Schwarzwein - DER SPIEGEL
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Schwarzwein

• aus DER SPIEGEL 44/1947
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie der neue Wein ausfallen würde, konnte man vor Wochen noch nicht genau wissen. Auf alle Fälle aber hatte ihn das hessische Landwirtschaftsministerium, lange bevor er im Faß war und noch als mickrige Traube am Stock hing, bereits beschlagnahmt. 50 Prozent der Qualitätsweinernte des Rheingaus gehören der Besatzungsmacht

Der Rest ist Kompensation und Schweigen. Wenn man davon absehen will, daß nach einer Verfügung des embonpointierten Landwirtschaftsministers Karl Lorberg die übrigen anbaufähigen Weine in erster Linie für den Export bestimmt sind und Freigabe für Deutsche nur für kultische (Meßwein), soziale und politische Zwecke (Abgabe an politisch, rassisch oder religiös Verfolgte)« erfolgen darf. Um es jedoch nicht vollends mit den zungehängenden Normalverbrauchern- zu verderben, hat man ihnen immerhin ein Prozent zugestanden.

Dieser Herbst brachte keinen Jahrhundertwein: Die Sonne allein konnte es nicht schaffen. Allerdings: die Qualität liegt weit über der vergangener Normalernten: In den berühmten Lagen zwischen Hochheim und Rüdesheim beträgt das mengenmäßige Ergebnis ungefähr 70 Prozent eines Normalherbstes. Die Kellermeister werden noch graue Haare über diese Ernte bekommen. Denn ungewöhnlich hohe Mostgewichte und niedrige Säuregrade auszubalancieren, ist eine Aufgabe, über die mancher bemooste Frater Kellermeister schon in den Jahren 1911 und 1921 stolperte.

Das Wehklagen der Winzer schallt rheinauf und rheinab. Wer weniger als 4000 Liter Wein geerntet hat, darf 10 Prozent für sich verbrauchen. Ernten über diese Menge hinaus gehören nur zu 8 Prozent dem Erzeuger. Zum Trinken bleibt wenig übrig. Denn die ordnungsgemäß auf Markbeträge lautenden Rechnungen für Düngemittel, Faßholz, Kupfervitriol und Reifen können nur mit Wein bezahlt werden, sonst bleibt die Lieferung aus. Schon seit Jahren ist im Rheingau die Rede von der dritten Weinsorte: man muß nicht nur Weißwein

und Rotwein, sondern auch Schwarzwein keltern.

Auf der andern Rheinseite, zwischen, Wormser Liebfrauenmilch und Bacharacher Sonnenberg, liegen die Dinge etwas anders als im Rheingau. Der Herbst war gütemäßig gleich ausgezeichnet. Aber das Wehgeschrei der Winzer ist mehr das Wehklagen des um sein alkoholisches Kind kämpfenden Winzer - Vaters. Denn - so schrieben die Zeitungen - die Lese wird hier kreisweise zusammengefaßt, in Fässern bis zu 8000 Liter zusammengeschüttet und dann in Kesselwagen nach Frankreich transportiert, wo der Wein je nachdem zu scharfen Sachen gebrannt oder zu Düften wie »Sour de Paris« parfümisiert wird.

Deshalb sind auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Kreszenzen aufgehoben worden. Eine Gütekontrolle gibt es nicht mehr. Es nützt unter diesen Umständen dem Winzer nicht viel, wenn er, relativ glücklicher als sein Kollege im Rheingau, 15-20 Prozent seines Weins behalten darf. Es ist zum Weinen.

Dafür hat die Johann-Gutenberg-Universität in Mainz im Wintersemester ein Weinbaukolleg vorgesehen.

Nicht sehr zugkräftig

Dein Erzeuger bleiben 8 Prozent

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