Schwarzer Krauser - DER SPIEGEL
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Zigaretten Schwarzer Krauser

Nach der neuesten Zigaretten-Steuer-Erhöhung beginnen die Tabak-Hersteller der Bundesrepublik wieder Selbstdreh-Zigaretten zu propagieren.
• aus DER SPIEGEL 40/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutschlands größter Tabakhersteller und drittgrößter Zigarettenproduzent, die Martin Brinkmann AG in Bremen, glaubt eine »vernünftige Antwort auf die Tabaksteuererhöhung« gefunden zu haben. In großformatigen Anzeigen fordert sie alle Zigarettenraucher auf: »Do it yourself«.

Bundesbürger, die bereit sind, ihren täglichen Zigarettenbedarf daheim im Wohnzimmer zu produzieren, können nach Rechnung der Brinkmann -Werber eine Menge Geld sparen: »Warum zahlen Sie jetzt DM 2,00 für 18 Filtercigaretten, wenn Sie 18 King-Size-Filtercigaretten für DM 1,20 selbst fertigen können?«

Da nur noch wenige Westdeutsche über genug Fingerfertigkeit verfügen. um aus einem Häufchen Tabak und einem Stück Papier ein zigarettenähnliches Gebilde zu formen, halten die Bremer unter dem Markennamen »Privileg« und »Garant« ein komplettes Angebot aus »Cigarettenmacher«, »Filterhülsen« und »Cigaretten-Tabak« bereit. Die mit diesen Utensilien hergestellte Eigenproduktion ist von »Fabrikcigaretten praktisch nicht zu unterscheiden«, verspricht Brinkmann.

Die am 1. September dieses Jahres in Kraft getretene 29prozentige Steuererhöhung für Zigaretten bot den Managern der Bremer Tabakfirma einen willkommenen Anlaß, die Selbstgedrehte wieder ins Gespräch zu bringen. Jahrelang hatte Deutschlands Branchenführer auf dem Tabakmarkt mit ansehen müssen, wie mit den steigenden Einkommen immer mehr Raucher aufhörten, ihre Zigaretten selbst zu friemeln. Folge: Der Verkauf von Feinschnitt-Tabak, der überwiegend in Eigenmacher-Zigaretten verraucht wird, ging rapide zurück. Während der Absatz der Zigarettenfirmen um fünf bis zehn Prozent jährlich zunahm (Jahresabsatz 1971: rund 123 Milliarden Stück), mußten die Feinschnitt-Hersteller Umsatzeinbußen bis zu zehn Prozent jährlich hinnehmen. Im vergangenen Jahr konnten in der Bundesrepublik nur noch fünf Millionen Kilo Feinschnitt verkauft werden, 20 Jahre zuvor waren es noch 18 Millionen Kilo gewesen.

Im Rezessionsjahr 1967 startete die Brinkmann AG einen Versuch, die Selbstdreher-Gemeinde wieder zu vergrößern. Damals brachte sie in Zusammenarbeit mit dem Zigarettenpapierhersteller Efka das »Privileg«-Sortiment auf den Markt. Der Zeitpunkt war gut gewählt. Denn seit langem wissen die Tabakfabrikanten, daß in wirtschaftlich schlechten Zeiten viele Raucher wieder zur Eigenfertigung übergehen. Der Verbrauch an Feinschnitt gilt deshalb in der Branche als zuverlässiges Konjunkturbarometer. An den Absatzkurven können die Tabakmanager viel eher als die staatlichen Statistiker feststellen, ob die Konjunktur abbröckelt oder ein neuer Boom bevorsteht.

Daß der »Privileg«-Tabak auch in den letzten Jahren der Hochkonjunktur seinen Umsatz nicht nur halten, sondern sogar steigern konnte -- derzeit gehen monatlich rund 40 Millionen Stück »Privileg«-Selbstdrehzigaretten in Rauch auf -, führen die Brinkmann-Manager vor allem auf die von ihnen angebotenen Zigarettenhülsen (mit und ohne Filter) und den Selbstdrehapparat zurück.

Mit Hilfe dieses Zubehörs können Raucher am Wohnzimmertisch binnen weniger Minuten ihren Tagesbedarf an Zigaretten herstellen. Da den Selbstgedrehten aber noch immer der Geruch des Ärmlichen anhaftet, werden die »individuellen Cigaretten« (Werbung) vielfach in Zigarettenschachteln bekannter Marken wie »HB«, »Stuyvesant« oder »Ernte 23« mit zur Arbeit genommen.

Bei Bundespost, Bundesbahn, Finanzämtern und anderen Behörden sind in den letzten Jahren zahlreiche Selbstdreh-Gemeinschaften entstanden. Während der regulären Arbeitszeit übernimmt abwechselnd ein Mitglied des Kreises die Aufgabe, den täglichen Zigarettenbedarf für die Kollegen zu produzieren. Der abkommandierte Zigarettenmacher bekommt dafür in der Regel pro 100 Zigaretten fünf Stück als Belohnung.

Zur Zunft der Selbstdreher, der vor allem Rentner, Studenten, Arbeiter, Beamte, kleine Angestellte und südländische Gastarbeiter angehören, stießen in den letzten Jahren zahlreiche Intellektuelle. Nicht finanzielle Not veranlaßt die geistige Elite der Nation, ihren Zigaretten-Konsum aus dem Tabakbeutel zu decken, sondern »ihr starker Hang zum Individuellen« (Brinkmann-Marktforscher). Typischer Vertreter dieser Gruppe ist der Schriftsteller und SPD-Propagandist Günter Graß, der für seine private Zigarettenproduktion die Brinkmann-Marke »Schwarzer Krauser No. 1« bevorzugt.

Ob es zu einer anhaltenden Renaissance der Selbstgedrehten kommt, scheint den Brinkmann-Managern trotz jüngster Erfolge ("Unsere Garant-Einführungskassette reißt man uns förmlich aus den Händen") fraglich. Werbeleiter Hermann Reuscher: »Viele Raucher sind offenbar zu bequem, sich ihre Zigaretten selbst zu machen.«

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