Schmutzige Taler - DER SPIEGEL
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LIECHTENSTEIN Schmutzige Taler

Treuhänder Herbert Batliner war auch einem Drogenbaron aus Ecuador gefällig - ohne von der Geldwäsche etwas zu ahnen, sagt er.
Von Hans-Ulrich Stoldt
• aus DER SPIEGEL 8/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die »Operation Wirbelsturm« war gründlich vorbereitet. Rund drei Jahre hatten Polizei und Staatsanwälte in Ecuador unter Mithilfe US-amerikanischer Drogenfahnder gegen den Geschäftsmann Jorge Hugo Reyes Torres ermittelt - dann schlugen sie zu.

Am 19. Juni 1992 stürmten bewaffnete Beamte das Domizil des Kaufmanns in der Hauptstadt Quito und rammten mit einem gepanzerten Fahrzeug das schwer befestigte Eingangstor zum herrschaftlichen Anwesen nieder. Drinnen entdeckten sie modernste Waffen und Funkanlagen, die auf Frequenzen liefen, »wie sie eigentlich nur von Militärs und Sicherheitskräften benutzt werden«, so ein Polizeisprecher. Großdealer Reyes hatte sich unter einem Haufen Holzkohle versteckt.

»Eine zentrale Schlüsselfigur« des lateinamerikanischen Drogenhandels sei gefasst, verkündeten die Fahnder stolz. Reyes soll in Zusammenarbeit mit kolumbianischen und mexikanischen Kartellen tonnenweise Kokain nach Europa und in die USA gebracht haben. Sein Geld hatte Reyes - derzeit immer noch in Haft - auf 176 Bankkonten umsichtig angelegt und weltweit gewaschen.

Die Spuren der Drogengelder führten auch in das 10 000 Kilometer entfernte Fürstentum Liechtenstein, genauer: nach Vaduz, Aeulestraße 74. Dort residiert der bekannteste Treuhänder der kleinen Alpenmonarchie, Dr. Dr. Herbert Batliner, 71. Der Virtuose des Stiftungswesens hatte den Reyes-Torres-Clan mit landeseigenen Spezialitäten bedient - höchst ungewollt, wie Batliner beteuert.

Die Verbindungen des Koksbarons nach Liechtenstein werfen jedoch neue Schatten auf den doppelten Doktor und den Finanzplatz Liechtenstein - nachdem bereits der deutsche Bundesnachrichtendienst in einem Dossier zu dem Schluss gekommen war, lateinamerikanische Drogenbosse, Mafia-Clans und russische Finsterlinge seien im Fürstentum gern gesehene Geschäftspartner. Der Bericht hatte »ein Geflecht aus Beziehungen von hohen Beamten, Richtern, Politikern, Bankdirektoren und Anlageberatern« ausgemacht, »die sich bei der Abwicklung illegaler Geldgeschäfte im Auftrag internationaler Krimineller gegenseitig unterstützen«. Einige Treuhänder wurden genannt - etwa Herbert Batliner.

Der sprach von »bösartigen Unterstellungen« und will Deutschland auf Widerruf verklagen. Die Regierung des Fürstentums zerrte - einmalig im Presserecht - den SPIEGEL vor den Kadi, weil der über das Dossier berichtet hatte (SPIEGEL 45/1999). Und Seine fürstliche Durchlaucht, Staatsoberhaupt Hans-Adam II., witterte gar eine Verschwörung und verstieg sich zu einem Vergleich der Berliner Republik mit Nazi-Deutschland: »Das sind Methoden wie im Dritten Reich.« Verbales Alpenglühen.

Dabei führen immer wieder Fährten in die beliebte Steueroase mit ihrem Ver-

schwiegenheitsgebot, den tausenden anonymen Stiftungen und vielen im wohligen Filz verwobenen Finanzdienstleistern. 13 Banken betreuen in dem 32 000 Einwohner zählenden Fürstentum rund 100 Milliarden Schweizer Franken - manch schmutziger Taler dürfte dabei sein.

Er verschwindet diskret im System Liechtenstein, dessen Teilhaber aufklärerische Attacken von außen oft mit einer Mischung aus gespielter Naivität, gewollter Unwissenheit und Chuzpe abwehren. Die internationale Kundschaft schätzt dies sehr.

So auch der Ecuadorianer Reyes. Am 21. September 1989 kamen zwei Gesandte seiner Familie in Batliners Kanzlei. Sie stellten sich als Laura Mirella Santacruz Delgado und Diego Fernando Viteri Bucheli vor. Ihr Anliegen war nicht ungewöhnlich: Sie wollten zwei Stiftungen gründen.

Kein Problem. Ruck, zuck standen die »Fundación El Tablón« und die »Fundación Buena Esperanza« auf dem Papier. Namens dieser eröffneten die Advokaten zwei Konten - eines bei der ortsansässigen Verwaltungs- und Privatbank, das andere bei der Bank in Liechtenstein.

