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TEXTIL-INDUSTRIE Schmerzvoll eingefügt

Europas Textilproduzenten verlangen neue Handelsbarrieren gegen Billigimporte. Der deutschen Industrie, meint Wirtschaftsminister Lambsdorff, brächten sie mehr Schaden als Nutzen.
• aus DER SPIEGEL 34/1981
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Berthold Keller, Vorsitzender der Gewerkschaft Textil -- Bekleidung (GTB), nahm Bonns sozialliberale Regierung frontal an.

Die Bundesregierung, empörte sich der Gewerkschaftsboß in einem Brief an Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, sei »offensichtlich an der gezielten Vernichtung weiterer Arbeitsplätze interessiert«. Er betreibe, warf Keller dem Grafen vor, »eine unehrliche Politik zum Schaden von Hunderttausenden von Arbeitnehmern«.

Gleichzeitig schickte Keller an Kanzler Helmut Schmidt einen geharnischten Brief. Das Ganze, schrieb Keller, dem »sehr geehrten Herrn Bundeskanzler«, sei ein »ungeheuerlicher Vorgang«.

Die heftige Reaktion war unangemessen. Denn auch der Wirtschaftsminister sorgt sich um deutsche Arbeitsplätze: Lambsdorff will verhindern, daß weltweit eine Flut protektionistischer Gesetze anschwillt, die bald auch die deutschen Exporte unter sich begraben würde.

Dazu könnte es schnell kommen. Denn noch bis Ende dieses Jahres müssen sich die Industriestaaten mit 27 Entwicklungsländern über ein neues Abkommen einigen, das strikte Regeln für die Einfuhr von Textilien und Bekleidung, wie etwa Bettwäsche und Handtücher, Blusen und Hemden, Hosen und Socken, enthalten soll.

Unverhohlen fordern die meisten der hochentwickelten Länder bei den Verhandlungen in Genf mehr Schutz für die heimischen Spinner und Weber, Hemden- und Hosenschneider. Bedrängt vor allem von Briten, Franzosen, Belgiern und Italienern, will die Brüsseler EG-Kommission im Namen der Zehner-Gemeinschaft denn auch darauf pochen, den Europa-Markt ganz nach eigenem Ermessen abschotten zu dürfen.

Lambsdorff dagegen hält die Verhandlungsziele der Europäer für zu unausgewogen. Sie seien »einseitig auf Abschirmung der EG-Märkte gegenüber Einfuhren aus Niedrigpreisländern« ausgerichtet. Die EG sollte auch an die Kostenvorteile denken, die europäische Firmen hätten, wenn sie in den Entwicklungsländern investierten und ganze Produktionsstufen verlagerten.

Lambsdorffs liberales Gedankengut ist für Gewerkschafter Keller nicht akzeptabel. Wenn sich das durchsetze, werde »selbst der leistungsfähigsten Belegschaft jede Überlebenschance genommen«.

Seit Jahren überschwemmen zum Kummer vieler Textilbetriebe und der Gewerkschaft die Produkte aus Asien, Südamerika und Afrika die europäischen Märkte mit billigen T-Shirts und Hemden, Garnen und Geweben. Im vergangenen Jahrzehnt verloren in der deutschen Textilindustrie fast 200 000 Beschäftigte ihren Job, in den Bekleidungsfabriken mußten noch einmal rund 130 000 Zuschneider und Näherinnen entlassen werden. Im gesamten EG-Raum gingen allein seit 1973 von über drei Millionen Arbeitsplätzen etwa 800 000 verloren.

Dennoch ist die Branche noch immer einer der größten Arbeitgeber. Sie beschäftigt in der Bundesrepublik mehr Menschen als etwa die eisenschaffende Industrie: 553 000 Arbeitnehmer gegenüber 288 000 in den Stahl- und Eisenwerken. Auch der Umsatz ist mit 54 Milliarden Mark noch etwas höher als in der eisenschaffenden Industrie.

Für die Misere der europäischen Textilindustrie sind zudem keinesweg allein die Produzenten in der Dritten Welt verantwortlich zu machen. Die Konkurrenz anderer Industrieländer, urteilt die Weltbank, sei oft »der wichtigere Faktor«. Wenn Arbeitsplätze verlorengingen, obwohl in vielen Industriestaaten die Produktion wachse oder zumindest stagniere, dann sei das »weitgehend die Folge von Produktivitätssteigerungen«.

Tatsächlich ist zum Beispiel in der Bundesrepublik die Textilproduktion immer kapitalintensiver geworden. Heute ist der Wert von Maschinen und Anlagen je Beschäftigten in der S.74 Textilindustrie um mehr als die Hälfte höher als im Maschinenbau oder in der elektronischen Industrie. Die Produktivität erhöhte sich von 1970 bis 1980 mit 76 Prozent wesentlich stärker als im Industriedurchschnitt (42 Prozent).

