Schuldennot Kirch ringt mit dem Hai
München - In Rupert Murdoch scheint Kirch seinen Meister gefunden zu haben. Der fünf Jahr jüngere Wahlamerikaner taktiert, blendet und verdreht schon mal Fakten, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Murdoch hatte sich zwar einst selbst ins Schulden-Aus manövriert, er musste bei den Banken zu Kreuze zu kriechen, darunter bei der Deutschen. Jetzt aber ist seine Kriegskasse voll genug, um ihm einen neuen Vorstoß auf den größten, europäischen Medienmarkt zu erlauben. Und dieses Mal ist Murdoch auf Großwildjagd. Einen Flop wie das frühere Engagement bei den Mini-Stationen Vox und TM3 will er nicht noch einmal landen.
Murdoch mauschelt in Berlin
Murdoch sät derzeit wieder gezielt Verwirrung. Erst prahlt er in einem Zeitungsinterview, er strebe nach der Macht bei Premiere. Dann behauptet er, er wolle raus aus Deutschland, weg von Premiere, die Verluste begrenzen, dem vergeudeten Geld kein gutes hinterherwerfen. Tony Ball, Chef von Murdochs Bezahlkanal BSkyB, kündigt an, man werde im Oktober die 1,7 Milliarden Euro von Kirch einfordern. Die stehen Murdoch zu, weil in einer früheren Premiere-Krise 22 Prozent an Kirchs Pay-TV erwarb.
Soweit die offizielle Version der Murdoch-Gefolgsleute. Am Dienstag aber verhandelte Murdoch in Berlin nach Insiderberichten mit Bankern in Berlin über Kirchs Schulden und Zukunft. Der Medien-Mogul aus München war nach Angaben der KirchGruppe nicht dabei, bezeichnenderweise. Wenn Murdoch wirklich das Interesse an Deutschland verloren hat - dann wäre sein Besuch in der Hauptstadt schwer zu erklären. Angeblich ging es bei den Gesprächen tatsächlich um die Übernahme von Premiere World.
Das wahre PayTV: ARD und ZDF
Kirch steht inzwischen offenbar kurz davor, klein bei zu geben. Weil Murdoch Kirch mit seiner 1,7 Milliarden-Option in die Ecke gedrängt hat, muss der Franke dem Australo-Amerikaner wohl geben, was er verlangt. In ihrer Suche nach einem Großinvestor sind die Münchner laut Presseberichten bereit, Murdoch die Kontrolle an Premiere World zu überlassen. Kirch hat wenig andere Optionen. Der greise Viacom-Chef Sumner Redstone, an den Kirch-Manager offenbar herangetreten sind, soll bereits abgewinkt haben.
Kommt Murdoch - dann nimmt er ein enormes Risiko auf sich. Immerhin verbrennt Premiere pro Jahr Schätzungen zufolge rund eine Milliarde Euro. Das mag zum Teil an Management-Fehlern der KirchGruppe liegen. Es liegt aber auch daran, dass die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland so stark sind wie in wenigen anderen Ländern. TV-Zuschauer, die schon hohe Rundfunkgebühren zahlen, sind nicht geneigt, auch noch ein Pay-TV-Abo zu kaufen. Und bei Film-Fans herrscht vielfach die Mentalität: "Warum Premiere, wenn es Videotheken gibt?"
Der Geist von Thomas Middelhoff
Sehr wahrscheinlich, dass Murdoch deshalb nach einem zweiten, starken Partner sucht, der ihm eine Hälfte des Risikos abnimmt. Einer der Hauptverdächtigen ist der Bertelsmann-Konzern. Er sitzt nur wegen eines Vetos der Brüsseler Kartellwächter nicht bei Premiere mit in Kirchs Boot - und müsste sich eigentlich darüber freuen. Schon aber wollen "Branchenkenner" den Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff beim Tête-à-tête mit Murdoch in Berlin gesehen haben. Nur eine Halluzination? Ein Bertelsmann-Sprecher nannte die Berichte prompt "Unsinn".
Wenn Kirch Murdoch ins Land lässt - dann dürfte es ihm schwer fallen, einen weiteren Vormarsch des Invasoren zu verhindern. Murdoch nämlich zielt offenbar darauf, bei der KirchMedia einen Fuß in die Tür zu bekommen - Kirchs Kernunternehmen, an dem Murdoch bisher nur 2,48 Prozent hält. KirchMedia handelt mit Sport- und Filmrechten und besitzt die Mehrheit bei ProSiebenSat.1, dem reichweitestärksten deutschen TV-Unternehmen.
"Kirch will das nicht"
Offen ist, ob Kirch die Kapitulationserklärung bereits unterzeichnet hat. Die "Financial Times Deutschland" behauptet, Kirch wolle Murdoch den Zugang ins Rechtegeschäft öffnen. Glaubhafter scheint ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, wonach Kirch zumindest sein Allerheiligstes erbittert gegen Murdoch verteidigen wird. "Kirch will das nicht", zitiert Reuters einen Kirch-nahen Informanten mit Hinweis auf Murdochs Ambitionen.
Noch an einer zweiten Front muss Kirch offenbar seine Abwehr-Strategie ändern. Der Axel Springer Verlag ist laut Berichten des "Wall Street Journal Europe" umgeschwenkt und hat sich demnach auf Kirchs Liquiditätsnöte eingestellt: Der Verlag verlangt offenbar nicht mehr, dass Kirch eine 770-Millionen-Verkaufsoption in bar bezahlt. Es sei auch möglich, dass Kirch Springer zum Teil mit Aktien entlohnt. Der Verlag strebe an, seinen 11,5-Prozent-Anteil an ProSiebenSat.1 auszubauen - und wolle nun eine Sperrminorität von 25 Prozent erlangen.
Springer-Chef Mathias Döpfner hat zwar erst im Januar betont, der Verlag wolle sich voll aufs Verlagsgeschäft konzentrieren, die riskanten Fernseh-Experimente einstellen. Nun aber ist die Gelegenheit günstig, billig bei Deutschlands größtem TV-Unternehmen einzusteigen. Vielleicht zu günstig, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen.
Von Matthias Streitz