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GLASINDUSTRIE Schwere Fehler

Während kleinere Wettbewerber gute Geschäfte machten, gerieten die Marktführer der Flaschenindustrie in die roten Zahlen. Drastische Schrumpfung soll aus der Krise helfen.
• aus DER SPIEGEL 37/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Uwe Klimant, Vorstandsmitglied der Gerresheimer Glas AG, läßt sich von kleineren Konkurrenten nicht bange machen. »Die glaubten zwar«, argwöhnt der Manager des größten deutschen Flaschenherstellers, »sie könnten uns in die Knie zwingen. Doch die Zeiten sind vorbei.«

Es ist allerdings noch nicht lange her, da versetzten mittelständische Familienbetriebe die Branchenriesen in Angst und Schrecken. Während die kleinen Glashütten von 1977 an ständig neue Absatzrekorde erzielten, rutschten der Marktführer Gerresheimer Glas (Umsatz 1978: 750 Millionen Mark) und sein schärfster Mitbewerber, die Veba-Glas AG (Umsatz: 480 Millionen Mark), immer tiefer in die roten Zahlen.

»Glas«, klagte Veba-Konzernchef Rudolf von Bennigsen-Foerder, »ist unser größtes Sorgenkind.«

Das Sorgenkind brachte dem Veba-Konzern in den beiden letzten Geschäftsjahren einen Verlust von 52,4 Millionen Mark ein. Die Gerresheimer mußten 1977 und 1978 insgesamt 41,2 Millionen Mark draufzahlen.

Das schlechte Ergebnis können die beiden Großproduzenten nicht allein den Unwägbarkeiten eines schwierigen Marktes zuschreiben. »Die haben«, weiß auch der Geschäftsführer des Bundesverbandes Glasindustrie? Albrecht Schulte-Frohlinde, »vor allem in der Preispolitik schwere Fehler gemacht.«

Fast widerstandslos ließen sich Gerresheim und Veba von wendigen Familienbetrieben wie der Firma Tettauer Glashüttenwerke in Oberfranken oder der Oberlandglas GmbH im schwäbischen Bad Wurzach in die Enge treiben. Dabei wäre es für die beiden Konzerne mit ihren Marktanteilen von 32 und 23 Prozent vor Jahren noch ein leichtes gewesen, die lästige Konkurrenz mit Niedrigpreisen auszubooten.

Statt dessen ließen sich die Glaskonzerne auf eine Machtprobe mit den kleinen Anbietern ein, die zusammen gerade gut 20 Prozent Marktanteil erreichen. Zur Überraschung der Fachleute gingen die Kleinen aus der Provinz aus diesem Wettbewerb als Sieger hervor.

Als Deutschlands Brauereien und Spirituosen-Hersteller von 1977 an erstmals seit dem Krieg weniger Flaschen einkauften, bekamen das vor allem die großen Anbieter, die kaum auf andere Produkte ausweichen konnten, zu spüren. Zudem verloren sie Aufträge an die florierende Konkurrenz, weil die kleinen Glasschmelzen vor allem bei den Preisen in der umsatzstärksten Sparte (Wein-, Bier- und Spirituosenflaschen) stets um zwei bis drei Prozent günstiger lagen.

Für viele der Fabriken, die Jahre vorher noch im Schatten der beiden Großen ums Überleben gekämpft hatten, brachen damit erfreuliche Zeiten an. Da sie kostengünstiger produzieren konnten, überholten sie die mächtigeren Konkurrenten schon bald auch in der Technik. Mit ihren ansehnlichen Gewinnen konnten sie es sich sogar leisten, ihren zum Teil völlig veralteten Maschinenpark durch modernste Anlagen zu ersetzen.

Schon längst machten Gerresheim und Veba-Glas inzwischen Verluste. Neben den kleinen Hütten hatten von Mitte 1978 an auch Billig-Anbieter aus der DDR und anderen Ostblockstaaten die Glaspreise ins Rutschen gebracht. Für die Weinflasche waren statt 21 nur noch 13 Pfennig zu erzielen, der Preis für die Einwegbierflasche lag zur gleichen Zeit etwa 3,5 Pfennig unter den Herstellungskosten.

Rechtzeitig vor dem Preissturz hatten die kleineren Firmen erneut bewiesen, wie rasch sie auf eine veränderte Marktlage reagieren können: Sie stellten ihre Maschinen auf die Produktion von Kleinglas (Parfum- und Arzneimittelflaschen) und auf Sortimentsflaschen für regionale Getränkeanbieter um. Mit diesen Spezialflaschen in kleineren Stückzahlen wird auch heute noch eine durchschnittliche Umsatzrendite von sieben bis acht Prozent erzielt.

Die auf die Massenproduktion angewiesenen Konzerne sackten hingegen immer tiefer in die Krise. »Für uns«, klagte unlängst Veba-Chef von Bennigsen-Foerder, »begann das Jahr 1979 mit einem dramatischen Erlöseinbruch.« Nicht anders erging es den Gerresheimern.

Drastische Sanierungsprogramme sollen nun den beiden Glasgiganten aus der Krise helfen. Und für neue Programme werden neue Leute gebraucht: Bereits vor Monaten übertrug der US-Verpackungskonzern Owens-Illinois, der mit 80 Prozent des Kapitals Gerresheimer Glas dirigiert, dem 44jährigen Uwe Klimant die Verantwortung für die Sparte Glas. Fast zur gleichen Zeit besetzte auch Konzernchef von Bennigsen-Foerder den Vorstand der Veba-Glas neu.

Erst kurz im Amt, verordneten die neuen Manager den beiden Unternehmen eine einschneidende Schrumpfkur. So ließ Klimant mittlerweile eine marode Glasfabrik in Heilbronn schließen und in allen übrigen Werken den Flaschenausstoß drosseln. Durch den Verkauf von 110 Werkswohnungen und eines Karton-Werkes verschaffte er dem Unternehmen mit 55 Millionen Mark dringend benötigte Liquidität.

Abspecken muß auch die Veba. im Werk Rheinahr nördlich von Koblenz will das Unternehmen rund 200 Mann entlassen. Auch im Stammwerk in Essen-Karnap wird nicht alles beim alten bleiben. Der neue Vorstandschef der Veba-Glas, Hans-Jürgen Knauer, hat bereits Rationalisierungspläne auf dem Schreibtisch.

Bis Ende dieses Jahres wollen Klimant und Knauer die Überkapazitäten in ihren Unternehmen, insgesamt rund 160 000 Tonnen, abgebaut haben. »Ich hoffe«, gab sich Klimant letzte Woche selbstbewußt, »daß die Großen bis dahin auch wieder in die Rolle von Marktführern hineingewachsen sind.«

Den Sanierern scheint Hilfe von prominenter Seite sicher. Bundesinnenminister Gerhart Baum will mit einer Änderung des Abfallbeseitigungs-Gesetzes erzwingen, daß Milch und andere Getränke statt wie bisher in Papp- und Kunststoff-Tüten wieder auf Flaschen abgefüllt werden. Der dann ruckartig wachsende Bedarf an Massenflaschen aber käme vor allem Gerresheim und Veba zugute.

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