»Schwerer Schlag« - DER SPIEGEL
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»Schwerer Schlag«

Ein kleines Geldhaus in London diente offenbar als Hausbank der Taliban.
• aus DER SPIEGEL 41/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach außen führt Roger Ivett, 48, ein unscheinbares Leben. Der Brite wohnt zusammen mit seiner Frau, einer Lehrerin, und dem kleinen Sohn in einem Haus in Harlington, 30 Meilen nördlich von London. Seine Nachbarn wissen nur, dass er als Banker in der City arbeitet und jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit fährt.

Was sie nicht wissen: Sein Arbeitgeber ist das Taliban-Regime in Afghanistan. Den gottesfürchtigen Kriegern mit den langen Bärten gehört die Afghan National Credit and Finance Limited, eine Tochtergesellschaft der Bank Milli mit Hauptsitz im zerstörten Kabul.

Ivett und sein Kollege, der Afghane Mohammed al-Jailaki, sind die Direktoren der Bank, die im vierten Stock eines schmuddeligen Backsteinbaus im Norden Londons ihr Büro unterhält. Obwohl die Welt am Rande eines Krieges gegen das Taliban-Regime steht, schließt Ivett jeden Morgen die massive Stahltür auf und dreht an dem goldenen Zahlenschloss, das den Eingang sichert.

Vor etwa zwei Jahren, so erzählt ein Angestellter aus dem Nachbarbüro, stürmten mehrere aufgebrachte Mullahs in die Bank und verlangten Geld. Ein paar Sicherheitsleute wurden alarmiert und drängten die Bärtigen schließlich nach draußen.

Wer wegen der fehlenden Klingel an die Stahltür klopft, wird von einem Mann empfangen, der wie ein Leibwächter aussieht. Im Inneren bietet sich ein trostloses Bild: Auf den Tischen liegen Stapel von Computerausdrucken. Die meisten Arbeitsplätze in dem tristen Großraumbüro wurden schon seit längerer Zeit nicht mehr benutzt.

Das mag damit zusammenhängen, dass sich die Bank of England, Geheimdienste und Scotland Yard seit längerem für die Geschäfte der Afghan National Credit interessieren. Schon am 12. April 2000 forderte die Uno ihre Mitgliedstaaten auf, weltweit die Vermögenswerte der Bank Milli, der Muttergesellschaft der Londoner Bank, sowie mehrerer anderer Taliban-Unternehmen einzufrieren.

Auch eine Verbindung direkt zu Bin Laden ist nicht mehr auszuschließen. Aus Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor, dass die afghanische Bank in London enge Geschäftsbeziehungen zur Luxemburger Bank of Credit and Commerce International (BCCI) unterhielt, die 1991 im Rahmen eines internationalen Skandals Konkurs anmeldete. Die BCCI, so berichtete der US-Senator John Kerry erst kürzlich dem Bankkomitee des amerikanischen Senats, war bis 1991 die Hausbank von Osama Bin Laden, dem meistgesuchten Terroristen der Welt. »Als wir sie geschlossen haben, haben wir ihm einen sehr schweren ökonomischen Schlag verpasst«, sagte Kerry, der damals die BCCI-Untersuchungen leitete.

1972 von Arabern und einem Pakistaner gegründet, wurden über die BCCI die Finanzmittel für den afghanischen Widerstand gegen die Russen geleitet. Zu den Profiteuren gehörte auch Osama Bin Laden, der nach Aussage des US-Senators gleich mehrere Konten bei der BCCI unterhielt.

Die BCCI ging unter, ihre Partnerbank Milli aber lebte weiter. Und auch die Geschäfte in London waren nicht beeinträchtigt. Auf Veranlassung des britischen Finanzministeriums reagierte die Bank of England erst am 3. Mai 2000. Ausweislich des Geschäftsberichts wurden bei der Afghan National Credit Vermögenswerte in Höhe von 6,288 Millionen Pfund, rund 20 Millionen Mark, eingefroren. Am 31. Mai 2000 musste die Afghan National Credit schließlich ihre Banklizenz zurückgeben.

Doch die Aktion der Briten gegen die Afghan National Credit im vergangenen Jahr war halbherzig. Denn die Aktiva der Taliban-Bank betrugen im vergangenen Frühjahr nicht 20 Millionen, sondern über 50 Millionen Mark.

Es wurden nämlich nur die Gelder eingefroren, die direkt dem Taliban-Regime zugeordnet werden konnten. Die restlichen Millionen können weiterhin ausgezahlt oder bewegt werden, wenn sich ein rechtmäßiger Besitzer meldet.

Deshalb gehen Taliban-Banker Ivett und seine Kollegen weiter zur Arbeit, als sei nichts geschehen. Zu den Geschäften seiner Bank wollte er sich gegenüber dem SPIEGEL nicht äußern, Fragen sind ihm erkennbar lästig. »Gehen Sie davon aus, dass die Behörden über uns bestens informiert sind«, sagte er.

Deren Verdacht richtet sich auch gegen die Trading Company of Afghanistan, die angeblich nur mit Tierhäuten handelt. »Da wird zurzeit aktiv ermittelt«, sagt ein Insider aus dem Londoner Finanzministerium. Einer der Direktoren der Firma ist der Bankdirektor Ivett. CHRISTOPH PAULY

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