Schmutziger Name - DER SPIEGEL
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Banken Schmutziger Name

Ein Ring internationaler Betrüger prellte mit einem raffinierten Trick Banken und Privatleute um Millionen: Die Herren arbeiteten mit Referenzen, die sie sich von einer eigenen Bank ausstellen ließen.
• aus DER SPIEGEL 39/1971
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Wenige Kilometer vor der französischen Kanalkuste liegt die britische Insel Sark. Auf dem nur 4,9 Quadratkilometer großen, vom Mutterland weitgehend autonomen Eiland lebten bisher sechshundert Menschen und, wie es sarkisches Gesetz vorschreibt, eine Hündin in Frieden und Eintracht.

Seit einem Jahr ist die Idylle gestört: Die erfahrensten Betrugsexperten von FBI. Scotland Yard, Interpol, der kanadischen Polizei und von Versicherungskonzernen wie Lloyd's forschen auf Sark und der Nachbarinsel Guernsey nach Spuren »der unverschämtesten Gauner aller Zeiten« (so ein Washingtoner Kriminal-Experte).

Die Unverschämten prellten Banker. Unternehmer und Privatleute in Nordamerika und Europa um Millionensummen. Sie betrogen die U. S. Army und Navy sowie eine polnische Versicherungsgesellschaft. Auch Israels Regierung versuchten sie hereinzulegen. »Für viele Menschen«, so erklärte ein FBI-Beamter, »wird Sark für den Rest ihres Lebens ein schmutziger Name sein.«

Das Betrugskarussell kam 1969 in Fahrt. Damals verkaufte der sarkische Bürger John Konig die von ihm auf der Nachbarinsel Guernsey gegründete »Bank of Sark« an den britischen Staatsbürger J. Risley Pritchard und sechs Kanadier. Die Käufer störte es nicht, daß von Konigs Bank außer dem amtlich registrierten Namen nur ein karg möbliertes Zimmer im zweiten Stock eines Hauses auf Guernsey existierte.

Pritchard und Kollegen ließen alsbald in der Bank-Stube zwei Telephone und eine Fernschreibanlage installieren und übertrugen einem Amerikaner namens Bernard Green die Stuben-Wache. Alsdann verließen sie die Insel für immer.

Nachdem sie sich rund 8000 Kilometer weiter südwestlich, im amerikanischen St. Louis. mit Scheckformularen und anderen Papieren versorgt hatten, auf denen der Name »Bank of Sark« prangte, begannen sie mit ihrem Spiel:

In vielen Städten der USA traten Mittelsmänner -- laut FBI-Schätzung waren es insgesamt etwa vierhundert

an die Schalter renommierter US-Banken und legten internationale Barschecks vor, zahlbar durch die Bank of Sark. Meist zahlten die Banken anstandslos.

Schöpften Bankangestellte aber doch einmal Verdacht und überprüften die Angaben auf den Schecks, so trat Bernard Green auf der Kanalinsel in Ak tion. Auf briefliche oder fernschriftliche Anfragen hin gab er die stolze Auskunft, die Bank of Sark verfüge über Einlagen in Höhe von 725 Millionen Dollar. Die US-Banker beeilten sich darauf, die Schecks einzulösen.

So kassierte etwa im US-Bundesstaat Texas -- wie der FBI herausfand -- US-Bürger Donald William Shepherd gegen Bank-of-Sark-Schecks von der Mercantile National Bank of Dallas 320 000 Dollar, beim Privatbankhaus W.L. Moody & Co. in Galveston 175 000 Dollar, von der Southern State Bank of South Houston 700000 Dollar.

Präsentierten US-Banken ihrerseits der Bank of Sark die bezahlten Schecks. dann passierte -- so ein New Yorker Banker -- »etwas Merkwürdiges«. Die Schecks kamen zurück mit einem Schreiben der Bank of Sark: »Anbei erhalten Sie Ihren Scheck zurück. Wir danken Ihnen und hoffen auch künftig auf gute geschäftliche Zusammenarbeit.«

Die hereingelegten US-Banker nahmen aus Angst vor dem Gespött der Öffentlichkeit die Verluste meist schweigend hin. Innerhalb eines Jahres, so schätzen Branchenkenner, wurden allein auf diese Art zahlreiche US. Geldhäuser um insgesamt 20 Millionen Dollar geprellt.

Mit der Bank-of-Sark-Masche arbeiteten die Betrüger auch in der Geldverleih- und Versicherungsbranche. So offerierte in Birmingham, US-Bundesstaat Alabama, eine Versicherungsfirma namens Cumberland Insurance Investment Group dem kalifornischen Rancher Jay L. Ralphs ein Darlehen von 500 000 Dollar. Der Rancher wollte das Geld in ein Einkaufszentrum investieren.

Zunächst jedoch baten die Versicherungsleute Ralphs um Vorkasse: Sie zogen von ihm eine Provision in Höhe von 30 000 Dollar in bar ein. Erst dann händigten sie dem Rancher einen auf die Bank of Sark ausgestellten Kreditbrief über 500 000 Dollar aus.

Bei der Filiale der Bank of America in Bakersfield (US-Bundesstaat Kalifornien) wollte Ralphs das Papier zu Geld machen. Vorsichtshalber zogen die Banker jedoch bei der Bank of Sark Erkundigungen über die Cumberland-Versicherungsgesellschaft ein.

