Schnurlostelefon Siemens verabschiedet sich vom Gigaset
München - Siemens zieht sich aus seiner beispiellosen Erfolgsgeschichte des Gigaset zurück. Der Elektronikkonzern verkauft zum 1. Oktober 80,2 Prozent seiner Telefonsparte Siemens Home and Office Communication Devices (SHC) an die Beteiligungsgesellschaft Arques Industries , wie beide Unternehmen am Freitag in München mitteilten.
SHC macht zwei Drittel seiner Jahresumsätze in Höhe von zuletzt knapp 800 Millionen Euro mit den Gigaset-Schnurlostelefonen. Alleine in Deutschland steht in jedem zweiten Haushalt ein solches Telefon, in Europa immerhin in jedem fünften Haushalt. Der Kaufpreis für die im Oktober 2005 in eine eigenständige Gesellschaft von Siemens ausgegliederte Sparte wurde nicht genannt.
Um den Übergang von SHC zu kontrollieren, behält Siemens nach den schlechten Erfahrungen mit BenQ für die kommenden zwei Jahre einen Anteil von 19,1 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen. Bis dahin darf Arques den Markennamen Siemens weiter nutzen. Nach Ablauf dieser Frist werde der Konzern seinen Anteil von 19,1 Prozent an SHC abgeben, kündigte Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser an. "Natürlicher Empfänger" sei Arques. Die zeitlich befristete Beteiligung von Siemens sei ein Zeichen an die weltweit 2100 Mitarbeiter und Kunden, dass das Geschäft weiterentwickelt werde.
2007 erwirtschaftete SHC noch einen Gewinn von 13 Millionen Euro, ein Jahr zuvor war ein Verlust von 60 Millionen Euro angefallen.
Kaeser betonte, bei der Ausrichtung von Siemens auf die drei Felder Industrie, Energie und Gesundheit habe es für SHC im Konzern keine Zukunft gegeben. Er rechne bei dem Verkauf mit einem Verlust im mittleren zweistelligen Millionenbereich. So gibt Siemens dem Unternehmen 50 Millionen Euro mit auf den Weg und stellt dazu noch ein Darlehen in Höhe von 20 Millionen Euro zur Verfügung. Erst am Mittwoch hatte Siemens seine kriselnde Telefonanlagensparte SEN mit einem hohen Millionenverlust an den US-Investor The Gores Group verkauft.
Mit dem Verkauf von SHC sei "das Kapitel der Kommunikationstechnik bei Siemens geschlossen", erklärte Kaeser. Bei den Verhandlungen mit Arques seien "standort- und beschäftigungssichernde Maßnahmen besonders wichtig" gewesen. Demnach hat der Finanzinvestor für die kommenden drei Jahre eine Beschäftigungsgarantie für die Standorte Bocholt (1400 Mitarbeiter) und München (250 Mitarbeiter) gegeben; Firmensitz soll München bleiben.
SHC solle unter der neuen Führung seine Position als Marktführer im Premium-Preissegment ausbauen. Für Wachstum sollen vor allem neue Produkte in den Bereichen Voice over IP sorgen sowie der Ausbau des internationalen Geschäfts. Arques sicherte sich mit dem Kauf auch für zwei Jahre die Rechte an der Marke Siemens. SHC hat 2100 Mitarbeiter in 17 Ländern und vertreibt seine Produkte derzeit in 70 Länder. Mit Abstand größter Standort mit 1400 Mitarbeitern ist das Werk im nordrhein-westfälischen Bocholt.
Die in Starnberg ansässige Arques Industries beschreibt sich selbst als Partner internationaler Konzerne "bei der Abspaltung von nicht mehr zum Kerngeschäft gehörenden Randaktivitäten". Sie sei auf den Erwerb und die "aktive Restrukturierung von Unternehmen in Umbruchsituationen konzentriert" und der größte "europäische Player in diesem Markt". Aktuell hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 23 Beteiligungen.
Die Transaktion mit Arques steht noch unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Zustimmung.
kaz/AP/AFP