Die Idee, einem Kunden die Schulden zu erlassen, liegt Bankiers so fern wie dem Papst ein Zweifel an Marias Jungfräulichkeit. In dem Satz »Wo kommen wir da denn hin«, den ein deutscher Spitzenbankier über den Schuldner-Kontinent Südamerika fallenließ, drückt sich der Glaube an ein quasi überirdisches Gesetz aus: Gepumptes Geld muß mit Zins und Zinseszins zurück.
Wenn Fidel Castro allerdings auf die Tasten seines sowjetischen Personal-Computers drückt, sieht die Lage anders aus. Aus dem Gewirr von Schuldenstatistiken, Zinssätzen und Handelsströmen ermittelt der Materialist aus Kuba die irdische Wirklichkeit: Ohne Schuldenerlaß ist Lateinamerika nicht zu retten.
Gegenwärtig ist die Region zwischen Feuerland und dem Rio Grande mit rund 360 Milliarden Dollar in den Industrieländern verschuldet. Wenn die Lateinamerikaner jährlich zehn Milliarden Dollar für den Schuldendienst aufbringen, werden die Forderungen der Gläubiger wegen der auflaufenden Zinsen in den nächsten zwei Jahrzehnten auf 1,8 Billionen Dollar hochgeschoben.
Das ist ein Betrag, der wohl selbst Pentagon-Planern, die in »Star-Wars«-Dimensionen denken, Finanzierungssorgen bereiten könnte. Viele Länder Süd- und Mittelamerikas sind jedoch bereits heute in der Situation des nackten Mannes, an dem jeder Zugriff abgleitet.
Peru etwa könnte seine Rückzahlungsverpflichtungen dieses Jahr selbst dann nicht voll erfüllen, wenn das Land alle Einfuhren stoppen und jeden im Export verdienten Dollar an seine Gläubiger weiterleiten würde. Ein Privatmann oder Unternehmen in ähnlicher Lage hätte längst Konkurs müssen.
Präsident Castro empfiehlt seinen Mitregenten in Lateinamerika daher, sich gemeinsam für bankrott zu erklären. Der Ex-Revolutionär verbrämt diese Botschaft mit populistischem Pathos: Zerbrecht die Ketten, zerstört »den wuchernden Krebs« der Auslandsschulden, zahlt nicht mehr.
Castros Aufruf stützt sich auf die zunehmende Verbitterung der Völker Lateinamerikas, die durch harte Sparprogramme stranguliert werden. Das aber fällt für die Bankiers, die lediglich auf ihre Bilanzen starren, in die Abteilung Politik. Und da, das behaupten Bankiers mit beharrlicher Ignoranz, halten sie sich raus.
In Wahrheit sind die Schulden Lateinamerikas längst von einem finanziellen zu einem politischen Problem gewachsen. Nur mangelt es den Politikern an Mut, sich der Sache anzunehmen. Statt dessen lassen sie die Geldmanager gewähren, deren Strategie sich auf das Hinausschieben der Probleme durch die hohe Kunst des Umschuldens beschränkt.
Noch spielen die lateinamerikanischen Regierungen dabei mit. Sie wissen, daß jedes Land, das nicht mehr zahlt, finanziell für vogelfrei erklärt wird.
Das ist auch Castro klar. Abseits der großen Worte hält sich der Maximo Lider selbst treu und brav an die Kreditverträge mit westlichen Gläubigern und denkt erst recht nicht daran, seinen wichtigsten Geldgeber, die Sowjet-Union, durch unbotmäßiges Verhalten zu verprellen.
Sehr viel ernster als Castro mit seiner Forderung nach einem totalen Zahlungsstopp ist da schon Südamerikas jüngster Staatschef, der Peruaner Alan Garcia, zu nehmen. Der versprach in seiner Antrittsrede zwar, sein Land werde alle Schulden tilgen, begrenzte die Zahlungen aber auf zehn Prozent der nationalen Exporteinnahmen.
Mit dem einseitig festgesetzten Rückzahlungslimit hat Garcia das getan, was Castro lediglich fordert: Er hat offen Kreditverträge gebrochen.
Dennoch ist Garcia kein Amokläufer. Er hat nur als erster vor aller Welt die Konsequenz daraus gezogen, daß sein Land praktisch bankrott ist: Mehr als einen kleinen Teil seiner Exporterlöse kann ein Staat wie Peru nun einmal nicht für den Schuldendienst aufbringen, wenn er nicht vollends ins Chaos stürzen will.
Das sollten auch die Gläubiger anerkennen und Peru sowie anderen Schuldnern durch teilweisen Schuldenerlaß entgegenkommen. Bei der AEG ging es ja auch.