KREDITKARTEN Schöner Traum
Für forsche Sprüche waren die Manager der großen Kreditkarten-Unternehmen immer gut. »An unserer Branche«, ließ sich vor zwei Jahren in Deutschland ein Sprecher der US-Firma American Express (Amexco) vernehmen, »kommt der Handel nicht mehr vorbei.«
Seit einigen Tagen jedoch sind die Manager des Plastikkarten-Gewerbes ziemlich leise geworden. Händler und Hoteliers haben zu einem unerwarteten Gegenschlag gegen Amexco, Eurocard, Diners Club und Visa ausgeholt.
Am Dienstag dieser Woche wollen die Spitzenverbände des Handels und des Hotelgewerbes eine eigene Plastikwährung vorstellen - die Deutsche Kreditkarte, kurz DKK genannt. Damit die DKK schon von weitem als das nationale Pendant zu den Karten der etablierten Konkurrenz zu erkennen ist, wird sie auf der Vorderseite in den Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold glänzen.
In mindestens 70000 Hotels, Restaurants, Warenhäusern und Boutiquen, aber auch bei der Bundesbahn und an den Tankstellen, so hoffen die Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels (HDE) und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), sollen die Bundesbürger demnächst mit dem schwarzrotgoldenen Kärtchen bargeldlos bezahlen können.
Vorerst ist das nur ein schöner Traum der Verbandsoberen Günther Wassmann (HDE) und Egon Heider (Dehoga). Denn bislang haben sich die Deutschen, anders als die Amerikaner, als regelrechte Kartenmuffel erwiesen.
Erst rund 1,3 Millionen Bundesbürger zücken eine der 5,4 mal 8,5 Zentimeter großen Karten, wenn es in Geschäften und Hotels ans Bezahlen größerer Rechnungen geht. Im Handel zum Beispiel machen die Karten von Amexco, Diners, Eurocard und Visa nicht einmal ein Prozent der Gesamtumsätze aus. Dagegen werden nahezu 20 Prozent der Umsätze per Eurocheque abgerechnet.
Dennoch, die Karten sind im Kommen, vor allem in Geschäften mit Luxusgütern oder Bekleidung. In den Einkaufszentren der Großstädte kann es sich kaum noch ein Händler leisten, die Bezahlung mit den Plastikkarten abzulehnen.
Beliebt sind die Karten bei den Kassierern mitnichten. Das für die Kunden so bequeme Zahlungsmittel ist für den Händler ein teurer Service: Die Geschäfte, Restaurants und Hotels müssen zwischen
drei und acht Prozent ihrer Kartenumsätze als Provision an die Geldorganisationen abtreten. »Die Plastikkarte«, meint HDE-Sprecher Hubertus Tessar, »frißt vielen Händlern die Gewinne weg.«
Seit Jahren verlangen die Handelsverbände von den Kartenfirmen, ihre Disagio-Sätze zurückzudrehen. Doch selbst Boykottdrohungen, wie sie etwa vor einigen Jahren die europäischen Textileinzelhändler auf einer Verbandstagung beschlossen, konnten die festgefügte Front der Kartengiganten nicht aufbrechen.
Schließlich begannen die Händler in aller Heimlichkeit Pläne auszuarbeiten, um das Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. In dem Frankfurter Geschäftsmann Ernst Gloede, dem Inhaber einer Immobilienverwaltung, einer Versicherungsagentur und eines Juweliergeschäfts, fanden sie einen agilen Vordenker und in dem ehemaligen Diners-Club-Manager Helmut Frei einen exzellenten Branchenexperten.
In Dutzenden von geheimen Gesprächen, an denen schließlich auch die Vertreter des Hotelgewerbes teilnahmen, gewann der Plan Konturen: Es soll eine Genossenschaft gegründet werden, an der sich alle Vertragspartner mit Einlagen beteiligen können. Die Konten wird die Münchner Privatbank Merck, Finck & Co. führen.
Vergangenen Donnerstag wurden die letzten Details von den Verbandsgremien gebilligt, und der Abschlag für die Mitgliedsfirmen wurde endgültig auf den ungewöhnlich niedrigen Satz von 2,75 Prozent vom Umsatz festgelegt.
Kaum waren Mitte Mai die ersten Informationen der zweijährigen Denkarbeit
von HDE und Dehoga durchgesickert, da formierte sich der Widerstand.
Nicht die Kartengiganten machten Front gegen die neue Konkurrenz. Die zeigten nach außen sogar Kooperationsbereitschaft und boten unter anderem an, die Abrechnungsorganisation zu übernehmen oder bei der Anbindung ans Ausland behilflich zu sein.
Säuerlich reagierten die Banken und Sparkassen auf die Pläne der Krämer und Kneipiers. Das sei doch, höhnte ein Frankfurter Banker, »ein schlecht inszeniertes Laienspiel, bei dem sich alle die Finger verbrennen werden«.
Die Reaktion der Geldmanager ähnelte der eines verschmähten Liebhabers. Denn ursprünglich hatte die Finanzbranche mit dem Handel verabredet, gemeinsam ein vollelektronisches Kassen- und Abrechnungssystem aufzubauen. Bei diesem System steckt der Käufer seine Karte im Geschäft in eine Computerkasse. Der Betrag wird in der gleichen Sekunde von seinem auf das Konto des Händlers umgebucht.
Doch dieses sogenannte Pos-Banking (Pos = Point of sale, Verkaufsort) kommt, bis auf zwei halbherzige Feldversuche in Berlin und München, seit Jahren nicht voran. Handel und Kreditgewerbe können sich nicht über die Verteilung der immensen Kosten für die Installation und den Betrieb des vollelektronischen Kassierens einigen.
Durch die DKK könnte das Superprojekt auf unabsehbare Zeit blockiert werden. Und das träfe vor allem Eckart van Hooven, Vorstandsmitglied der mächtigen Deutschen Bank.
Nach außen reagiert der emsige Pos-Promoter noch »mit tief empfundener Gelassenheit« auf den Alleingang seiner Geschäftspartner. Gleichwohl hat er sich aber schon »Gedanken gemacht über mögliche Konsequenzen«. »Eine Möglichkeit« zeigte van Hooven vergangene Woche bereits auf: Die Banken könnten ab sofort bei der Verrechnung von Eurocheques bei den Händlern ein Disagio kassieren.