Schulunterricht: Umerziehung zur Wirtschaft - DER SPIEGEL
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Schulunterricht Umerziehung zur Wirtschaft

Von überall her tönen die Rufe, an der Schule Wirtschaftskenntnisse zu lehren. Das ist sicherlich berechtigt, doch die Umsetzung könnte falsch laufen.
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alle haben es gefordert: Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender sangen vielstimmig: Wir brauchen das Lehrfach "Wirtschaft", an jeder Schule, unbedingt.

Das ist sicher berechtigt. Ohne grundlegende Wirtschaftskenntnisse wird das Orientieren in der heutigen Wirklichkeit immer schwerer, wogegen man sich sehr gut vorstellen könnte, ohne Latein oder Griechisch durch das Leben zu kommen.

Wagen wir einmal einen Blick in die USA, die natürlich wie immer auch hier bereits einen Schritt weiter sind als wir. Und an Amerika soll man sich doch immer orientieren, nicht wahr? Also: Den Blick starr geradeaus gerichtet und eifrig herübergeschaut in das Land der begrenzten Unmöglichkeiten!

Haben Sie einmal etwas von den Umerziehungscamp für straffällige oder "auffällige" amerikanische Jugendliche gehört oder gelesen? Das "Handelsblatt" schrieb dazu: "Wie ein Gospelprediger spricht Coe (der Camp-Leiter) zu den Ferienschülern. 'Das Spiel, das ihr lernt, findet nicht nur in den USA statt, okay?' ruft er, als wolle er ein Amen hören. Aktienkurse folgen immer der Zukunft, lernen die Kinder. Sie folgen wem? 'Der Zukunft', schallt der Chor heller Stimmen. Und die Zukunft heißt Globalisierung. Heißt wie? 'Globalisierung', schreit die Klasse."

Als Europäer drängt sich mir die Frage auf, ob hier nicht eher Knallerbsen gezüchtet als Wirtschaftskenntnisse vermittelt werden. Denn es ist wirklich zu hinterfragen, ob ein europäisches Kind mit einer soliden Grundausbildung in Logik, welches folglich auch weiß, dass die Gegenwart niemals der Zukunft folgen kann, seinem US-Pendant nicht auch ohne Wirtschaftskenntnisse durchaus überlegen sein kann.

Denn in der Wirtschaft - wie im Leben auch - ergeben sich wirkliche Kenntnisse erst durch das Herausbilden eines eigenen Urteilsvermögens. Und so etwas lernt man ebenso wenig durch eine rhythmische Sprachgymnastik wie durch stures Auswendiglernen von Unwichtigkeiten, wie es im US-Camp nach diesem Bericht praktiziert wird. Wer der Chef der Deutschen Telekom, wer der größte Konsortialführer und wie der Chairman der US-Zentralbank heißt, hat keinerlei Bedeutung für das Verständnis der Ökonomie.

Es geht also immer um ein grundsätzliches Urteilsvermögen, wogegen das Streben nach enzyklopädischem Wissen nur in die Sackgasse führen kann. Deswegen kann es manchmal klüger sein, freiwillig eine bisschen dümmer zu bleiben.