Schweizer Milliardenspiel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 93

MANAGER Schweizer Milliardenspiel

Der Versicherer Swiss Life versteckt gewaltige Risiken in seiner Bilanz. Das gefährdet auch das Vermögen des umtriebigen Unternehmers Carsten Maschmeyer.
• aus DER SPIEGEL 14/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Carsten Maschmeyer, 49, der Gründer des Finanzvertriebs AWD, gilt als König der Klinkenputzer. Seit er mit der Schauspielerin Veronica Ferres liiert ist, wissen auch Leser von Boulevardblättern alles über ihn. »Er trinkt kaum Alkohol, trinkt grünen Tee, isst Cashew-Nüsse«, recherchierte die »Bunte« und lobte seine »schlossartige Villa« mit den »hallenartigen Räumen und dem parkartigen Garten«.

»Ihr Neuer ist jetzt frei für sie«, titelte die »Bild«-Zeitung im Februar, nachdem Maschmeyer sich von seiner Frau hatte scheiden lassen. »Zwei große Ungeliebte haben sich gefunden«, fand der »Stern« vergangene Woche und sah den Manager nun endgültig angekommen in der irgendwie feineren Gesellschaft. Meist findet sich dann noch der dezente Hinweis, dass Maschmeyer etwa eine halbe Milliarde Euro Vermögen angehäuft habe und mit der Ferres »auf Augenhöhe« unterwegs sei.

Das Geld hat der Mann durch den Verkauf seiner AWD-Aktien an den Schweizer Versicherer Swiss Life verdient. Nun versucht der ehemalige Medizinstudent, nicht nur die Ferres, sondern auch den Schweizer Konzern zu erobern: Er kaufte mindestens acht Prozent der Swiss-Life-Aktien und soll im Mai in deren Verwaltungsrat gewählt werden.

Doch der Aufstieg ins eidgenössische Establishment könnte teuer werden. Die ehemalige Schweizerische Rentenanstalt hat zwar eine große Tradition; sie hat in der Schweiz einen Marktanteil von 30 Prozent und erzielt auch in Deutschland Prämieneinnahmen in Milliardenhöhe. Aber in ihrer Bilanz schlummern gewaltige und bislang unterschätzte Milliardenrisiken.

Weil die Zinsen in der Schweiz besonders niedrig waren, investierten die Schweizer aggressiv in Hedgefonds und höher verzinste Unternehmensanleihen. Schon die offiziellen Zahlen zeigen das Desaster.

Swiss-Life-Chef Bruno Pfister räumte vergangene Woche Wertberichtigungen in Höhe von 2,7 Milliarden Euro ein. Nur durch den Verkauf einer Bank und zweier Tochtergesellschaften zauberte er noch einen kleinen Gewinn herbei.

Doch tief verborgen im Anhang des Finanzberichts findet sich weit Riskanteres: Zum 1. Juli 2008 wurden Unternehmensanleihen mit einem damaligen Wert von knapp 15 Milliarden Franken zu »Darlehen« umdeklariert.

Hintergrund der Aktion: Damit müssen die Anleihen nicht mehr bilanzwirksam auf den Marktwert abgeschrieben werden, der bis zum Jahresende bei vielen dieser Werte massiv gefallen ist. Ohne die Umetikettierung wäre die kümmerliche Eigenkapitaldecke von 4,4 Milliarden Euro um eine Milliarde Euro geschrumpft, bestätigt ein Sprecher von Swiss Life.

Es war der akuten weltweiten Finanzkrise geschuldet, dass das zuständige eidgenössische Bundesamt für Privatversicherungen den Umwidmungen zustimmte. Zugleich verlangten die Beamten aber einen schnellen Abbau der Risiken.

Zurzeit gebe es »außerhalb der regulären Gespräche mit der Aufsicht keinen erhöhten Diskussionsbedarf«, heißt es dazu bei Swiss Life. Doch die Dimension der Risiken erschreckt Versicherungsfachleute.

Nach der UBS und dem einst weltgrößten Rückversicherer Swiss Re könnte mit der Swiss Life eine weitere Schweizer Institution an den Rand des Abgrunds geraten. »Da tickt eine Zeitbombe«, sagt Versicherungsanalyst Marco Metzler vom Deutschen Finanz-Service Institut DFSI.

Die sogenannten Darlehen werden im Anhang des Finanzberichts mit insgesamt 22,3 Milliarden Euro angegeben. Zudem hat der Versicherer noch sogenannte Nachranganleihen von Banken im Wert von 620 Millionen Euro gezeichnet. Deren Marktwert sackt immer weiter ab.

Hinzu kommen atmosphärische Schwierigkeiten mit dem Manager aus Hannover. Es sei schon »faszinierend, einen Milliardär als Angestellten zu haben«, stöhnte Swiss-Life-Chef Pfister vor Analysten. Maschmeyer hatte einst als Vorstandschef des AWD 27 Prozent der Aktien des Heidelberger Konkurrenten MLP gekauft. Dann zwang er die Schweizer, ihm das Paket abzukaufen. Die mussten die MLP-Aktien wenige Monate später um gut 100 Millionen Euro wertberichtigen.

Vergangene Woche kündigte Swiss Life an, einen Teil der MLP-Aktien an den hannoverschen Talanx-Konzern weiterzureichen. Vermittler bei diesem Deal sei sein Geschäftsfreund Maschmeyer gewesen, sagt Talanx-Chef Herbert Haas. Zudem übernimmt die drittgrößte Versicherungsgruppe in Deutschland (HDI, Hannover Rück) 9,9 Prozent der Swiss- Life-Aktien. Mit im Spiel ist auch die Deutsche Bank, die im März eine Beteiligung von gut sechs Prozent an der Schweizer Versicherung bekanntgegeben hat. Seit die Deutsche Bank den AWD aufs Börsenparkett schob, pflegt sie enge Kontakte zu dem Mann aus Hannover.

Maschmeyer sagt, dass er künftig als Trüffelschwein für die Versicherung unterwegs sein wolle. Doch um seine Investitionen zu retten, muss er wohl eher den harten Hund im Verwaltungsrat spielen. Sollte der Schweizer Staat gezwungen sein, die größte Schweizer Lebensversicherung zu retten, wäre Maschmeyers Einsatz perdu. CHRISTOPH PAULY

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 93