Schweizer Garde - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Schweizer Garde

Der Schweizer Bundesanwalt soll Lübecker Kriminalbeamte daran hindern, ihre Ermittlungen gegen den Steuerabschreibungskünstler Dr. Horst Murmann fortzusetzen.
• aus DER SPIEGEL 26/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die reiselustigen Lübecker Kriminalhauptmeister Wolfgang Wilcken und Wolfgang Thiele in den nächsten Wochen die Schweizer Grenze passieren, sollen sie verhaftet werden.

So steht es in einer Anzeige, die der Zürcher Rechtsanwalt Manfred Kuhn an den Chef der höchsten eidgenössischen Fahndungsbehörde, Bundesanwalt Professor Hans Walder, richtete. Der draufgängerische Advokat -- nach eigener Personenbeschreibung »Spezialist in Fragen des Nachrichtendienstes« -verunsichert mit dieser Störaktion deutsche und eidgenössische Justizbehörden.

Vor allem will Kuhn die scharfen Lübecker Kriminalbeamten daran hindern, weiter nach 22 Millionen Mark zu bohren, die im Schweizer Untergrund und im Orkus dubioser Briefkastenfirmen verschwunden sind.

Der Schatz gehörte einst 800 steuermüden deutschen Spitzenverdienern, die nichts Besseres damit anzufangen wußten, als ihn in kleinen Stücken dem Lübecker Kaufmann Dr. Horst W. Murmann, 40, zu übertragen. Obwohl in mehreren redlichen Führungspositionen gescheitert, galt der Waffenfabrikanten-Sohn eine Weile als Finanzgenie.

Seine Holding »Mistral Schiffahrts- und Verwaltungsgesellschaft«, eine vielköpfige Firmenhydra, zeugte fünf Beteiligungsgesellschaften, die unter Ausnutzung der Steuerbegünstigungen Tanker und Frachter bauen lassen wollte. Als Finanziers wurden die 800 ahnungslosen Kommanditisten angeworben.

Die ihm anvertrauten Millionen investierte Murmann dann jedoch lieber in Spekulationsobjekte wie Bauland auf Teneriffa. Zur Verschleierung seiner Transaktionen heckte er Firmen über Firmen.

Als der wacklige Mistral-Kartenhauskonzern im Frühjahr 1972 zusammenbrach, war auch der Verschachtelungskünstler am Ende seiner Kräfte. Im Untersuchungsgefängnis schien er so deprimiert zu sein, daß seine Wächter Selbstmordabsichten befürchteten.

Der prominente Psychiater Professor Bürger-Prinz nahm sich seiner an. Murmann wurde zur Beobachtung in die Hamburger Universitätsklinik eingewiesen, wo er wie ein Privilegierter behandelt wurde. Der angeblich Nervenschwache hielt lange geschäftliche Konferenzen ab und konnte über das unkontrollierte Telephon die Weichen für die Verdunklung seines Falles stellen.

Als ein anonymer Anrufer der Staatsanwaltschaft meldete, der unter dringendem Tatverdacht der Untreue stehende Untersuchungshäftling spaziere fidel in Hamburg herum -- Bürger-Prinz gewährte ihm Ausgang -, holte ihn die Lübecker Justiz in die Marzipanstadt zurück.

Um ihn unter Kontrolle halten zu können, steckte sie den labilen Millionen-Jongleur in die Psychiatrische Klinik der Medizinischen Akademie Lübeck (MAL).

Wie einer der elf Anwälte des Kapitalsammlers jüngst im noblen Gartenhotel Ermitage am Zürichsee vergnügt ausplauderte, war die geschlossene Männerabteilung der MAL keine triste Schlangengrube: »Das Pflegepersonal bestand hauptsächlich aus Wehrdienstverweigerern, die sich ihren Ersatzdienst leicht machten. Unser Mandant stellte ihnen Flaschen mit Whisky hin.«

Das erleichterte ihm den Aufenthalt. Neurosen-Murmann konnte Kontakte nach draußen knüpfen -- bis in die Unterwelt von Hamburg-St.-Pauli. Beziehungsreiche Freunde stöberten auf der Reeperbahn mehrere Fachmänner für harte Stähle auf, nachdem der Eingeschlossene von Lübeck für die Beseitigung des störenden Gitters vor seiner Klause 10 000 Mark Prämie garantiert hatte.

Am 19. Januar verabschiedete sich Murmann schon gegen 21 Uhr von seinen vor dem Fernsehschirm sitzenden Pflegern: »Ich bin müde, ich gehe schlafen.« Die Wärter schlossen ihren Lieblingspatienten ein, sahen sich weiter die Ganovenjagdsendung des ZDF-Hilfssheriffs Eduard Zimmermann an und öffneten die Klausentür erst nach zwölf Stunden.

Während Volkskriminalist Zimmermann seinem Publikum Steckbriefdaten anderer Bösewichter einschärfte, hatte der angeworbene St.-Pauli-Stoßtrupp das unschöne Gitter im MAL-Haus fünf mit Bolzenschneidern geknackt und den Insassen aus dem Verlies gezogen.

