Wirtschaftspolitik -- an die Regierung melden zu können.

Von zweifelhaftem statistischen Wert ist auch eine andere Insee-Metbode: Als beispielsweise der Eisschrank »Igloo« (Preis: 500 Franc) durch das Nachfolgemodell »Val d'Isère« (Preis: 600 Franc) ersetzt wurde, führten ihn die Insee-Leute weiter mit 500 Franc. Ihre Begründung: Das Folgemodell sei qualitativ besser, es habe eine Abtauanlage, die den Mehrpreis rechtfertige.

Eiserne Insee-Regel ist nämlich, daß eine durch qualitative Verbesserung gerechtfertigte Preiserhöhung unberücksichtigt bleiben muß. Daß der »Val d'Isère«-Eisschrank reparaturanfälliger war und mehr Strom verbrauchte, scherte die Insee-Statistik nicht.

Anders als die staatlichen Statistiker ermitteln die CGT-Prüfer ihre Preise inkognito. Stets melden sie bei neuen Produkten den effektiven Preis. Ihr Argument: Der technische Fortschritt sei höchst zweifelhaft, die Mehrausgabe hingegen sehr real.

Nur wenn die Regierung gemeinsam mit den Gewerkschaften ein Preisindexsystem ausarbeitet, will sich zumindest die CGT auf Tarifverträge einlasse. »Der Index-Streit ist jetzt alles andere als ein Konflikt von Lehrmeinungen«, prophezeite der »Figaro« für die anstehenden Verhandlungen, »er steht im Mittelpunkt der gesamten sozialpolitischen Debatte der Gegenwart.«

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