BAHN Schlicht geschludert
Probleme hat Hartmut Mehdorn wahrlich genug. Vergangene Woche kam ein weiteres hinzu: der Herbst.
Passend zum Sommerende lenkte ein Sturmtief aus Skandinavien kalte Seeluft - und vor allem Regen - übers Land und seine Gleise: Nasses Laub macht die Schienen nun für Wochen glitschig. Züge rutschen durch, fahren sich an den Reifen Flachstellen ein, müssen in die Werkstatt. Da hilft es auch nicht, wenn die Eisenbahner mit Reinigungsgeräten über Bahndämme fahren - die Pünktlichkeit stürzt auf Tiefstwerte.
So ist es in jedem Herbst, dafür kann selbst der Chef der Deutschen Bahn (DB) nichts. »Wir sind machtlos«, sagt er regelmäßig und stöhnt. »Ein Drittel der Verspätungen«, schimpft Mehdorn oft, werde »von außen erzeugt": Die nasskalte Witterung, aber auch jährlich etwa 1000 Selbstmorde und 400 Autounfälle behinderten den Verkehr.
So weit die offizielle Lesart - die interne Ursachenanalyse zeichnet derzeit ein anderes Bild. Nur sechs Prozent aller Verspätungsgründe, heißt es in einer Vorstandsvorlage vom 9. September ("Maßnahmen zur Verbesserung der Pünktlichkeit"), gehen auf das Konto »externer Störungen«. Die anderen Probleme sind weitgehend hausgemacht.
Ein schmerzhafter Befund, schließlich stehen Preise und Pünktlichkeit an erster Stelle, wenn Mehdorn, wie kürzlich auf einer Führungskräftetagung in Berlin, darüber doziert, »was unseren Kunden wichtig ist«.
Die jüngsten Verspätungszahlen kommen darum höchst ungelegen; schließlich war an der Fahrgastfront zuletzt etwas Frieden eingekehrt, nachdem Mehdorn das verpatzte Preissystem weitgehend zurückgenommen hatte.
Mit der Ruhe könnte es bald vorbei sein. Von der Öffentlichkeit bislang unbemerkt, fiel die Pünktlichkeit im August - bei schönstem Wetter - erneut auf unter 85 Prozent. Jetzt liegt sie wieder bei den katastrophalen Werten vom Jahresbeginn, als extreme Kälte und Eisregen die Zeitbilanz verhagelten und für harsche Schlagzeilen sorgten. Schlimmer noch: Bereits im dritten Jahr kennen die Zahlen nur einen Weg: bergab (siehe Grafik). Mehdorns ehrgeizige Zielquote von 95 Prozent scheint in weite Ferne gerückt.
Seit Monaten sucht deshalb eine vom DB-Vorsitzenden selbst geführte Taskforce nach Auswegen aus der Verspätungsfalle. Den aktuellen Stand fasste Mehdorns Kollege Roland Heinisch, im Vorstand zuständig fürs Schienennetz, in einer neunseitigen Analyse zusammen. Das Wörtchen »Wetter« taucht in dem Papier erst gar nicht auf.
Bis zu 800 Baustellen am Tag, fast alle unter rollendem Rad, galten bislang als weitere Hauptursache für das Zeitdefizit der Deutschen Bahn. Auch davon ist in Heinischs Fehleranalyse kaum noch die Rede; 20 Prozent der Verspätungen entstehen durch Bauarbeiten.
Schuld sind stattdessen »technische Störungen«, Schwierigkeiten bei »Abwicklung/Disposition« und die »schlechte Produktionsplanung« der Bahn. Allein diese drei Punkte sind zu 65 Prozent für die Pünktlichkeitsprobleme verantwortlich.
Im Klartext: Im täglichen Zugverkehr laufen massenhaft Dinge schief, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. So haben die Staatsbahner offenkundig schlicht geschludert, als sie den neuen Fahrplan schrieben und Haltezeiten zum Umsteigen festlegten. »Kaum Puffer und Reserven«, heißt es dazu selbstkritisch in Heinischs Analyse.
Auch an einer regelmäßigen Wartung der Züge hat es oft genug gehapert. Künftig soll es wieder »mehr präventive Instandhaltung« und »weniger außerplanmäßige Arbeiten« geben, fordert der Netz-Vorstand.
»Das ist eine Momentaufnahme«, sagt ein Firmensprecher zu den aktuellen Zahlen; übers Jahr gerechnet, würden die hohe Bauintensität und das Wetter die meisten Probleme bereiten. Hinzu kämen etwa von der Industrie zu verantwortende Probleme mit der jüngsten ICE-Generation.
Doch das ist nicht alles: Die Maßnahmen der DB-Manager setzen jetzt auch beim Personal an - offenbar haben die Eisenbahnertugenden unter Mehdorns vierjähriger Sanierungsarbeit gelitten. Als Motto für ihre tägliche Arbeit bekommen die Mitarbeiter nun »planmäßige Abwicklung« sowie »Präzision und Disziplin im Team« verordnet. Lokführer sollen künftig »auf die Sekunde abfahren und auf die Minute ankommen«.
Statt »Effizienz« stehen an kritischen Punkten jetzt wieder »Entspannung« und »Entlastung« auf dem Programm. Das heißt: Personal- und Zugreserven, an denen zuletzt gespart wurde, sollen bei Engpässen und Ausfällen wieder einen reibungsloseren Ablauf bringen.
Für die Kunden kann es nur besser werden. Unter der Rubrik »mentaler Schock« lässt Mehdorn derzeit eine »Bewusstseinsänderung durch Thematisierung in Vorstand und Workshops vor Ort« verordnen. FRANK HORNIG