Der Anführer der Eisenbeißer, Kellner Hans-Jürgen Haase, der sich auch auf das Mixen von Pässen verstand, chauffierte ihn nach Grenoble, wo Murmann unter dem schlichten Namen Peter Schuster im Hotel Gambetta untertauchte.

Nach einigen Tagen der Besinnung mietete er von der Leihwagenfirma Hertz einen Peugeot, mit dem er sich der Schweizer Grenze näherte. Als er das Mietauto termingerecht in einem Wintersport-Ort zurückgab, nahmen ihn französische Polizisten fest, Interpol hatte alle Hertz-Stationen in den Savoyer Alpen alarmiert.

Die Franzosen beköstigten den deutschen Gasthäftling Horst Murmann bis Mitte Mai und schoben ihn dann als Verschlußsache bei Kehl über den Rhein ab. Inzwischen hatten die rührigen Hilfsbeamten der Lübecker Staatsanwaltschaft die Ermittlungsakten um viele Seiten Belastungsmaterial erweitert. Aufschlußreiche Papiere fischten sie im Kilchberg am Zürichsee, wo der Mistral-Chef eine Zweigniederlassung unterhielt.

Der für die Murmann-Oase zuständige Bezirksanwalt Hans Schulthess in Horgen ließ den deutschen Kriminalpolizisten bei der Durchsuchung freie Hand. Sie durften alle dubiosen Schriftstücke, die auf Unterschleife und schräge Geschäfte hindeuteten, in ihrem Hotelzimmer photokopieren.

Auch die Zürcher Staatsanwaltschaft half den deutschen Kollegen im Kampf gegen die üppig wuchernde Wirtschaftskriminalität. Sie schickte sogar einen Kantonpolizisten in die Transitbank mit dem Auftrag, alle Unterlagen über die Konten, die Murmann dort unterhielt, zu beschlagnahmen.

Die Kontoauszüge hätten wichtige Hinweise über den Verbleib der verschwundenen 22 Millionen Mark und die undurchsichtigen Geldmanöver geliefert. Doch der Geschäftsführer des Geldinstituts alarmierte sofort einen Anwalt, der zur juristischen Garde seines Großkunden Murmann gehört und die Beschlagnahme zu verhindern verstand.

Als der Polizist abzog, wurden die inkriminierten Kontenbelege schnell in ein geheimes Asyl verlagert. Alle weiteren Ermittlungen in der Schweiz wollen Murmanns juristische Abschirmer jetzt durch ihre Anzeige an den Bundesanwalt Dr. Hans Walder abblocken.

Sie behaupten kühn, die in Kilchberg photokopierten Geschäftsakten würden nicht nur für die Verfolgung krimineller Straftaten verwendet, sondern auch von der deutschen Steuerfahndung ausgeschlachtet, wie durch eine Veröffentlichung der Illustrierten »Stern« bekanntgeworden sei.

Die Bezirksanwaltschaft Horgen und die Staatsanwaltschaft Zürich sowie die deutschen Beamten werden beschuldigt, »wirtschaftlichen Nachrichtendienst« begangen zu haben, »in der Tatform der Anstiftung, der Gehilfenschaft und der Mittäterschaft«.

Als wirtschaftlicher Nachrichtendienst gilt die Beschaffung Von Informationen über ein Geschäftsgeheimnis (auch Steuergeheimnis), »an deren Geheimhaltung gegenüber dem Ausland vom schweizerischen Standpunkt ein schutzwürdiges Interesse besteht«, so heißt es im Kommentar zum Artikel 273 des Schweizerischen Strafgesetzbuches.

Er schützt internationale Steuersünder, die in der Schweiz Kapitalumschlagstellen unterhalten, und droht Steuerfahndern und Schnüfflern Gefängnis bis zu drei Jahren an. In schweren Fällen wird »wirtschaftlicher Nachrichtendienst« sogar mit Zuchthaus bis zu 20 Jahren bestraft.

Obwohl der Lübecker Oberstaatsanwalt Joachim Böttcher versichert: »Nach dem offiziellen Rechtshilfeabkommen dürfen wir der Steuerfahndung keinen Einblick in die Schweizer Unterlagen gewähren, wir halten uns strikt daran«, meiden die Fernaufklärer Wilcken und Thiele vorläufig die Schweiz wegen des Sicherheitsrisikos.

Das bedeutet Zeitgewinn für Murmann und seine Freunde. Aber eine Gelegenheit, nochmals zu fliehen, wird es für den Häftling kaum geben. Seit vier Wochen bewohnt er eine streng behütete Zelle der Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof. Wegen seiner Neurosen kann er sich nur noch ambulant versorgen lassen.

Trotz dieser Einschränkung ist sein Zürcher Anwalt um die Gesundheit des Untersuchungshäftlings nicht besorgt: »Murmanns Vitalität ist ungebrochen.«

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