Schmiergeld-Affäre: Siemens sammelt sein Geld ein - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schmiergeld-Affäre Siemens sammelt sein Geld ein

Seit bekannt werden der Schmiergeldaffäre ist der Münchener Elektronikkonzern Siemens auf der Suche nach den Schmiergeldkonten. Die Spuren führten unter anderem in die Schweiz und nach Griechenland. Zwei dieser Konten sollen jetzt aufgelöst werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Athen/München - Das Geld war in der Obhut des ehemaligen Spitzenmanagers in Griechenland, Prokopis Mavridis. Er war heute freiwillig bei einem Athener Staatsanwalt erschienen, der zurzeit in der Affäre in Griechenland ermittelt. Nach seiner Aussage befinden sich acht Millionen auf Konten in Griechenland und in der Schweiz, die ausschließlich den "finanziellen Interessen" des Unternehmens gedient hätten.

Gegenüber Siemens hat er sich heute offiziell bereit erklärt, das Geld zurückzuzahlen. Siemens und Mavridis hätten sich außergerichtlich geeinigt, erklärte heute der Rechtsanwalt des Ex-Top-Managers, Themistoklis Sofos. Ermittler in Deutschland hatten in den vergangenen Wochen diese Gelder als Schmiergelder für Aufträge im Ausland eingestuft.

In Deutschland gerät unterdessen der Siemens-Aufsichtsrat immer stärker unter Druck. Experten für Unternehmensführung forderten heute den Rücktritt des Vorsitzenden des Kontrollgremiums und ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer. Gleichzeitig kündigten Aktionärsschützer an, den Skandal in den Mittelpunkt der Hauptversammlung am 25. Januar zu stellen.

Einige Mitglieder des Aufsichtsrates wollen auf der heutigen Sitzung als Konsequenz aus dem Schwarzgeldskandal den Einsatz externer Prüfer durchsetzen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf ein Mitglied des Gremiums. Eine Aufarbeitung der Affäre ohne Hilfe von außen sei zum Scheitern verurteilt. Ein entsprechender Auftrag sollte noch am selben Tag erteilt werden. Der Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld begrüßt dem Bericht zufolge das Vorgehen. Unklar sei allerdings, welcher Zeitraum durchleuchtet werden soll.

Davon hängt ab, ob die Prüfung noch in die Ära 1992 bis 2005 reicht, in der der jetzige Aufsichtsratsvorsitzende Pierer selbst Vorstandsvorsitzender war. Alexander Bassen, Wirtschaftsprofessor in Hamburg und Experte für Unternehmensführung, sagte dem "Handelsblatt", das weltweite System von schwarzen Kassen sei in jener Zeit aufgebaut worden. "Es besteht potenziell die Gefahr, dass Herr von Pierer in dieser Sache nicht so recherchiert, wie es vielleicht ein anderer tun würde", sagte Bassen.

Auch Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, verwies auf diesen Interessenskonflikt. Die Gefahr, dass Aufsichtsräte ihre eigenen Vergehen verfolgen sollen, sei bei Siemens sehr konkret geworden. Insofern habe der Fall Pierer eine weit über den Konzern hinaus reichende Bedeutung. "Herr von Pierer ist an der Spitze des Aufsichtsrates nicht mehr haltbar, und das müsste er selbst auch erkennen", sagte Theisen.

Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) kündigte bereits Konsequenzen an. "Wir werden auf der Hauptversammlung weder dem Vorstand noch dem Aufsichtsrat noch den Wirtschaftsprüfern die Entlastung erteilen", sagte er der "Welt". Wenn wie berichtet in einem einzigen Bereich wie der Kommunikationssparte Com 200 Millionen Euro verschwunden seien, müsse das auch einem Wirtschaftsprüfer auffallen, es sei denn, dieser habe mit Absicht nicht hingesehen.

Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) erwägt ähnliche Schritte. "Wir überlegen, ob wir für die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat eine Einzelabstimmung beantragen", sagte Daniela Bergdolt in dem Blatt. Bei diesem Vorgehen könne denjenigen Aufsichtsräten die Entlastung verweigert werden, die etwa im sogenannten Prüfungssausschuss für die Kontrolle der Jahresabschlüsse zuständig seien. Ein regelrechtes System von schwarzen Konten werfe zwangsläufig die Frage auf, ob die Siemens-Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre nichtig sind.

mik/dpa-AFX/ddp