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Machtwechsel bei Daimler-Benz: Chef Breitschwerdt tritt vorzeitig ab. *
• aus DER SPIEGEL 29/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Mann, der leicht Abschied nehmen kann, war Daimler-Benz-Chef Werner Breitschwerdt sein ganzes Berufsleben lang nicht. 34 Jahre arbeitete er bei dem Stuttgarter Automobilunternehmen, und es sollten, wäre es allein nach ihm gegangen, noch einige hinzukommen.

Daraus wird nun nichts. Für den 22. Juli hat Alfred Herrhausen, Sprecher der Deutschen Bank und Aufsichtsratsvorsitzender bei Daimler, Vorstand und Aufsichtsrat zu einer Sondersitzung nach Stuttgart einberufen.

Danach wird der Öffentlichkeit mitgeteilt, daß Professor Werner Breitschwerdt den Aufsichtsrat ersucht hat, ihn mit seinem 60. Geburtstag, am 23.

September, aus seinem Vertrag zu entlassen. Das soll, wie üblich, ein freiwilliger Abgang sein.

Breitschwerdts Vertrag wäre Ende 1988 ausgelaufen. Die Aussicht, daß Herrhausen ihm einen neuen Vertrag ausfertigen würde, war gleich null. So bot sich ein einigermaßen ehrenvoller Abschied zum Sechzigsten an.

Mit Breitschwerdts Abgang wird der attraktivste Führungsposten in der deutschen Industrie frei. Alfred Herrhausen ein Mann, der gern langfristig plant, hat sich bereits für die beiden nächsten Nachfolger entschieden.

Auf Breitschwerdt wird zunächst jener Mann folgen, den Herrhausen selbst erst im März zum Stellvertreter des Chefs gemacht hat: Edzard Reuter, der Finanzchef des Konzerns.

Auf den auch schon 59jährigen Reuter wird in fünf Jahren ein Seiteneinsteiger folgen: Helmut Werner, 50, gegenwärtig noch Chef der Hannoveraner Reifenfirma Continental. Werner wird sich auf einem wichtigen Vorstandsposten bei dem Stuttgarter Konzern einarbeiten.

Mit dem Personal-Paket, das bis zum 22. Juli geheim bleiben sollte, zog Herrhausen die Konsequenzen aus einer Führungskrise, die seit der Berufung Breitschwerdts bei Deutschlands größtem und angesehensten Konzern schwelte.

Er korrigiert damit jene Entscheidungen, die sein Vorgänger bei der Deutschen Bank und im Daimler-Aufsichtsrat, Wilfried Guth, in dem Untertürkheimer Unternehmen getroffen hat.

Als der erste Mann des Automobilkonzerns, Gerhard Prinz, 1983 plötzlich starb, stand Finanzchef Reuter zur Nachfolge bereit. Doch Reuter, Sohn des ehemaligen Berliner Bürgermeisters war Sozialdemokrat - so einen wollten die konservativen Geldmanager nicht an der Spitze ihres feinsten Unternehmens sehen.

Die Wahl fiel auf Breitschwerdt, den Entwicklungschef, und damit war für anhaltenden Streit im Hause Daimler-Benz gesorgt.

Der eher scheue, rhetorisch unbegabte Techniker hatte sichtlich Mühe, die Firma nach außen zu repräsentieren und im Inneren zu organisieren. Von Anfang an machte er schwere taktische Fehler.

Er verbündete sich nicht mit den beiden starken Vorstandskollegen, dem Produktionsmann Werner Niefer und dem Finanzexperten Reuter. Statt dessen suchte er Anlehnung bei den schwächeren Kollegen.

Niefer und Reuter bestimmten unterdes die Geschicke des Unternehmens. Sie fädelten den Kauf von MTU Dornier und AEG ein; Breitschwerdt erschien erst zur Vertragsunterzeichnung.

Während dieser Zeit profilierte sich Reuter als Konzern-Stratege. Von Breitschwerdt blieb das Bild eines Technikers haften, der besonders viel von Kurbel- und Kardanwellen versteht.

