KONJUNKTUR Schöner Trend
Noch ehe die Schau vorbei war, brachen die Regisseure in Jubel aus.
Auf der Hannover-Messe, der größten Industrie-Präsentation der Welt, registrierten die Veranstalter schon nach wenigen Tagen »mehr als zufriedene Aussteller« und »einhelligen Optimismus
Kaum einer der 5136 Aussteller konnte noch die seit Jahren eingeübten Klagelieder anstimmen. Die Konjunktur rollt, und am meisten profitiert davon gegenwärtig jene Branche, die seit Jahren nur noch im jammern geübt war: die Investitionsgüter-Industrie.
»Wir erleben momentan«, berichtet ein Unternehmensberater, »einen Investitions-Boom' wie wir ihn seit Beginn der siebziger Jahre nicht gehabt haben.«
Besonders erfreut sind Manager und Regierende, daß im Unterschied zu früheren Aufschwüngen, die meist durch den Export ausgelöst worden waren, der Funke diesmal zu Hause zündete. Diether Hoffmann, Chef der Bank für Gemeinwirtschaft: »Aus dem Inland wird ein immer stärkerer Nachholbedarf spürbar.«
Jahrelang hatten sich Deutschlands Unternehmer mit Neuinvestitionen merklich zurückgehalten. Ihre Fabriken waren ohnehin nicht ausgelastet, und so trugen sie mit den anfallenden Gewinnen ihre Bankschulden ab, kauften damit hochprozentige Staatsanleihen oder entschlossen sich bestenfalls zu lohnkostensparenden Rationalisierungen.
Inzwischen aber sind viele Anlagen so stark veraltet, daß die meisten Firmen kaum eine andere Wahl haben, als ihren Maschinenpark endlich aufzufrischen. Schon im letzten Jahr gingen die Anlage-Investitionen real um 6,3 Prozent nach oben, während der private Verbrauch nur 3,8 Prozent schaffte. 1979 dürfte es für die Ausrüster der Industrie noch besser aussehen.
Schon die ersten Auftragszahlen scheinen den schönen Trend zu bestätigen. Die Elektroindustrie konnte allein im Februar um über 18 Prozent höhere Inlandsorders verbuchen. Die Auftragsflut bei den Computerherstellern verwunderte selbst die Manager dieses verwöhnten Industriezweigs. Heinz Nixdorf etwa meldete für das erste Quartal dieses Jahres 23 Prozent Umsatzplus.
Der Maschinenbau, im letzten Jahr mit 105 Milliarden Mark Umsatz eine der größten Industriebranchen, meldete für Februar 14 Prozent mehr Bestellungen. Für eine Reihe großer Maschinenbau-Konzerne ist das Jahr bereits so gut wie gelaufen. So steigerte die Oberhausener GHH-Gruppe ihren Auftragsbestand in den letzten neun Monaten um gut 13 Prozent auf die noch nie erreichte Höhe von 15,5 Milliarden Mark.
Bei der Mannesmann-Tochter Demag sprangen die Bestellungen in den ersten drei Monaten dieses Jahres um sieben Prozent nach oben; die Wiesbadener Linde AG präsentierte für 1978 ein Plus von 25 Prozent.
Für den Auftragsschub sorgte nicht nur der Nachholbedarf. Gerade die Maschinen- und Anlagen-Anbieter, die ein Drittel ihrer Exportgeschäfte mit EG-Firmen abwickeln, profitieren auch von dem neuen europäischen Währungsverbund. Hans-Jürgen Zechlin, Geschäftsführer des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten: »Mit festen Wechselkursen läßt sich eben ganz anders kalkulieren.«
Für Schwung sorgen überdies die beiden Frühstarter des Aufschwungs: Mindestens noch in diesem Jahr wird die Autoindustrie mit ihren rund 8 000 Zulieferanten, wie VW-Chef Toni Schmücker letzte Woche verkündete, auf hohen Touren laufen.
Auch der Bauboom scheint ungebrochen. Trotz der langen Winterpause werden die Geschäfte 1979 »noch besser als im vergangenen Jahr gehen«, erwartet Fritz Eichbauer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes.
Nutznießer ist vor allem die lange Zeit im Konjunkturschatten stehende Baumaschinen-Industrie. Der Frankfurter Baukonzern Philipp Holzmann gab beispielsweise für die Modernisierung seines inländischen Geräteparks 1978 mit 25 Millionen Mark mehr als doppelt soviel wie im Jahr zuvor aus.
Der besonders rege Bau von Einfamilienhäusern beschert vielen Lieferanten der Baubranche noch ein Zusatzgeschäft. Denn angeregt durch steigende Heizölpreise und staatliche Energiesparappelle, setzen Bauherren und Architekten immer höhere Ausgaben für wärmespeichernde Anlagen ein.
So hat die Gelsenkirchener Flachglas AG für Wärmeschutzfenster bereits Lieferfristen von sechs Wochen. Noch vor gar nicht langer Zeit waren die Flachglas-Produkte innerhalb von sieben Tagen auf der Baustelle.
Auch anderen Sparten verhalf die jüngste Zuspitzung auf dem Energiemarkt zu einer unverhofften Geschäftsbelebung. So registriert beispielsweise der Düsseldorfer Röhrenkonzern Mannesmann einen lebhaften Ordereingang für Ölrohre. Die Mannesmann-Röhren werden für die Erschließung neuer Ölquellen gekauft.
Die weltweit forcierte Kohleförderung schließlich bescherte den führenden deutschen Herstellern von Bergwerksmaschinen -- wie Demag, Krupp und Thyssen -- einen gegenüber derselben Zeit des Vorjahres fast doppelt so hohen Auftragsbestand.
Viele Manager stimmen die steigenden Ölpreise und die Unsicherheit auf dem Energiemarkt allerdings auch skeptisch. So können die Chefs der Chemiekonzerne sich nicht so recht über ihren zwölfprozentigen Umsatz-Zuwachs im ersten Quartal freuen. Sie befürchten, daß sich bei ihren Produkten, die zum Großteil aus dem Rohstoff Öl gewonnen werden, viele Kunden aus Angst vor weiteren Preiserhöhungen über den momentanen Bedarf eingedeckt haben.
Über seine Branche hinaus, so argwöhnt Bayer-Chef Herbert Grünewald bereits, könnte eine weitere Steigerung des Ölpreises die gerade wieder anziehende Konjunktur schneller als erwartet abwürgen.
Der Bayer-80ß düster: »Ich sehe insbesondere in der zweiten Jahreshälfte bremsende Wirkungen auf den Aufwärtstrend in der Bundesrepublik zukommen.«