Schwarzer Riese - DER SPIEGEL
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UMWELT Schwarzer Riese

Trotz heftiger Proteste darf der Thyssen-Konzern mit einem Superhochofen weiterhin den Schlaf Duisburger Bürger stören.
• aus DER SPIEGEL 13/1973
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Am Montagmorgen vergangener Woche zerknallten in einigen Wohnhäusern der Duisburg-Marxloher Vereinsstraße die Fensterscheiben mit lautem Getöse: Die Scherben regneten über gedeckte Frühstückstische. »Ich wär«, bekennt die Kiosk-Inhaberin Elisabeth Steimer, »vor Schreck beinahe aus dem Bett gefallen.«

Das Rentner-Ehepaar Anna und Paul Fohrmann Am Kiebitzberg 18 geht seitdem jeden Abend mit der Angst zu Bett, ein ähnlicher Knallteppich könne auch in der bevorstehenden Nacht wieder über die Wohnhäuser zischen. Anna Fohrmann: »Der Knall riß bei uns alle Türen auf. Ich habe noch nie einen solchen Schock bekommen.«

Die Schreckensnächte, die manche Anwohner nur mit Schlaftabletten und Watte in den Ohren ertrugen. begannen am 6. Februar 1973. Damals blies die Duisburger August Thyssen- Hütte, größter Stahltrust auf dem Kontinent, den größten Hochofen der westlichen Welt an. Die gigantenhafte Eisenschmelze (Volksmund: »Schwarzer Riese") war 1972 von dem Stahlkonzern für 400 Millionen Mark hingestellt worden und soll täglich 10 000 Tonnen Roheisen -- ein Drittel der Thyssen. Produktion -- ausspucken.

Die Stahlmanager hatten den etwa 5000 Duisburger Anrainern ihren Schwarzen Riesen als umweltfreundliche und moderne Anlage beschrieben. Noch am 7. Februar schwärmte die Essener »Neue Ruhr Zeitung« bei der Einweihung der Stahlküche per Schlagzeile: »Knisterte gemütlich wie ein Kaminfeuer.«

Schon wenige Tage später aber war aus dem Knistern ein infernalischer Dauerlärm geworden. Die von den Bürgern eilends alarmierten Prüfer des Duisburger Gewerbeaufsichtsamtes ermittelten: Statt dem von der Gewerbeaufsicht erlaubten Lärmpegel von 35 Phon erzeugte der Koloß bis zu

Phon -- achtmal mehr, als von der Gewerbeaufsicht toleriert. Denn zehn zusätzliche Phon bedeuten jeweils wieder eine Verdoppelung des Lärms. Ein solcher Dauerbeschuß aber kann nach Ansicht von Medizinern bereits zu Gesundheitsschäden führen. Das Gewerbeaufsichtsamt verfügte die Stillegung des Lärmproduzenten.

Trotz Bürgerprotesten, Gewerbeaufsicht und Auflagen der Stadtverwaltung aber darf das stählerne Monstrum laut Beschluß des Verwaltungsgerichts Düsseldorf vom vergangenen Donners-Lag weiterhin Krach schlagen und Staublawinen herauspusten: Vor Gericht hatte der Thyssen-Konzern Widerspruch gegen die Stillegungsverfügung eingelegt und über die Gewerbeaufsichtsbeamten obsiegt.

»Das ist eine Summation von Lärmquellen und nicht so einfach wie beim Auspuff eines Autos«, hatte Thyssen-Vorstand Hermann Brandi dem Verwaltungsgericht bedauernd vorgetragen. Mit dem Versprechen, alsbald etwas gegen Krach und Staub zu tun, erreichten Brandi und sein Vorstandskollege Karl-August Zimmermann, daß die 5000 Bewohner des Duisburger Stadtteils Marxloh auch weiterhin um ihre Fensterscheiben fürchten müssen.

Selbst nachts brauchen Thyssens Techniker die Produktion ihrer Stahlküche nicht zu drosseln. Einzige Bedingung: Innerhalb der nächsten zwei Monate müsse die Lautstärke der stählernen Anlage von 65 auf 55 Phon herabgesetzt werden -- ein Wert, der immer noch 300 Prozent über der Toleranzgrenze liegt.

Um den Dreck müssen sich die Stahlkocher auch weiterhin nicht sorgen. Dabei werden die von dem Hüttenkoloß ausgehusteten Staub- und Gestankswolken von den im Ruhrgebiet häufigen Westwinden direkt in die Wohnsiedlungen von Marxloh hineingeblasen.

Das großzügig angelegte Freibad Schwelgern, dem Ofen direkt gegenüber, liegt schon heute unter einer dicken Staubschicht. Im Luftraum über Duisburg wurde die höchste Konzentration der gesundheitsschädlichen Schwefeldioxidgase von allen deutschen Großstädten gemessen. Auf eine Beschwerde der Marxloher Familie Hille in der Kiebitzmühlenstraße erwiderte das Gewerbeaufsichtsamt bündig: »Diese Staubmengen müssen von uns allen, wollen wir eine leistungsfähige Industrienation bleiben, ertragen werden.«

»Das ist eine schleichende Enterbung und Entwertung unseres Eigentums«. entrüstete sich letzte Woche der Marxloher Tapeten-Händler August Schmidt, Initiator einer Bürgerinitiative gegen den Thyssen-Moloch ("Rettet Marxlob"). Seine Bedenken: Krach und Gestank des Stahlofens mindern laufend die Grundstückswerte in den betroffenen Gebieten. Thyssen zeige zudem schon jetzt durch Geländeaufkauf und neue Parkplatzanlagen die Absicht an. das ganze Marxloh-Viertel in sein Stahl-Revier einzugliedern.

Auch nach dem Düsseldorfer Gerichtsentscheid wollen Schmidt und seine Verbündeten mit Plakat-Aktionen und Demonstrationen den Kampf weiterführen. Resümierte der Bürgerrechtler: »Die haben uns einen weißen Riesen versprochen, und den wollen wir auch haben.«

Auch Duisburgs Stadtväter sehen in dem Stahl-Monster zusätzliche Gefahren für ihre schon heute oft vom Smog-Alarm geplagte Stadt. Demnächst nämlich droht Duisburg weitere Umweltgefahr durch eine neue petrochemische Riesenfabrik des Düsseldorfer Energiekonzerns Veba, Seine vor Duisburg im Rheinbogen von Orsoy geplante Chemikalienküche wird jährlich 6000 Tonnen Schwefeldioxid in den schon jetzt »bis an die Grenzen des Zumutbaren« (Oberstadtdirektor Ernst Caumanns) verschmutzten Duisburger Himmel blasen.

In dieser Woche soll die Düsseldorfer Landesregierung über das umstrittene Orsoy-Projekt entscheiden. Ruhrindustrielle zweifeln längst nicht mehr daran, daß die Regierung dem Konzern aufgrund früher gegebener Zusagen die Genehmigung erteilen wird: allen Bürgerprotesten zum Trotz.

Falls die Veba bauen darf, werden weitere Umweltverschmutzer beim Düsseldorfer Ministerium um Bauerlaubnis einkommen: Die Energiegesellschaft Steag will ein Kohle-Großkraftwerk mit täglich 600 Tonnen Schwefeldioxid-Ausstoß bauen, und der Ölkonzern Texaco möchte am westlichen Rheinufer bei Duisburg mit einer Großraffinerie starten. Stadtverwalter Caumanns: »Wenn wir so weitermachen, erstickt Duisburg in Abgasen.«

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