Schmiergeld-Affäre: Siemens-Chef Kleinfeld gibt auf - DER SPIEGEL
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Schmiergeld-Affäre Siemens-Chef Kleinfeld gibt auf

Klaus Kleinfeld tritt nach tagelangen Angriffen als Siemens-Chef zurück. Er stehe für eine Verlängerung seines im Herbst auslaufenden Vertrags nicht bereit, teilte der Konzern mit. Ein mächtiges Trio im Aufsichtsrat soll den Manager zu Fall gebracht haben.
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Hamburg - Schon zuvor war über Linde-Chef Wolfgang Reitzle und Ex-VW-Sanierer Wolfgang Bernhard als Nachfolger spekuliert worden. Details zur Nachfolge wurden zunächst aber nicht bekannt. Kleinfelds Vertrag läuft am 30. September dieses Jahres aus.

"Dr. Klaus Kleinfeld, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG, hat angekündigt, dass er für die Verlängerung seines Vertrages nicht zur Verfügung steht", heißt es in der Mitteilung des Konzerns.

Am vergangenen Donnerstag hatte bereits Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer das Handtuch geworfen. Als seinen Nachfolger wählte der Aufsichtsrat heute den Chefkontrolleur von ThyssenKrupp  , Gerhard Cromme.

Allerdings war auch der Vorstandsvorsitzende selbst immer stärker unter Druck geraten. Wegen der Schmiergeldaffäre bei Siemens   wollten mehrere Mitglieder des Aufsichtsrats ihre Zustimmung zu Kleinfelds Vertragsverlängerung verweigern. Medienberichten zufolge gab es einen erbitterten Streit in dem Gremium um den Verbleib des Vorstandsvorsitzenden an der Spitze des Konzerns.

Der eigenen Demontage ist der 49-Jährige nun selbst zuvorgekommen, indem er nicht mehr antritt. "In diesen Zeiten braucht das Unternehmen Klarheit über seine Führung", sagte Kleinfeld heute in München. "Das Unternehmen muss uneingeschränkt handlungsfähig bleiben."

Kleinfeld hatte vor der Sitzung des Aufsichtsrats durchblicken lassen, dass er es notfalls auf einen Eklat ankommen lasse. In der Nacht von gestern auf heute soll er der "Süddeutschen Zeitung" zufolge im Gespräch mit mehreren Aufsichtsräten angedroht haben, dass er notfalls von seinem Amt zurück treten werde. Sollte der Aufsichtsrat bereits nach einem Nachfolger für ihn suchen, dann stünde er für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung, soll Kleinfeld in dieser Runde gesagt haben.

Auch die guten Geschäftszahlen bei Siemens nützten Kleinfeld am Ende nichts mehr. Erst gestern Abend hatte er Quartalszahlen vorgelegt. Der Gewinn stieg demnach stärker als von Analysten erwartet um 36 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um zehn Prozent auf 20,6 Milliarden Euro zu.

Kleinfeld galt als Ziehsohn Heinrich von Pierers. Dieser hatte Siemens selbst dreizehn Jahre lang geführt, in den vergangenen zwei Jahren war er Vorsitzender des Aufsichtsrats. In Pierers Amtszeit an der Konzernspitze fallen die Ursprünge des Schmiergeldskandals, der das Unternehmen seit Monaten erschüttert. In der Affäre geht es um schwarze Kassen, Bestechung und Zahlungen an einen arbeitgeberfreundlichen Betriebsrat.

Kleinfeld wiederum hatte stets betont, den Skandal restlos aufklären zu wollen. Allerdings waren im Aufsichtsrat Stimmen laut geworden, die seinen Vertrag erst dann verlängern wollten, wenn definitiv erwiesen ist, dass der Manager in die Affäre nicht selbst verwickelt ist. Im Konzern geht man derzeit davon aus, dass Kleinfeld seinen bis zum 30. September 2007 laufenden Vertrag noch erfüllen wird.

Über die Debatte im Aufsichtsrat wurde zunächst nichts bekannt. Im Vorfeld hatten aber mehrere Aufsichtsräte dafür plädiert, über Kleinfelds Vertragsverlängerung erst beim nächsten Treffen des Kontrollgremiums in drei Monaten zu beraten - wohl wissend, dass dies einer öffentlichen Demontage des Siemens-Chefs gleich gekommen wäre. Dem Vernehmen nach soll es Kalkül gewesen sein, Kleinfeld so zu einem freiwilligen Rückzug zu bewegen.

In den vergangenen Tagen war in Branchenkreisen immer wieder Linde-Chef Wolfgang Reitzle als möglicher Nachfolger genannt worden. Zwar erklärte Linde  , der Manager stehe nicht zur Verfügung. Dennoch hielten sich die Spekulationen rund um Reitzle auch heute. Der ehemalige VW-Markenchef Wolfgang Bernhard gilt ebenfalls als möglicher Kandidat.

Vor allem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der im Siemens-Aufsichtsrat sitzt, soll sich für Reitzle ausgesprochen haben. Daneben soll auch der neue Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme hinter den Kulissen die Suche nach einem Nachfolger für Kleinfeld forciert haben. Der dritte im Bund - und vermutlich die treibende Kraft - soll der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, gewesen sein, der sich für einen völligen Neuanfang bei Siemens stark gemacht hatte. Laut "SZ" war die IG-Metall-Spitze frühzeitig zu der Auffassung gelangt, dass der Vertrag von Kleinfeld nicht verlängert werden sollte. Gegen die drei mächtigen Aufsichtsräte hatte Kleinfeld so gut wie keine Chance.

Kursrutsch an der Börse

Offiziell sagte Cromme heute kein schlechtes Wort über Kleinfeld. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende dankte dem Noch-Konzernchef für seine Arbeit. "Siemens steht heute wirtschaftlich besser da denn je." Unter Kleinfelds Führung sei das Unternehmen strategisch neu ausgerichtet worden. Auch die IG-Metall-Vertreter im Siemens-Aufsichtsrat drückten offiziell ihr Bedauern aus. "Wir bedauern sehr, dass Herr Kleinfeld dem Unternehmen nicht mehr als Vorstandsvorsitzender zur Verfügung stehen wird", hieß es in einer Erklärung der Gewerkschaft.

Cromme betonte zudem, dass die bisherigen unabhängigen Untersuchungen der Kanzlei Debevoise & Plimpton "keinerlei Anhaltspunkte für ein persönliches Fehlverhalten oder eine Mitwisserschaft Kleinfelds im Zusammenhang mit den Affären ergeben haben".

Die Börse reagierte auf den Rückzug des Konzernchefs negativ. Die Siemens-Aktie, die vor der Bekanntgabe der Personalie noch deutlich im Plus gelegen hatte, stürzte binnen weniger Minuten um rund drei Euro auf 88,20 Euro ab. Bei Anlegern war Kleinfeld wegen der Restrukturierung des Konzerns beliebt. Aktionärsvertreter reagierten mit Unverständnis auf den Rückzug des Konzernchefs. "Ich kann's nicht nachvollziehen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Ich erwarte von Siemens Erklärungen."

Laut Einschätzung in Unternehmenskreisen sind die Rücktritte bei Siemens auch ein Signal an die mächtige US-Börsenaufsicht SEC. Diese fordere neben einer umfassenden Aufklärung des Skandals auch personelle Konsequenzen an der Spitze.

wal/dpa/AP/Dow Jones