Daimler-Benz wurde durch die Aufkäufe zum größten Industriekonzern, der Waschmaschinen und Turbinen, Radargeräte und Satelliten herstellt. Doch Breitschwerdt wollte das Unternehmen weiterführen wie einen schwäbischen Automobilproduzenten.

Reuter und Niefer bestanden auf einer neuen Organisation. Sie wollten den Vorstand, bis dahin nach Funktionen (wie Entwicklung, Produktion, Vertrieb) gegliedert, in eigenständige Divisionen (wie Automobile, Luft- und Raumfahrt) unterteilen. Breitschwerdt wollte alles so belassen, wie es in den guten alten Daimler-Zeiten war.

Spätestens bei dieser Auseinandersetzung mußte der industrieerfahrene Aufsichtsratschef Herrhausen einsehen, daß Breitschwerdt wohl kaum die richtigen Vorstellungen über die Leitung eines solchen Industrie-Konglomerats hat.

Möglichst leise und ohne Aufsehen, wie es nun mal die Art der Bankiers ist, wollte er das Problem lösen. Er verordnete dem Konzern als Kompromiß eine Führungsstruktur mit Divisionen (Pkw, Lkw. AEG, MTU und Dornier) und Funktionen (Finanzen, Vertrieb, Personal Technik und Materialwirtschaft).

So wurde der schöne Schein gewahrt. Weder die Fraktion Reuter/Niefer noch Breitschwerdt und seine Truppe hatten sich durchgesetzt. Tatsächlich aber hatte Herrhausen mit dieser Reform das Kräfte-Parallelogramm bereits korrigiert.

Niefer steuert seit Anfang des Jahres alleinverantwortlich das Pkw-Geschäft, von dessen Gewinnen die Ertragskraft des gesamten Konzerns abhängt. Innerhalb des Vorstands wurde überdies ein »Struktur- und Synergieausschuß« eingerichtet, in dem das »Jahrhundertwerk« (Herrhausen) erledigt werden soll: die schnell zusammengekauften Unternehmen zu einem Technologie-Konzern zu verbinden.

Breitschwerdt ist in diesem Gremium nicht vertreten. Dafür aber Edzard Reuter, der den Vorsitz führt. Herrhausen ist die Arbeit dieses Gremiums so wichtig, daß er sich davon direkt berichten läßt.

Damit die Demontage des Werner Breitschwerdt nicht allzu offensichtlich wurde, bekam der Vorstandsvorsitzende die Posten des Aufsichtsratschefs bei den neuen Töchtern AEG, MTU und Dornier.

Doch auch nach dieser Reform an der Spitze kehrte im Hause Daimler keine Ruhe ein. Die Sticheleien und Rangeleien gingen weiter, wurden gern auch über die Medien ausgetragen.

Im März dieses Jahres war es dann soweit, Herrhausen bereitete den Wechsel an der Daimler-Spitze vor: Erstmals wurde mit Reuter ein Stellvertreter des Vorsitzenden ernannt. Breitschwerdt und sein getreuer Genz, der Personalvorstand, hatten vergeblich argumentiert, ein Stellvertreter sei nicht nötig.

Für Herrhausen war der anvisierte Wechsel bei Mercedes mit einigen Schwierigkeiten im eigenen Hause verbunden.

Schließlich hatte sein eigener Aufsichtsratschef, Wilfried Guth, seinerzeit die Personalentscheidung Breitschwerdt getroffen. Und den Aufseher Guth darf Herrhausen nicht verprellen: Der muß in Kürze darüber entscheiden, ob Herrhausen zukünftig alleiniger Sprecher der Deutschen Bank wird; oder ob der

machtbewußte Herrhausen sich diese Aufgabe wie bisher mit einem Vorstandskollegen teilen muß.

Herrhausen hat ein Argument parat das Guth hilft, das Gesicht zu wahren. Seinerzeit, als Guth den Auto-Konstrukteur Breitschwerdt berief, sei Daimler-Benz noch eine reine Auto-Firma gewesen. Nun, als Technik-Konzern, brauche Daimler-Benz eine andere Führung.

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