ATOM-INDUSTRIE Schwache Stellen
Der linksorientierte Elmshorner SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Ueberhorst ist ein »Schützling von Wehner«. Er hegt die »politische Hoffnung, ohne Kernenergie auszukommen«.
Vom rechtslastigen Peter Reuschenbach ist dagegen nur Gutes bekannt. Der ist ein »Wirtschaftsmann«, hält Kernenergie für »unverzichtbar«, ist ein »Anhänger der sozialen Marktwirtschaft« und glaubt: »Über Preise ist alles machbar.«
Die internen Dossiers über den politischen Standort der beiden SPD-Parlamentarier werden auf der Vorstandsetage der Bensberger Nuklearfirma »Interatom« geführt.
Das Interesse der Atom-Manager an den Politikern hat einen guten Grund: Beide Volksvertreter sind Mitglieder einer gewichtigen Bundestagskommission. Das Gremium soll prüfen, ob die Bundesrepublik notfalls auch ohne Kernenergie auskommen kann oder ob der nukleare Ausbau unerläßlich ist. Es geht dabei vor allem um die Brütertechnik, auf die Interatom mit dem Bau des »Schnellen Brüters« in Kalkar gesetzt hat.
Die »Schwachstellenanalyse« der Abgeordneten -- so die Kennzeichnung in einem vertraulichen Interatom-Protokoll -- soll die Atom-Lobby in die Lage versetzen, die Abgeordneten gezielt zu bearbeiten und möglichst für den Ausbau der Kernenergie zu gewinnen.
Der Feldzug war schon im vergangenen Jahr gestartet worden. Auf Geheiß von Klaus Barthelt, Chef der Kraftwerk Union (KWU), hatte Professor Matthias Köhler bei der KWU-Tochter Interatom gleich zwölf »Arbeitskreise für Öffentlichkeitsarbeit« ins Leben gerufen.
Jeder dieser Kreise widmet sich seither intensiv einer bestimmten Zielgruppe -- von den Kirchen bis zu den Frauenverbänden, von den Medien bis zu den Bürgerinitiativen. Besonderes Augenmerk der Öffentlichkeitsarbeiter (KWU-Chef Barthelt: »Ich bitte um das persönliche Engagement des oberen Führungskreises") galt den Parteien, vorrangig der SPD.
Ausgerechnet der »Arbeitskreis SPD« (AK-SPD) aber machte gegen die Praxis, Dossiers über Parlamentarier zu verfertigen, zunächst ehrpusselige Bedenken geltend. Im vertraulichen Protokoll einer Sitzung vom 27. Juni <"nur zum internen Gebrauch") sind die Gründe für solche Zaghaftigkeit nachzulesen.
Die Mitglieder des Arbeitskreises hätten es mittlerweile geschafft, so rühmt der Protokollführer, zu zahlreichen SPD-Abgeordneten ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Diese »Vertrauensbasis« müsse zerstört werden, wenn die Parlamentarier erfahren sollten, daß ihre Interatom-Freunde heimlich an einer Analyse der »Schwachstellen« sozialdemokratischer Gesprächspartner bastelten.
»Von daher wurde eine Mitarbeit an einer Standortbeschreibung der SPD-Mitglieder der Enquete-Kommission abgelehnt«, hält das Sitzungsprotokoll lakonisch fest.
Die Bedenken schlugen jedoch nicht durch, offenbar auf Weisung des bp-Managements wurden die Dossiers angefertigt.
Neben Reuschenbach und Ueberhorst sezierte Interatom-Analytiker Rainer Ibowski, Mitglied des AK-SPD und in der Geschäftsführung ansonsten für technisch-wirtschaftliche Grundsatzfragen zuständig, auch den dritten Sozialdemokraten in der Enquete-Kommission, den Offenburger Abgeordneten Harald B. Schäfer, der zu den engagiertesten Atom-Kritikern in der Fraktion zählt.
Von Schäfer notierte Ibowski -- unverkennbar mißbilligend -- die Vorhersage, auf dem Berliner SPD-Parteitag werde sich im Dezember eine Mehrheit gegen die Kernenergie finden. Außerdem fehlt im Dossier Schäfers weder ein Hinweis auf »Engagement beim Störfall in Brunsbüttel«? noch vergaß Ibowski festzuhalten, daß der Abgeordnete Schäfer den Atom-Unfall von Harrisburg dereinst als »größte Nuklearkatastrophe« gekennzeichnet hatte.
Im September, geht aus dem Sitzungsprotokoll hervor, wollen die Interatom-Manager die Abgeordneten direkt ansprechen. Gern hätten die Arbeitskreis-Mitglieder bei dieser Begegnung auch die Atom-Skeptiker Schäfer und Ueberhorst zu Gast.
Für den Fall, daß die sich zieren, ist bereits Vorsorge getroffen. Der SPD-Abgeordnete Adolf Stockleben aus Peine, zu dem Rainer Ibowski besonders innige Verbindungen pflegt, soll eingespannt werden, die zögernden Genossen für das Treffen zu begeistern. Das Arbeitskreis-Protokoll fordert knapp: »Dabei sollen die Kontakte Stockleben/ Ibowski ausgenutzt werden.«
Zeigen sich die Politiker nicht gefügig, die Freunde des Atoms scheuen auch vor ein wenig Drohung mit ihrer Stimmgewalt nicht zurück. Die KWU-Truppe verfüge bei 15 000 Beschäftigten über ein Stimmenreservoir für die Kernenergie von etwa 100 000 Stimmen, wenn man, wie Interatom-Professor Köhler in einer Mitteilung den »Führungskräften« vorrechnet, den »engeren Verwandtenkreis« eines jeden KWU-Mitarbeiters mit sechs Personen einbeziehe.
Damit nicht genug. Schließlich gehört ja die Interatom-Muttergesellschaft KWU der Weltfirma Siemens mit ihren 180 000 Beschäftigten.
»Das gezielte Einbinden von Siemens-Mitarbeitern«, so die Köhler-Mitteilung, »würde diese Zahl verzehnfachen. In dieser Richtung laufen schon Aktivitäten.«