Schwäbische Seelen - DER SPIEGEL
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DAIMLER Schwäbische Seelen

Diese Woche wird der 59jährige Edzard Reuter zum Daimler-Benz-Chef bestellt. Gleichzeitig ziehen seine potentiellen Nachfolger, drei jüngere Manager, in den Vorstand ein. *
• aus DER SPIEGEL 30/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Daimler-Vorstände kamen am Dienstag vergangener Woche zusammen, so wie sie es jede Woche um neun Uhr tun. Alle wußten, was ihr Vorsitzender verkünden würde. Und doch herrschte, so berichtet einer, »Eisesstille«, als Werner Breitschwerdt erklärte, er stelle sein Amt aus »gesundheitlichen Gründen« zur Verfügung.

Keiner sagte etwas dazu, keiner fragte nach. Etwa, warum Breitschwerdt in der Woche zuvor der »Frankfurter Allgemeinen« noch erklärt hatte, er strebe eine Verlängerung seines Vertrages an. Oder warum er in einer am Montag herausgegebenen Erklärung, in der er den Bericht des SPIEGEL bestätigte, persönliche Gründe angab und nun gesundheitliche.

Die Vorstandsrunde schwieg aus Pietät. Der Machtkampf in Deutschlands größtem Industriebetrieb war endgültig zu Ende: Edzard Reuter, der Finanzmann, wird Chef des verzweigten Konglomerats, und sein langjähriger Gefährte Werner Niefer bekommt die Würde des Vizes.

Landesweit atmeten Unternehmer, Gewerkschafter und Bankiers auf, daß nun offenkundig Ruhe in Untertürkheim einkehren wird. An der Börse, dem Stimmungsmesser der Wirtschaft, zog

der Daimler-Kurs ruckartig in die Höhe.

Am Donnerstag schwebte der Initiator des Befreiungsschlages von einer Amerika-Reise im Schwabenland ein: Aufsichtsratsvorsitzender Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, der fast 30 Prozent von Daimler-Benz gehört. Der starke Mann rief den Vorstand gleich noch einmal zusammen und erzählte der Runde dann, daß mit dem Wechsel an der Spitze noch wichtige Personalveränderungen folgen würden.

Herrhausen klärte die Manager über seinen überaus fein gesponnenen Plan auf, wie er die heikle Dreiecksaufgabe im Hause Daimler lösen will, nämlich *___die zukünftige Führung schon jetzt in Stellung zu ____bringen, *___die Machtbalance zu erhalten und zugleich *___die sensiblen Schwabenseelen nicht zu verletzen.

Da der 59jährige Reuter allenfalls bis Mitte Sechzig amtieren kann, hat Herrhausen den 50jährigen Chef des Reifenherstellers Conti, Helmut Werner, als Nachfolger ins Auge gefaßt. Vor der Thronbesteigung muß Werner freilich sein Können unter Beweis stellen: Er übernimmt das schwierige Lastwagen-Geschäft.

Zwar hat Werner aus heutiger Sicht die besten Chancen, in den neunziger Jahren Herrscher in Untertürkheim zu werden. Aber sicher ist es nicht. Herrhausen schickt zugleich zwei Konkurrenten mit ins Rennen. Jürgen Hubbert, 47, rückt als stellvertretendes Vorstandsmitglied in die Pkw-Abteilung Niefers. Der 43jährige Jürgen Schrempp, bisher Chef in Südafrika, wird stellvertretendes Vorstandsmitglied in Werners Lkw-Sparte.

Hubbert wie Schrempp sind »beim Daimler«, wie man in Stuttgart sagt, groß geworden. Sie sind die Hauskandidaten gegen den Fremdling Werner, dem noch etwas Mißtrauen entgegenschlägt. Vor allem die Arbeitnehmer verübeln Werner, daß er sich in seinem bisherigen Job als Conti-Chef wenig beschäftigtenfreundlich zeigte: Werner ließ die Reifenfirma vom Kautschuk- in den Chemieverband wechseln, weil es dort niedrigere Lohntarife gibt. Wer von den dreien in fünf Jahren Reuters Nachfolge antritt, ist noch völlig offen.

Werners Vorgänger als Lkw-Manager, Gerhard Liener, übernimmt das Finanzressort von Edzard Reuter. Um die Übersicht über das Geld zu behalten, nimmt Reuter die Abteilung Controlling mit in die Chefetage.

Auch die dabei entstehende Lücke hat der sorgfältige Planer Herrhausen berücksichtigt: Liener bekommt die Materialwirtschaft zugeschlagen, die bislang ein eigenständiges Ressort war.

Über allen thront auf absehbare Zeit das Sieger-Duo Reuter und Niefer, die »hervorragend Doppelpaß spielen können«, wie der Vize einmal sagte. Die beiden können wohl so gut miteinander, weil sie so verschieden sind. Niefer, Sohn einer Gastwirtsfamilie, hat sich ohne Abitur, über eine Werkzeugmacherlehre bei Daimler und ein Studium an der Ingenieurschule in den Vorstand vorgearbeitet. Direkt, offen, manchmal kumpelhaft im Umgang, kann er den Meister in der Werkshalle ebenso begeistern und motivieren wie den Direktor im Konferenzraum.

Im Süddeutschen kennt Niefer nahezu jeden, der in Politik oder Wirtschaft etwas zu sagen hat; es gibt kaum einen wichtigen Empfang oder Prominentengeburtstag, bei dem er nicht auf der Gästeliste steht.

Ganz anders Reuter, der allenfalls öffentlich auftritt, wenn er einen Vortrag hält, an der Universität Stuttgart-Hohenheim »Über die Macht und Ohnmacht des Geistes« oder in New York über »Europa - ein Modell für die Welt?« referiert. Dabei kreisen seine Reden meist um Immanuel Kant und Karl Popper.

Reuter ist jener Mann, der bislang am intelligentesten von Deutschlands Managern über das Selbstverständnis seines Berufs geredet hat. Er fand, Unternehmer sollten »Verantwortung für die Umwelt« nicht als eine von Politikern auferlegte »Fessel« empfinden und »Verantwortung für die Arbeitsplätze« nicht als eine von den Gewerkschaften auferzwungene »Belastung« ansehen.

Beides gehöre vielmehr zum Job. So recht er hatte: Mißfälliges Gemurmel drang aus breiten Kreisen altehrwürdiger Unternehmer-Zirkel. Also war der Sohn des ehemaligen Berliner Bürgermeisters eben doch ein Sozi, auch wenn er die Kasse des reichsten deutschen Unternehmens verwalten durfte.

Den Kritikern war entgangen, daß Reuter lediglich dem Kapitalismus eine Prise Aufklärung hinzufügen wollte. Denn daß die angemessene Verzinsung des Kapitals nötig ist, das ist für ihn ebenso klar, wie er es für »törichte Tölpelei« hält, die »Belastbarkeit unserer Wirtschaft« testen zu wollen.

Die Arbeitnehmer-Vertreter bei Daimler haben zwar Reuters klugen Kopf gewählt: Aber bei Verhandlungen, das wissen sie schon jetzt, steht ihnen künftig eher ein härterer Gesprächspartner als Breitschwerdt gegenüber.

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