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Banken Schwere Zeiten

Angst geht um im Schweizer Geldgewerbe: Auslandskunden bleiben weg, im Inland drücken hohe Kosten.
• aus DER SPIEGEL 2/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Südamerikaner fiel den Zöllnern sofort auf, neben all den dunkel gekleideten hellhäutigen Geschäftsleuten, die eilig dem Ausgang des Zürcher Flughafens zustrebten. Der Mann trug verwaschene Jeans, eine speckige Lederjacke und einen schwarzen Hartschalenkoffer.

Einer der Beamten hielt den Ausländer an und bat ihn, doch einmal den Koffer zu öffnen. Unter ein paar Hemden und Hosen kam eine Lage fein säuberlich gestapelter Dollarbündel zum Vorschein. Der Wert: umgerechnet rund 230 000 Mark.

Eine Begrenzung für die Einfuhr von Geld gibt es nicht in der Schweiz, der Südamerikaner hat sich demnach nichts zuschulden kommen lassen. Dennoch forderten ihn die Beamten auf, mit zur Polizeistation zu kommen.

Der Verdacht lag nahe, das Geld könne aus schmutzigen Geschäften stammen. Schließlich war der Mann gerade mit einer Maschine aus Miami, dem größten Drogenumschlagplatz der Vereinigten Staaten, gekommen.

Der Südamerikaner entpuppte sich später als Kurier, der die Barschaft amerikanischer Geschäftsleute bei Zürcher Banken einzahlen sollte. Die Beamten hatten keine Handhabe gegen ihn, sie mußten ihn ziehen lassen.

Kein Einzelfall, die Schweizer gucken seit geraumer Zeit genauer hin, wer Geld über ihre Grenzen schleppt. Das Land, in dem das Bankgeheimnis einst den gleichen Rang hatte wie anderswo das Beichtgeheimnis, bietet sich nicht mehr, wie einst, allen Geldflüchtigen als sicherer Hafen an.

Sowas spricht sich rum, zum Leidwesen der Schweizer Banker, die jahrzehntelang auskömmlich von dem lichtscheuen Geld lebten und die nun um ihre einträglichen Geschäfte bangen. Der Bankenplatz Schweiz, einst die allererste Adresse in der kapitalistischen Welt, büßt seinen Spitzenplatz ein.

Ob Lire der Mafia, Dollar des Philippinen-Diktators Marcos, die Milliarden des Nicaragua-Herrschers Somoza - bei den Adressen der Zürcher Bahnhofstraße fanden sie jahrzehntelang alle ein sicheres Versteck.

»Profit um jeden Preis« sei die Devise der Schweizer Banker, schimpft seit Jahren der eidgenössische Nestbeschmutzer Jean Ziegler, Sozialdemokrat und Soziologie-Professor in Genf.

Die anhaltende Kritik an diesem Zustand, die mehr aus dem Aus- als dem Inland kam, hat die Schweizer lange Zeit erstaunlich unberührt gelassen. Doch inzwischen mühen sich die Eidgenossen gegenzusteuern.

Das Strafgesetzbuch wurde um einen bedeutsamen Paragraphen erweitert. Nimmt heute ein Bankier Gelder an, »die, wie er weiß oder annehmen muß, aus einem Verbrechen herrühren«, dann muß er mit Gefängnis bis zu fünf Jahren und einer Geldbuße rechnen.

Die Angestellten hinter den Bankschaltern sind jetzt gesetzlich verpflichtet, bei ihren Geschäften »mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt die Identität des wirtschaftlich Berechtigten festzustellen«.

Mit anonymen Konten soll demnächst gänzlich Schluß gemacht werden. Die eidgenössische Bankenaufsicht will es Anwälten verbieten, treuhänderisch für nicht genannte Kunden Bankkonten zu eröffnen.

Fällt auch diese Form der Diskretion, dann werden noch mehr Gelder an der Schweiz vorbei an sicherere Orte fließen. Vom Standortvorteil Schweiz rede _(* Im Goldtresor der Schweizerischen ) _(Kreditanstalt. ) »längst niemand mehr«, meint Oskar Holenweger, Chef der Zürcher Bank Vontobel.

Hans-Ulrich Doerig, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA), plagt schon die Angst, sein Land müsse sich, wenn nichts Entscheidendes passiert, »aus dem Netz der wichtigsten internationalen Finanzplätze «.

Die Konkurrenz schläft nicht, in den vergangenen Jahren haben andere Banken-Plätze den Schweizern manchen vermögenden Kunden weggeschnappt: das benachbarte Fürstentum Liechtenstein beispielsweise, wo nach wie vor allergrößte Diskretion garantiert wird; oder das Großherzogtum Luxemburg, das sich vor allem bei den Deutschen zunehmender Beliebtheit erfreut.

Wie die edle Kundschaft reagiert, beschreibt Walter Frehner, Chef des Schweizerischen Bankvereins, an einem Beispiel. Vor zwei Jahren mußten sich Anwälte, die für einen anonymen Mandanten ein Konto eröffnen wollten, mit einer Neuerung vertraut machen. Sie wurden verpflichtet, ein Formular zu unterschreiben, das einige unangenehme Erklärungen enthält. Sofort, so Frehner, seien von jeder der drei Schweizer Großbanken »ein paar hundert Millionen Franken nach Luxemburg« abgeflossen.