Wie praktisch, dass Señora Santacruz ein paar Bankschecks dabeihatte, um die Konten gleich zu füttern. 17,1 Millionen US-Dollar wollten angelegt sein - 9 Millionen davon sollten auf das Konto der Buena Esperanza fließen, der Rest auf das der El Tablón.

Als Begünstigte der Stiftungen wurden nach Unterlagen der Kanzlei Batliner zu gleichen Teilen Drogenboss Reyes, dessen Ehefrau Dayra María Levoyer Jiménez und die drei gemeinsamen Kinder eingetragen. Wenig später gab es die Stiftungen unter diesen Namen schon nicht mehr - die El Tablón hieß jetzt »Raboutage« und die Buena Esperanza nun »Somateria«. »Die Umbenennung erfolgte auf Wunsch der Klienten«, sagt Treuhänder Batliner, »warum, ist uns nicht bekannt.«

Am 29. Mai 1990 erschien Señora Santacruz erneut in der Kanzlei Aeulestraße 74, diesmal in Begleitung von Reyes'' Gattin Levoyer. Wieder wollten die Besucher aus Lateinamerika zwei Stiftungen gründen. Es entstanden die »Kalahany« und die »Tajamul«. Dazu noch einmal drei Konten, auf die das Geld der beiden bereits existierenden Stiftungen mit den geänderten Namen überwiesen wurde. Die Begünstigten blieben dieselben.

Warum das verwirrende Manöver? Dass die ganze Geschichte faul gewesen sein könnte, sei damals keinem in den Sinn gekommen, sagt Stiftungsmeister Batliner: »Die Klienten wurden von zwei großen europäischen Banken zu uns geschickt. Die sind verpflichtet, Identität und einwandfreie Herkunft der Geldmittel zu prüfen.«

Groß war die Überraschung, als dann die Sache aufflog und amerikanische Drogenagenten die Wäscherei im Fürstentum Liechtenstein entdeckten. »Sofort hat unsere Kanzlei ihr Mandat niedergelegt«, versichert Batliner, »den Ermittlern haben wir jede erdenkliche Hilfe angeboten.«

Er und seine Leute hätten von den schmutzigen Deals ihrer Kunden schließlich nichts gewusst und seien auch nie mit den laufenden Geschäften der Stiftungen befasst gewesen. Davon zeuge schon allein das mickerige Jahreshonorar für dieses Mandat in Höhe von 2500 Schweizer Franken. »Auch daraus ist ersichtlich, dass keine Geschäftstätigkeit in meiner Kanzlei ausgeübt wurde.«

Zudem sei er seiner Sorgfaltspflicht peinlichst nachgegangen. Schon anlässlich der Gründungsbesprechung für die ersten Stiftungen habe er die Kunden aus Quito »eindringlich nach der Herkunft der Gelder befragt«, ließ der Treuhänder 1992 das Landgericht in Vaduz wissen, das den Amerikanern Rechtshilfe versprochen hatte.

Ein Anwalt von Reyes habe ihm dann erklärt, »dass diese Familie große Besitztümer in Ecuador besitze und die Gelder aus Grundstücksspekulationen und aus den Einkünften aus der Landwirtschaft stammen würden«.

Batliner hatte sogar Referenzen. Von südamerikanischen Kreditinstituten, aber auch von jener Großbank, die ihm die Klienten angedient hatte: »Bei dieser Bank handelt es sich um die Dresdner Bank, Filiale Zürich.« Deren Mitarbeiter hätten mehrfach beteuert, die betreffenden Personen zu kennen und langjährige Geschäftsbeziehungen mit ihnen zu unterhalten.

Das hatte sich Batliner schriftlich geben lassen: »Wunschgemäß bestätige ich Ihnen, dass mir die kürzlich von Ihnen betreuten Personen mit Wohnsitz Ekuador seit 1985 geschäftlich bekannt sind«, schrieb am 6. Oktober 1989 Helmuth Stanisch, Mitglied des Verwaltungsrates der Dresdner Bank (Schweiz) AG: »Nach meiner Kenntnis wird in großem Umfang Viehzucht und Landwirtschaft betrieben.« Wie der Bankmann seinerseits zu dieser Erkenntnis gekommen war, ist nicht zu erfahren. Nur so viel: »Wir haben hohe Kunden- und Sicherheitsstandards in der Schweiz, können aber Fehleinschätzungen nicht ausschließen«, so Reinhard Preusche, Antigeldwäschebeauftragter der Dresdner Bank Gruppe. Mehr darf er leider nicht sagen.

Ist aber eigentlich auch egal. Banker Stanisch hatte sich in seinem Referenz-Brief eh ein Scheunentor offen gelassen: »Ohne Obligo«, stand sicherheitshalber unter dem Schreiben, ohne Gewähr also - es könnte eben auch alles ganz anders sein.

War es denn ja auch.

HANS-ULRICH STOLDT

* Nach einem Gerichtstermin in Quito 1995.

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