Schlummernde Risiken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 113

BANKEN Schlummernde Risiken

Die Sanierung der Berliner Bankgesellschaft läuft, doch die Bilanzen des Instituts werden schöngerechnet - wie ein Bericht der Wirtschaftsprüfer zeigt.
Von Wolfgang Reuter und Mathew D. Rose
• aus DER SPIEGEL 39/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jochen Sanio, der Chef der Bankenaufsicht, hatte das Szenario sowohl mit Bundesbankern als auch mit hochrangigen Vertretern des Finanzministeriums immer wieder durchgespielt.

Sollte die Bankgesellschaft Berlin zusammenbrechen, müssten ganze Wagenkolonnen von Geldtransportern, eskortiert von Hundertschaften der Polizei, nach Berlin geschickt werden - um die Hauptstadt mit Geld zu versorgen. Einige Tage würde die Bereitstellung der Banknoten - eine enorme logistische Herausforderung - auf alle Fälle dauern. Schlangen vor den Bankschaltern, Chaos und möglicherweise sogar Unruhen wären die Folge.

Zwar ist das marode Geldhaus durch eine Finanzspritze und zwei Bürgschaften des Landes Berlin, insgesamt knapp 25 Milliarden Euro Steuergelder, vorerst gerettet - doch theoretisch besteht die Gefahr einer Pleite noch immer. Denn die EU-Kommission hat die staatlichen Beihilfen bislang nicht genehmigt. Das Votum der Wettbewerbshüter wird auch davon abhängen, ob sie an eine erfolgreiche Sanierung der Bankgesellschaft glauben.

Hans-Jörg Vetter ist angetreten, die undankbare Aufgabe zu erledigen. 1100 Arbeitsplätze hat er bereits abgebaut, 700 weitere Aufhebungsverträge sind unterschrieben. Stück für Stück bringt er den maroden Laden auf Vordermann, so gut es eben geht. Doch in manchen Fällen ist das Machbare, vor allem für die EU, noch nicht genug.

Vielleicht hat der Vorstand deshalb »den Jahresabschluss 2001 schöngerechnet«, wie hochrangige Banker berichten. Das Zahlenwerk sei »mit heißer Nadel gestrickt« - was sich auch im Bericht der Wirtschaftsprüfer zum Jahresabschluss widerspiegelt.

So hatte die Bank seit 1998 gut eine Milliarde Euro in Investmentfonds gepumpt, die auf dem Eurostoxx basieren. Zum Bilanzstichtag, dem 31. Dezember 2001, lag der Marktwert dieser Papiere »um 286 Millionen unter dem Buchwert«, schreiben die Prüfer der PwC Deutsche Revision. Abgeschrieben aber wurde der Betrag nicht, »da die Bank davon ausgeht, dass die Wertminderungen in den Eurostoxx- basierten Fonds nicht dauerhaft sind«.

Mittlerweile hat der europäische Blue-Chip-Index weitere 34 Prozent verloren - was einen zusätzlichen Wertverlust von rund 300 Millionen Euro bedeutet. Die Bank sehe noch immer keine Notwendigkeit, die Summe abzuschreiben, will den Posten aber »beobachten«, wie eine Sprecherin sich ausdrückt.

Auch im Geschäft mit privaten Kunden wurden die Risiken eher versteckt als ausgewiesen. Die Vorsorge liege hier mit einer angenommenen Ausfallquote von 4,74 Prozent trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage auf »niedrigem Niveau«, so die Prüfer. Bei Firmenkrediten beträgt sie 14,39 Prozent - im Vergleich zu anderen Banken schlichtweg eine katastrophal hohe Zahl.

Bankmitarbeiter wundern sich zudem über die hohe Bewertung der 125 Beteiligungen. Die Anteile stünden noch immer mit rund 430 Millionen Euro in den Büchern, obwohl die Erträge daraus deutlich gesunken sind. Im vergangenen Jahr musste das Institut laut Prüfbericht sogar Verluste von 49 Millionen Euro aus 16 dieser Gesellschaften übernehmen.

In einigen Fällen weiß die Bank gar nicht, was sie in den Büchern hat. Für einzelne Kreditnehmer im Ausland, bemängeln die Prüfer, könne die Bank die Sicherheiten »nicht vollständig ermitteln«.

Zudem erfolge »die Ermittlung der Länderobligen mit hohem manuellem Aufwand«, so die PwC, die deswegen die von der Bank ermittelten Kreditvolumen nicht abschließend beurteilen könne. Bei Stichproben hätten sich jedoch in mehreren Fällen Abweichungen bei der Kreditschuld und den Sicherheiten ergeben.

Eine Banksprecherin erklärt dazu, diese Missstände seien mittlerweile weitgehend behoben. Durch einige inzwischen aufgetauchte Sicherheiten habe sich die Situation der Bank zudem verbessert.

Dennoch: Die Bemerkungen der Prüfer zeigen, wie ernst die Lage in Berlin noch immer ist. Trotz aller Tünche haben die Bankmanager für 2001 einen Verlust von 112 Millionen Euro ausgewiesen. Dieses Jahr sind allein im ersten Halbjahr 154 Millionen angefallen, 2003 aber will Vetter in die Gewinnzone.

Der Berliner Finanzsenator will das marode Haus unterdessen jedoch meistbietend verkaufen. »Weg damit, und zwar so schnell wie möglich«, heißt die Devise, wie ein Abgeordneter versichert. Mit zwei US-Bietern wird inzwischen verhandelt.

Viel Freude wird der Senat wohl nicht haben. Denn wenn die Käufer das Geldhaus überhaupt ohne die weitere Übernahme von Risiken durch den Senat nehmen, so versichern Insider, werden sie dem Land bestenfalls »einen kleinen Bruchteil dessen bezahlen, was der Steuerzahler in den vergangenen 14 Monaten hineingepumpt hat«.

Und ob es überhaupt dazu kommt, hängt eben auch von den EU-Wettbewerbshütern ab. Sollten sie die Rettungsbeihilfen nicht genehmigen, wäre die Bank auf einen Schlag am Ende - und unverkäuflich.

Das Land müsste zwar für die Einlagen der Kunden aufkommen - doch spätestens dann müssten die Geldtransporter-Kolonnen in Richtung Hauptstadt aufbrechen.

WOLFGANG REUTER, MATHEW D. ROSE

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 113

Mehr lesen über