Daß der Bankenplatz Schweiz nicht mehr ist, was er mal war, hat allerdings nicht nur mit einer besseren Kontrolle der einfließenden Gelder zu tun. Dafür sorgt auch der Umstand, daß die Geldanlage anderswo preiswerter zu haben ist.

Die Schweizer Banker befürchten, »größere Teile des Wertpapiergeschäftes steuerbedingt« zu verlieren, wie es in einer Studie des Zürcher »Arbeitskreises für Kapital und Wirtschaft« heißt.

Der erlesene Zirkel, dem Bankiers wie Industrielle angehören, wehrt sich vehement gegen die Schweizer Stempelsteuer, die den Kauf und Verkauf von Wertpapieren verteuert. Einen vergleichbaren Tribut gibt es an vielen anderen Börsenplätzen nicht.

Zu allem Übel kassiert der Fiskus obendrein noch eine Verrechnungssteuer auf Dividenden und Zinsen. Die Quellensteuer beträgt 35 Prozent, was Weltspitze ist.

Der Rückgang im Auslandsgeschäft trifft die Geldhändler zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Auch daheim, zwischen Basel und Chiasso, ist das Geldverdienen schwerer geworden.

Viel zu groß und zu teuer ist der Apparat des Kreditgewerbes inzwischen. In den guten Jahren weiteten die Geldinstitute ihr Geschäft mit aller Macht aus, richteten eigene Niederlassungen an den internationalen Finanzplätzen ein, eröffneten, wo es nur ging, Filialen im eigenen Land und verpflichteten Personal im großen Stil. Die Kosten stiegen unaufhörlich.

Die Rechnung ginge auf, wenn gleichzeitig die Erträge steigen würden. Nur, die schrumpfen in nahezu allen Häusern. Im klassischen Banker-Geschäft, dem Hereinnehmen und dem Ausleihen von Geldern, wird es zunehmend schwierig, eine auskömmliche Spanne zu kassieren.

Innerhalb von eineinhalb Jahren verdoppelten sich die Zinsen für kurzfristig hereingenommene Kundengelder auf gut acht Prozent. Für den Auftrieb sorgte die Notenbank, die das Geld wegen allgemein steigender Preise verknappt hatte. Immer mehr Kunden legten daraufhin ihre Franken auf gut verzinsten Festgeldkonten an.

Der Effekt: Die Banken müssen vergleichsweise viel für hereingenommenes Geld zahlen, können aber auf der anderen Seite nicht mehr für die ausgegebenen Hypothekengelder nehmen. Die sind langfristig festgeschrieben; außerdem wurden die Hypothekenzinsen auch noch einer staatlichen Preiskontrolle unterworfen.

»Praktisch in allen Bereichen des Kreditgeschäfts«, so SKA-Chef Robert Jeker, habe sich die Marge verschlechtert.

Im Inland schrumpfen die Gewinnspannen, aus dem Ausland wird der Geldstrom spärlicher - für die Schweizer Großbanken ist der Negativ-Trend zwar betrüblich, aber nicht existenzgefährdend.

Ein Institut wie die Kreditanstalt sei »gut gerüstet«, meint ihr Chef Jeker, dank »starker Präsenz« an den wichtigen Weltfinanzplätzen, dank einer »guten Bilanz« mit vorsorglich angelegtem Fettpolster. Das gilt genauso für die anderen beiden Großen, den Bankverein und die Bankgesellschaft. Auf viele andere der übrigen 510 Banken und 1220 Raiffeisenkassen in der Schweiz stehen jedoch vor schweren Zeiten. Vor allem die kleinen Geldinstitute werden »erhebliche Schwierigkeiten« bekommen, weiß Thomas Rufer, der Bankexperte der Beratungsgesellschaft Arthur Andersen in Zürich. Und das sei der Großteil.

Übernahmen, Zusammenschlüsse, »aber auch Konkurse«, so Jeker, sind während der nächsten Jahre zu erwarten.

Die spektakulärste Übernahme in der jüngsten Zeit fädelte der Kreditanstalt-Chef selbst ein. Im Sommer legte sich seine Banken-Gruppe die Zürcher Bank Leu zu. Der traditionsreiche Vermögensverwalter hatte erhebliche Ertragsprobleme.

Vielen kleinen Geldhäusern wird wohl noch nicht mal das Glück eines Aufkaufs widerfahren. Ihnen bleibt nur, so Hans Schmid von der eidgenössischen Bankenaufsicht, die »Liquidation als Alternative«.

Peter Wild vom Bankhaus Julius Bär wagt gar den Vergleich mit einem anderen urschweizerischen Gewerbe, das um ein Haar von der ausländischen Konkurrenz plattgemacht worden wäre. Die Banken des Alpenlandes, so Wild, machten derzeit das durch, was »die Uhrenbranche in den siebziger Jahren durchstehen mußte«.

* Im Goldtresor der Schweizerischen Kreditanstalt.

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