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Ökologie Schwer berechenbar

Wissenschaftler warnen: Bonn fördert die falschen Umwelttechnologien.
• aus DER SPIEGEL 33/1994
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Der große Durchbruch für die Umwelt gelang mitten in der Rezession. Neue, strenge Öko-Auflagen schienen der Wirtschaft Ende der Achtziger nicht zumutbar, da setzten die holländischen Umweltpolitiker auf freiwillige Verpflichtungen für die Industrie.

Gemeinsam mit Politikern und Wissenschaftlern entwickelten die Unternehmer einen langfristig angelegten Nationalen Umweltplan. Die Wirkung war erstaunlich: Die holländischen Betriebe investierten verstärkt in zukunftweisende Öko-Technologien.

Die Notlösung aus dem Nachbarland könnte auch Modell für die Bundesrepublik werden. Zu diesem Schluß kommt das Büro für Technikfolgen-Abschätzung des deutschen Bundestages (TAB). Es hat im Auftrag des Forschungsausschusses die Bedeutung der Zukunftsbranche Umwelttechnik für den Standort Deutschland untersuchen lassen. Die Ergebnisse werden Ende des Monats vorgestellt.

Fünf Institute, darunter das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, befragten rund 5000 Unternehmer über ihre Investitionspläne. Sie untersuchten, wie sich Förderprogramme, Öko-Steuern und Umweltgesetze in anderen Industrieländern bewährt haben; und sie prüften, was sich bislang in Deutschland günstig für die junge Öko-Branche ausgewirkt hat.

Das wichtigste Ergebnis: Die Bonner Umweltpolitik hat, so die Gutachter, bislang meist die falschen Öko-Technologien gefördert - zu Lasten der Natur und wohl auch zum Nachteil der deutschen Industrie.

Unter Fachleuten ist unbestritten, daß eigentlich die sogenannten integrierten Umwelttechnologien ökologisch und ökonomisch anderen Verfahren überlegen sind. Produktionsanlagen, die bestimmte Schadstoffe gar nicht erst anfallen lassen, oder Maschinen, die mit besonders wenig Energie auskommen, vermeiden Umweltschäden von vornherein.

Abgasfilter oder Kläranlagen können dagegen Umweltlasten nicht verhindern, sondern nur verschieben. Abfälle und Giftstoffe müssen trotzdem gelagert und meist auch kontrolliert werden. Bei der Aufbereitung und beim Transport des Mülls werden zudem Energie und Rohstoffe verschwendet.

Der Vorsorge-Umweltschutz ist zudem wirtschaftlicher. Zwar können sich kurzfristig auch Vorschriften und Fördermittel für die klassischen Reinigungs- und Filtertechniken günstig auswirken: In den ausrüstenden Betrieben entstehen zusätzliche Arbeitsplätze, viele Öko-Technologien lassen sich exportieren.

Auf Dauer aber, betonen die Gutachter, hätten Vorsorge-Technologien mehr Zukunft. Nur so könnten Betriebe mit der Umorientierung gleichzeitig ihre Produktivität steigern. Wer hingegen Filter oder Kläranlagen kaufen muß, hat stets zusätzliche Kosten, ohne daß der Umsatz steigt.

Dennoch haben in der Vergangenheit ausgerechnet die Nachsorge-Technologien an Bedeutung gewonnen. Nach einer Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung gehörten 1983 noch rund 75 Prozent der Umweltschutzinvestitionen der Industrie zur Reparaturtechnik, 1989 lag der Anteil schon bei 82 Prozent.

Schuld daran, klagen die Wissenschaftler, ist vor allem die Politik. Viele Förderprogramme sind einseitig auf die Nachsorge-Technologien zugeschnitten. Wer eine Anlage für Abwasser-Aufbereitung installiert, hat mehr Aussichten auf Subventionen als ein Betrieb, der mit einer modernen Anlage erst gar kein Schmutzwasser produziert.

Auch das Bonner Hickhack um Öko-Standards und Auflagen verhindert offenbar Langzeitinvestitionen. Vielen Unternehmern erscheint die Umweltpolitik schwer berechenbar. Das begünstigt den Einsatz von Nachsorge-Technik: Ein Filter läßt sich im nachhinein schnell einbauen. Die Produktion nach Umweltkriterien umzustellen dauert Jahre.

Für noch mehr Kurzatmigkeit sorgt das Regulierungschaos in der Umweltpolitik. Schon heute lassen über tausend Gesetze und Verordnungen manchen Mittelständler verzagen, ständige Nachbesserungen machen den Wirrwarr perfekt. »Die Betriebe wollen vor allem Planungssicherheit«, weiß Siegmar Mosdorf, Chef der Standort-Deutschland-Kommission der SPD-Fraktion im Bundestag. Mit Ideen-Börsen für Öko-Betriebe will er den Austausch in der Branche und mit der Politik vorantreiben.

Dafür empfehlen die Bonner TAB-Experten das holländische Modell. Schließlich scheint im Nachbarland genau das zu klappen, was in Deutschland vermißt wird: Weil Politiker, Umweltgruppen und Wirtschaftsverbände gemeinsam Langzeitziele festlegen, gilt die Politik als berechenbar.

Die Wissenschaftler haben allerdings auch festgestellt, daß eine vernünftige Umweltpolitik allein nicht reicht. Genauso wichtig ist, sie richtig zu verkaufen.

Auch da haben die Deutschen anscheinend noch einiges zu lernen, denn hierzulande jammern offenbar viele Unternehmer zu Unrecht über hohe Umweltkosten. Zwischen dem »objektiv gegebenen Belastungsgrad und den von Unternehmen subjektiv empfundenen Belastungen« bestehen, fanden die Wissenschaftler, »große Diskrepanzen«. Y

Bonner Hickhack verhindert Langzeitinvestitionen

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__66b Marktentwicklung im Bereich Umwelttechnik u.

_____ Umweltdienstleistungen

__67_ Europas Markt für Umweltgüter u. Umweltdienstleistungen (1992)

[GrafiktextEnde]

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