Die Einfuhrstatistik belegt die Weltbank-Analyse. Nur ein Drittel aller bundesdeutschen Textilimporte kam aus Billigländern wie Hongkong, Südkorea oder Taiwan.

Bitter für die heimischen Hersteller ist dabei gewiß, daß sich die Niedriglohnländer auf bestimmte Massenartikel konzentrieren -- mit Erfolg. Bei Herrenhemden beispielsweise erreichten sie inzwischen einen Marktanteil von 83 Prozent, bei T-Shirts 73, bei Strümpfen von 69 Prozent.

Die Entwicklungsländer wehren sich verzweifelt gegen alle Versuche, ihre Ausfuhren zu beschränken. Aus gutem Grund: Die Europäische Gemeinschaft ist der größte Textilexporteur auf dem Weltmarkt, die Bundesrepublik in Europa die Nummer eins auf der Rangliste textilexportierender Länder -rund ein Viertel der deutschen Produktion wird ausgeführt.

Daher warnt Lambsdorff die Textilprotektionisten: Bonn dürfe keine Handelspolitik betreiben, »die dritte Länder veranlassen würde, diese Exporte zu behindern; denn auch dies würde zu Arbeitsplatzverlusten führen«.

Und gerade hochentwickelte Länder wie die Bundesrepublik haben die Staaten der Dritten Welt stets ermuntert, ihre Kostenvorteile zu nutzen und sich Textilfabriken als erste Stufe zur Industrialisierung hinzustellen. Der Ratschlag war, nebenbei, nicht ganz uneigennützig.

Denn allein 1978 lieferten die Industrieländer für 1,8 Milliarden Dollar Textilfasern, für 1,4 Milliarden Dollar Chemiefarben und für 2,1 Milliarden Dollar Textilmaschinen in Entwicklungsländer. Damit waren über 80 Prozent der Textil- und Bekleidungslieferungen aus der Dritten Welt durch einen umgekehrten Warenstrom wieder ausgeglichen. In anderen Jahren sah es ähnlich aus.

Obendrein genießt schon seit Jahren kein anderer Wirtschaftszweig -- die Landwirtschaft ausgenommen -- einen so hohen Außenschutz wie die Textil- und Bekleidungsindustrie. Schon 1974 preßten die Industriestaaten die Entwicklungsländer in das sogenannte Welttextilabkommen, das drei Jahre später bis Ende 1981 verlängert wurde.

Mit Lieferquoten, Schutzklauseln und einem Wust von zweiseitigen Abkommen schufen sich die Industriestaaten ein kaum noch zu durchdringendes Dickicht von Abwehrregeln. Es gibt über 3700 Einfuhrkontingentsabmachungen mit über 30 Ländern.

Der europäischen Textilindustrie wäre wenig geholfen, wenn sie die Barrieren jetzt in Genf noch höher setzen wollte. Denn auf Lieferungen aus Billigländern sind inzwischen viele Produzenten angewiesen.

In der Bundesrepublik, so rechnet Westdeutschlands größter Hemdenfabrikant Gerd Seidensticker vor, lasse sich kein Hemd herstellen, das dem Handel unter 28 Mark angeboten werden könnte. Das entspreche einem Ladenpreis von 60 Mark. Derart teure Hemden haben aber nur einen Marktanteil von 2,3 Prozent.

Nur »eine vernünftige liberale Handelspolitik«, weiß Seidensticker, habe es der Hemdenindustrie ermöglicht, sich »zwar schmerzvoll, doch erfolgreich« in die fernöstlichen Warenströme einzufügen.

Seidensticker läßt den größten Teil seiner Hemden in Entwicklungsländern fertigen. Dabei seien keineswegs, so Seidensticker, alle Arbeitsplätze für ausgefallene Kapazitäten verlorengegangen: »In ehemaligen Hemdenfabriken wird heute hochwertige Damen- und Herrenkleidung gefertigt.«

Würden die Möglichkeiten, preiswert im Ausland zu produzieren und von dort zu importieren, nun weiter eingeschränkt, dann könnten selbst florierende Betriebe schnell in Not geraten. Denn die ausschließlich aus heimischen Garnen und Geweben im eigenen Land produzierten Textilien, Hemden und Kleider fänden, weil zu teuer, wohl weniger Käufer.

»Protektionistische Maßnahmen«, findet Seidensticker, »vernichten leicht den, zu dessen Schutz sie propagiert werden.«

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