Schmerzhafte Trennung
Noch zwei Tage vor der Einigung der Konzernchefs erklärte der Festnetz-Ingenieur Markus Janers »jeden für verrückt«, der ihm diesen Ausgang prophezeite. Als ihm Kollegen am Donnerstagnachmittag berichteten, was sich da abzeichnete, rief er spontan seine Bank an. »Aus Protest« verkaufte er seine Mannesmann-Aktien.
Der 36-Jährige glaubte am Donnerstagabend, dass seine Kollegen spätestens am Freitagmorgen auf die Straße gehen würden, zum Protestieren, um mitzureden, wo es doch nichts mehr mitzureden gab. Aber nichts geschah.
Eine lähmende Ohnmacht bedrückt die Mitarbeiter, die beim Fusionspoker nur Zuschauer waren. In Zeitungsanzeigen und TV-Interviews mussten sie sich informieren. Der Flurfunk übermittelte nur bruchstückhaft das Geschehen in den Chefetagen, oft herrschte tagelang Funkstille.
Der Übernahmekampf ist vorbei - die Unsicherheit ist geblieben. »Was wird jetzt aus uns?«, fragt Stephan Zimrick, der Zuspannungsmechaniker in der Düsseldorfer Werkzeugdreherei. Er ist den Tränen nahe, als er beim Schichtwechsel das Düsseldorfer Röhrenwerk verlässt. »Natürlich«, sagt Zimrick, »habe ich Angst um meinen Job.«
Vielen seiner Kollegen geht es genauso. Doch »so richtig eingesunken«, sagt Zimrick, sei das Großereignis bei vielen noch nicht. Der »Wirbelsturm der Veränderung« ("Financial Times"), der über Düsseldorf tobt, wird in dem betroffenen Traditionskonzern, der nun aufhört, eine deutsche Firma zu sein, mit stillem Entsetzen registriert.
»Ich finde das alles richtig beschissen«, sagt Winfried Winkels, und die Fassungslosigkeit ist ihm anzumerken. So viel Tradition, diese Energie beim Start in die Mobilfunkzeit, und jetzt die feindliche Übernahme. Winkels schüttelt den Kopf: »Mannesmann, das hat einem doch noch etwas gesagt. Und dann kommt da der Herr Gent - und das war's dann.«
Mit seinen Kollegen war sich der Schlosser im Düsseldorfer Röhrenwerk am Freitag in endlosen Gesprächen einig: Das alles sei ganz seltsam gelaufen. Warum hat ihr Firmenchef Klaus Esser jetzt aufgehört zu kämpfen? Welche Rolle spielt eigentlich der Aufsichtsrat? Und wer sind die Bosse der Investmentfonds, denen doch ein Großteil von Mannesmann gehört?
Viele Mannesmänner haben am Freitag die Aktien ihrer Firma verkauft, die meisten verstanden es auch als Akt der Rebellion. »Was sollen wir noch damit?«, sagt Winkels enttäuscht.
Auch Gudrun Schäfer hat verkauft. Die Angestellte in der Personalabteilung ist seit 35 Jahren bei Mannesmann - und in ihrer Enttäuschung mit den anderen vereint. Was jetzt kommt, daran mag sie nicht denken: »Wir sind alle noch ziemlich bedröppelt«, sagt sie.
Selbst der Betriebsrat wirkt hilflos. Es gab keine Krisensitzung, keine Betriebsversammlung, nicht einmal ein Flugblatt.
Nur gelegentlich klingelte bei Peter Schumacher, Mitglied der Arbeitnehmervertretung, das Telefon. Einige der Kollegen wollten wissen, was das alles zu bedeuten hat. Schumacher weiß es doch selbst nicht. »Was sollen wir machen, da ändert sich nichts mehr. Egal, was wir tun.«
Friedrich Apfelbaum, Betriebsratschef der Konzern-Zentrale, weiß, dass jetzt alle auf Informationen warten, auf Details der Einigung, auf möglicherweise geplante Umstrukturierungen. Er hofft, den Mitarbeitern bald irgendwie irgendwas sagen zu können: »Das würde einige Leute vielleicht etwas beruhigen«, hofft Apfelbaum - und glaubt es selbst nicht ganz.
Der Verlust der juristischen Eigenständigkeit wird erkennbar als Verlust von persönlicher Identität erlebt, als schmerzhafte Trennung, die das Ende eines bis dahin gepflegten Wir-Gefühls bedeutet.
»Ich bin traurig und wütend«, sagt der Festnetz-Ingenieur Janers: »Das hier, das war doch mal eine Familie.«
WOLFGANG REUTER