Im Bankenstübchen auf Guernsey verfaßte daraufhin, wie gewohnt, Bernard Green die Antwort: »Wir sind er freut und geehrt, Ihnen berichten zu können, daß die Cumberland Insurance Investment Group Inc. das vorzüglichste Vertrauen der Bank of Sark genießt. Die Gesellschaft und ihr Präsident sind unserer Bank wohlbekannt. Ihre Kreditwürdigkeit ist unbegrenzt, ihre geschäftliche Erfahrung einfach immens ... Wir würden es als persönlichen Gefallen betrachten, wenn Sie den Obengenannten in jeder Weise behilflich wären ...

Der Bank-of-Sark-Brief schien jedoch den Bankangestellten in Bakersfield im Ton zu überschwenglich. Sie lehnten die Auszahlung der 500 000 Dollar ab. Rancher Ralph verlangte daraufhin vor Gericht seine 30 000 Dollar zurück. Doch bevor ein Urteil erging, löste sich die Gesellschaft wie durch göttliche Fügung auf.

Dafür etablierten sich an anderen Orten neue Bank-of-Sark-Unternehmen. In St. Louis etwa gründete Philip Wilson, Teilhaber der Bank of Sark, eine Versicherungsgesellschaft namens Farmers & Merchants Mutual Fire Insurance Co. of St. Louis. Die Gesellschaft war laut behördlicher Verfügung ermächtigt, Policen über 10 000 Dollar in St. Louis und Umgebung zu verkaufen. Wilson versicherte und rückversicherte aber, so fanden US-Fahndungsbehörden später heraus, Kunden in aller Welt und in beliebiger Höhe -- so die Luftverkehrsgesellschaft Ethiopian Airlines, die staatliche polnische Luftfahrtgesellschaft Lot. Ölgesellschaften und sogar Stützpunkte der amerikanischen Armee und Marine.

Ebenso wie die Cumberland-Gesellschaft war auch Wilsons Firma nur darauf eingerichtet, Prämien zu kassieren, nicht aber Schäden zu bezahlen. Als zwei polnische Flugzeuge abstürzten, offerierte Wilson den Polen nur wertlose Schecks der Bank of Sark.

Eine Versicherungsfirma namens Trans Continental Casualty (Gründer: M. C. Dearden Senior und M. C. Dearden Junior) spezialisierte sich ausschließlich auf brisante Geschäfte. Ohne viel nach der Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen zu fragen. versicherten Vater und Sohn Dearden Öltanker und Bohrinseln in aller Welt. Die Geschäftemacher versuchten sogar sämtliche israelische Regierungsfahrzeuge rückzuversichern. Der Regierung in Tel Aviv jedoch erschien die Sache nicht koscher; sie lehnte das Angebot ab.

Von der Abfuhr enttäuscht, gründeten die Deardens schließlich eine Investmentgesellschaft. In der Bundesrepublik und in der Schweiz verkauften sie Anteile des Wertpapierfonds First Liberty Fund. Westdeutsche und Schweizer Bürger, die Fondsanteile erwarben, wurden angewiesen, den Kaufpreis an die Treuhandbank des Fonds zu überweisen -- die Bank of Sark.

Mitte vergangenen Jahres schließlich war die Zahl der Bank-of-Sark-Geschädigten in aller Welt so groß geworden. daß sich Englands Secret Service. der amerikanische Postfahndungsdienst und das FBI mit der Sache befaßten. Die Fahnder verwendeten »Tausende von Stunden« (so ein FBI-Beamter) darauf, über zweihundert mit der Bank of Sark verbundene Gesellschaften und rund vierhundert Einzelpersonen ihrer Betrügereien zu überführen.

Doch das Fahndungsergebnis war mager. Philip Wilson und einige andere Manager der Bank of Sark gingen dem FBI zwar ins Netz. Aber die Mehrzahl der Geschäftemacher hatte sich rechtzeitig abgesetzt.

Auf den Bahamas und in anderen Refugien schmiedeten sie neue Pläne und Gesellschaften. Sie nannten ihre Gesellschaften um oder verkauften sie sogar weiter. So veräußerten angeblich Dearden Vater und Sohn ihre Trans Continental an eine Gesellschaft namans Franchise Fund International S. A. Doch bis heute konnten weder FBI noch Secret Service klären, ob die Trans Gontinental im Luxemburgischen Franchise Fund oder im Bahamesischen Franchise Fund aufgegangen ist.

Sicher ist allein, daß die Bank of Sark nicht weiterbesteht. Als Bernard Green der Boden zu heiß wurde, verließ er Telephone und Fernschreiber auf Guernsey und setzte sich nach Tel Aviv ab.

Vor seinem Verschwinden hinterließ er der siebzehnjährigen Kellnerin Avril Morgan einige Dollar und bat sie, die Bankgeschäfte weiterzuführen. Gewissenhaft hütete Avril Morgan das Telephon. Anrufe beantwortete sie stereotyp: »Der Herr Direktor ist für einige Tage verreist.« Briefe schickte sie weisungsgemäß nach Zürich, Postfach 29 248 023.

Als ihr das Geld für die Briefmarken ausging, gab Avril Morgan die Leitung der Bank auf und wurde wieder Kellnerin. Im vergangenen März schließlich strichen die Registerführer auf Guernsey die Bank aus dem amtlichen Verzeichnis.

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